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Meinung

Totes Titelrennen: Die Welt hat auf dieses Spiel geschaut – und sie sah, wie langweilig die Bundesliga wirklich ist

Wie immer wurde der "deutsche Clásico" zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern im Vorfeld zu einem globalen Ereignis hochgejazzt, aber selten war die Ernüchterung hinterher so groß wie diesmal – denn an der Tabellenspitze gibt es in Deutschland einfach keinen Wettbewerb.

Thomas Müller jubelt

Gewohntes Bild in der Bundesliga: Am Ende jubelt Thomas Müller mit dem FC Bayern München

Natürlich haben sie es wieder versucht, die Claqueure von Sky bis "Bild". Wie so oft in den letzten Jahren, haben sie im Vorfeld des sogenannten "deutschen Clásico" auch diesmal den großen Hype ausgerufen und das Bundesliga-Spitzenspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München zum globalen Ereignis hochgejazzt.

Es hat sich einmal mehr als erbärmliche Effekthascherei entlarvt. Aber selbst wenn sich der neutrale Fan vor Anpfiff nicht von der falschen Behauptung des Fachmagazins "Kicker" verschaukeln ließ, dass dieses Spiel wie eh und je die Massen "elektrisiere", ist seine Ernüchterung nach Abpfiff im Corona-Frühling 2020 besonders groß.

Bundesliga Restart Reaktionen

Bundesliga: Behäbiges Treiben an der Spitze

Denn die Erkenntnis ist bitter: Die Welt schaut auf dieses Spiel, hatte es vorher geheißen. Hinterher lässt sich ergänzen: Und sie sah, dass nicht einmal eine Pandemie dem Titelrennen der höchsten deutschen Fußballklasse auch nur den Hauch von Spannung bescheren kann. Das behäbige Treiben an der Spitze der Tabelle stellt bereits seit Jahren bloß die Karikatur eines sportlichen Wettkampfes dar, der von Bezahlfernsehen und Boulevard beständig zu einem Ballon mit mächtig heißer Luft aufgeblasen wird.

Seit Beginn der Saison 2012/13 müssen die Bayern praktisch keinen nationalen Wettbewerb mehr fürchten, weil zwei Drittel der Konkurrenz erst gar nicht versuchen, sich zu wehren, und der ambitionierte Rest zuverlässig die wenigen Chancen versemmelt, den Münchnern auf Augenhöhe zu begegnen.

Es gab Zeiten vor 20 Jahren, die Älteren werden sich erinnern, als die Bayern – schon damals dem restlichen Teilnehmerfeld wirtschaftlich weit überlegen – bevorzugt gegen die "Kleinen" der Liga strauchelten, weil sich die Fußballarbeiter aus Bochum oder Rostock gegen den übermächtigen Rekordmeister besonders gerade machten und die sportliche Unterlegenheit mit einer Extraportion Galligkeit überkompensierten. Exemplarisch dafür steht bis heute der Triumph der Weltpokalsiegerbesieger des FC St. Pauli anno 2002, von dem man sich auf dem Hamburger Kiez noch heute mit glasigen Augen erzählt.

Es waren auch die Zeiten, als die Meisterschaft wenigstens erst am letzten Spieltag (2000: Leverkusen, Ballacks Eigentor in Unterhaching) oder gar in letzter Sekunde (2001: Anderssons Freistoß in Hamburg) entschieden wurde. Man muss kein Nostalgiker sein, um festzustellen: Damals bot die Bundesliga das Spektakel, das sie heute höchstens vorgaukelt. Dramatik wie diese ist heute undenkbar.

Die Bundesliga sieht schwierigen Zeiten entgegen

Das Spitzengeisterspiel zwischen dem BVB und dem FCB hat es geschafft, gleichzeitig eine so fußballerisch anspruchsvolle wie blutleere Veranstaltung zu sein, mit folgerichtigem Ergebnis und einem Joshua Kimmich, der den Gegner nach dem Schlusspfiff im Interview geradezu verhöhnt, als er sagt, dass er die Dortmunder gar nicht so mutig erwartet hätte. Wohlgemerkt: Der Tabellenführer und amtierende Titelträger ist demnach überrascht, dass ihm der Herausforderer mit einem Mindestmaß an Courage begegnet. Nun ja.

Die Fußball-Bundesliga sieht schwierigen Zeiten entgegen: Die erste Neugier auf Partien in leeren Stadien ist bereits verflogen, viele Zuschauer können mit der apokalyptischen Atmosphäre nichts anfangen. Aber die Verantwortlichen sollten sich nicht einbilden, dass dies ihr einziges Problem wäre: Spätestens mit der achten Meisterschaft in Folge, die der FC Bayern in Kürze einfahren wird, hat sich die deutsche Meisterschaft endgültig als totes Titelrennen demaskiert. Die leeren Ränge des Signal-Iduna-Parks im Corona-Frühling 2020 entfalteten auf diese Weise eine erstaunliche Symbolkraft.

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