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Bilanz nach zwei Spieltagen: So sehr verändern Geisterspiele den Fußball

Seit zwei Spieltagen läuft die Bundesliga nun wieder - mit Geisterspielen. Hat die Abwesenheit der Fans das Spiel verändert? Ja, hat sie. Zumindest, wenn sich die ersten Trends verfestigen sollten – und das ist nicht zum Nachteil des Spiels.

Technisch versierte Spieler wie Kai Havertz profitieren möglicherweise von der ruhigen Atmosphäre in den Stadien

Technisch versierte Spieler wie Kai Havertz, hier bei seinem Kopfballtor gegen Werder Bremen, profitieren möglicherweise von der ruhigen Atmosphäre in den Stadien

DPA

Die "neue Normalität" ist das Schlagwort schlechthin in der neuen Corona-Ära, in der wir noch einige Zeit leben werden. Die "neue Normalität" hat auch in den Fußball Einzug gehalten, sie heißt hier Geisterspiel. Was noch vor wenigen Wochen als Ding der Unmöglichkeit und quälende Vorstellung galt, wird mittlerweile in der Bundesliga seit zwei Spieltagen praktiziert. Zeit also, eine erste Bilanz zu ziehen.

Eine der großen Fragen vor Beginn der Geisterspielphase war, ob sich das Spiel verändern würde, und wenn ja wie? Und tatsächlich lassen sich einige Veränderungen und Trends feststellen. Sie machen auf jeden Fall eines deutlich (wenn sie sich verfestigen sollten): Der Fußball ohne Zuschauer ist nicht nur stimmungsmäßig ein anderer, sondern auch sportlich.

Mehr Transparenz, mehr Einfluss für Trainer

Da ist zum Beispiel die neue Akustik. Es ist schon oft beschrieben worden, dass sich Geisterspiele jetzt wie Amateurspiele mit wenigen Zuschauern anhören. Man hört jedes Kommando auf und neben dem Platz. Ein Bundesligaspiel "klingt" ohne die gewaltige Fankulisse auf einmal wie eines auf dem heimischen Bolzplatz in der Bezirksliga. Manches davon will man nicht hören, wie zum Beispiel die Pöbelei des Schalkers Jean-Clair Todibo gegen den Dortmunder Erling Haaland im Revierderby am vorvergangenen Wochenende. Laut übereinstimmender Ohrenzeugen soll er seinen Gegenspieler auf Französisch mit dem unschönen Satz "Fick deine Großmutter" bedacht haben. Das solche Beschimpfungen vorkommen, ist nichts Neues, aber bislang hat man sie in der lauten Geräuschkulisse eines voll besetzten Stadions nicht gehört. 

Ein anderes Beispiel ist Bayerns Abwehrchef David Alaba. Auf einmal versteht man, wie er seine Führungsrolle verbal auf dem Platz ausfüllt. So ermahnte er den Schiedsrichter im Spiel gegen Eintracht Frankfurt: "Hey, Schiri, die gehen immer auf den Jungen los". Gemeint waren die wiederholten Attacken der Frankfurter auf den wieselflinken Alphonso Davies. Oder er lobt Mitspieler Ivan Perisic: "Bravo, Ivan, weiter so!"

Jenseits der verbalen Schmankerl beeinflusst die neue Ruhe im Stadion auch das Spiel selbst. So sagte BVB-Coach Lucien Favre nach der erfolgreichen Partie seines Teams in Wolfsburg: "Als positiv empfinde ich, dass die Spieler mich als Trainer im Stadion jetzt besser hören können. Normalerweise verstehen mich immer nur meine Außenspieler." So kann ein Coach stärker direkten Einfluss auf das Spiel nehmen.

Der Heimvorteil existiert nicht mehr

Ein weiterer Trend, der sich nach den ersten beiden Geisterspieltagen abzeichnet, ist: Ein Heimvorteil ohne unterstützende Fans auf den Rängen existiert nicht mehr. In 18 Partien seit Wiederbeginn gab es lediglich drei Heimsiege – ein extrem niedriger Wert. Das verändert die Ausgangslage von Spielen deutlich. Kölns Sport-Geschäftsführer Horst Heldt merkte an, dass gerade der 1. FC Köln vor der Pandemie-Pause von der Euphorie der eigenen Fans und der besonderen Atmosphäre im Kölner Stadion "getragen worden" sei. Dies sei durch die fehlenden Zuschauer im Rücken nun nicht mehr der Fall, sagte Heldt. "Der Wettbewerb hat sich verändert. Das ist auch auf den Sport bezogen sehr spannend. Wenn der Heimvorteil nicht mehr da ist, muss man sich darauf einstellen. Das ist Psychologie, was da momentan stattfindet."

Der Sportwissenschaftler Prof. Ingo Froböse von der Sporthochschule in Köln beschrieb das Phänomen akademisch im ARD-Morgenmagazin: "Die psychische Bereitschaft, doch noch mal höhere Leistung zu erbringen, auch noch mal richtig zu kämpfen, das natürlich letztendlich durch die Fans verstärkt wird, das bricht gerade weg."

Vorteil für technisch starke Mannschaften

Umgekehrt führt die neue Stille im Stadion offenbar dazu, dass technisch versierte Spieler ihre Fähigkeiten besser anbringen können. Vielleicht können sie sich schlicht besser konzentrieren in einer ruhigen Atmosphäre, zudem fällt möglicherweise die Angst vor den Pfiffen der Fans weg. Das würde natürlich kein Spieler offen zugeben, weil man es als Affront gegen die Anhänger verstehen könnte. Ähnlich sieht es der Freiburger Trainer Christian Streich. Er glaubt, dass technisch bessere Teams nicht so sehr auf die Unterstützung der Zuschauer angewiesen und deswegen aktuell im Vorteil seien. Überhaupt lässt sich beobachten, dass das Niveau der Spiele bisher nicht gelitten hat, eher das Gegenteil ist der Fall. Das führt zum letzten Punkt.

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Mehr Spielzeit, weniger Theatralik

Ohne große Kulisse setzten die Profis auf dem Rasen nicht mehr so auf Theatralik. Es wird genauso gekämpft, gerangelt und gefoult, aber schauspielerische Einlagen, um Fans und Schiedsrichter zu beeinflussen, haben abgenommen. Das bestätigen zahlreiche Beobachter. Zudem sind Spielunterbrechungen durch den Schiedsrichter kürzer. Das hat den angenehmen Effekt, dass sich die Netto-Spielzeit erhöht. Der dargebotene Fußball wirkt dadurch auch schematischer und nüchterner. Das ist aber kein Nachteil, im Gegenteil, sportlich tut es dem Spiel gut.

Quellen: "Süddeutsche Zeitung", "ARD-Morgenmagazin", "Sport1", DPA

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