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P. Köster: Kabinenpredigt: Wie Fans in die Fußballstadien zurückkehren können

Geisterspiele bis weit ins nächste Jahr? Es ist gut, dass die Klubs intensiv darüber nachdenken, wie wieder Zuschauer in die Stadien kommen können, findet stern-Stimme Philipp Köster.

In Gladbach druckt man sich die Fans derzeit aus, aber wie sieht der Weg zurück zum richtigen Fußball samt Fans aus?

In Gladbach druckt man sich die Fans derzeit aus, aber wie sieht der Weg zurück zum richtigen Fußball samt Fans aus?

DPA

Zwei Wochen ist es her, da startete die Bundesliga in ein waghalsiges Experiment. Den Ligabetrieb wieder anlaufen zu lassen, inmitten einer Pandemie, begleitet von strengen Sicherheitsvorkehrungen und sehr viel Furcht davor, dass der Fußball für eine Verbreitung des Virus sorgen würde – durch die Kontakte auf dem Spielfeld und durch Fans, die sich vor den Stadien zusammenrotten.

Nun, da der 29.Spieltag absolviert ist, lautet das Zwischenfazit: Bisher ist der Fußball von derlei Unglücksfällen verschont geblieben, sieht man mal von der mittelschweren Katastrophe ab, dass das Meisterschaftsrennen wieder einmal vorzeitig entschieden ist und der FC Bayern seiner achten Meisterschaft entgegenmarschiert. Soviel sportliche Ödnis war selten. Ansonsten aber mühen sich alle Beteiligten nach Kräften, sich von der neuen Normalität, von den menschenleeren Stadien und den Mundschutz tragenden Trainern nicht die Laune verderben zu lassen.

Das wirkt bisweilen bemüht, wenn die Moderatoren und Kommentatoren der übertragenden Sender mit viel Tremolo in der Stimme Tore bejubeln, und bisweilen hilflos, wenn argumentative Verrenkungen unternommen werden, um den aseptischen Spielen einen sozialen, kulturellen, ästhetischen Reiz abzugewinnen. Der Kick in menschenleeren Stadien wurde in Meinungsbeiträgen als Rückkehr zur Urform des Fußballs verklärt und dabei großzügig ignoriert, wie sehr sich der Fußball erst durch die Resonanz des Publikums mit Bedeutung und Energie auflädt. 

Das wissen die Funktionäre natürlich, und es verwundert deshalb nicht, dass in den Klubs bereits Szenarien kursieren, wie denn möglichst rasch wieder Publikum in die Stadien gelassen werden kann. Das klingt auf den ersten Blick absurd, gelten doch gerade Massenereignisse als Treiber der Pandemie, erst kürzlich wurde ja ein Champions-League-Spiel des FC Liverpool als Ursprung zahlreicher Covid-Todesfälle ausgemacht. Aber den Klubs geht es nicht darum, wieder Stehplatztribünen zu füllen und die Haupttribünen auszuverkaufen – all das sind Szenarien für einen Fußball mit Impfstoff oder wirksamen Medikamenten.

Mundschutz, Abstand und personalisierte Tickets

Nein, in den Planspielen geht es um die Frage, wie überhaupt wieder Fans ins Stadien kommen könnten, unter Einhaltung strenger Sicherheitsvorkehrungen. Denkbar scheint derzeit, dass eine begrenzte Anzahl von Zuschauer auf den Tribünen sitzen könnten, mit ausreichend Abstand und Mundschutz. Die Zahl der zugelassenen Anhänger wäre abhängig vom Fassungsvermögen der Arenen. Und es würde kein Weg an personalisierten Tickets vorbeiführen, die im Falle einer Ansteckung die Nachverfolgung ermöglichen würden.

Natürlich sind solche Pläne überaus heikel, nicht nur, weil sich in weiten Teilen der Bevölkerung hartnäckig die Überzeugung hält, der Fußball presche permanent im Bewusstsein seiner gesellschaftlichen Bedeutung voran. Die größere Gefahr liegt in der Aufkündigung eines durch die Pandemie entstandenen Burgfriedens: Indem bisher alle Zuschauer ausgesperrt waren, Logenbesitzer ebenso wie Stehplatzfans, fühlte sich niemand benachteiligt. Nun jedoch würde sich sofort die Gerechtigkeitsfrage gestellt: Wer bekommt ein Ticket zugeteilt? Werden Logenbesitzer bevorzugt? Oder müssten nicht zunächst die aktiven Fans wieder ins Stadion gelassen werden? Alles Fragen, die das Potential haben, für mächtig Zwist und Konflikte zu sorgen.

Losverfahren für mehr Gerechtigkeit

Die Klubs sind deshalb gut beraten, keine halbgaren Planspiele zu diskutieren. Sie müssten alle hygienischen und rechtlichen Fragen überzeugend beantworten. Sie müssen den Datenschutz beachten. Und sie müssten eine Art Losverfahren für die Ticketvergabe etablieren, das für ein Mindestmaß an Gerechtigkeit sorgt. Klar ist aber auch bei allen Bedenken: Es ist gut, wenn die Klubs sich für den Fall der Fälle vorbereiten. Denn Fußball ohne Fans ist keine Urform des Fußballs, sondern einfach nur schrecklich deprimierend.

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