HOME

Bundesliga-Check: 1. FC Köln: Schultüte, Wundertüte und passiver Fußball

Zu Beginn der Saison mussten die Kölner Spieler die Schulbank drücken. "Wie das funktioniert, fragen Sie besser den Trainer", hieß es zum neuen Spielsystem. Der FC präsentierte sich als Wundertüte. In der Rückrunde soll Solbakkens Philosophie endlich greifen.

Nicht angreifen, abwarten! In Köln verzweifelten Spieler und Beobachter lange Zeit am neuen Spielsytem von Trainer Stale Solbakken. Außerhalb des Grüns gab sich der FC mal wieder als Karnevalsverein, während Lukas Podolski die beste Halbserie seiner Karriere spielte. Wir berichten in unserer Bundesligavorschau zum 1. FC Köln über Abwehrsorgen und Angriffsfreuden.

Falschester Satz aus dem Sommer-Check

"BVB-Trainer Jürgen Klopp hat den FC im kicker sogar zu einem möglichen Überraschungsteam erklärt. Mit den Eindrücken der vergangenen Rückrunde im Hinterkopf könnte man zu dieser Ansicht gelangen.“ Das Überraschungsteam der Hinrunde waren die Kölner nicht, den Titel heimste die Gladbacher Borussia ein. Allerdings relativierte sportal.de-Redakteur Marcus Krämer seine Aussage fast im gleichen Atemzug und fügte hinzu, dass es zu "normalen Anlaufschwierigkeiten unter einem neuen Trainer“ kommen könnte. Genau damit sollte er recht behalten.

Solbakken wurde gerade wegen seiner Fußballphilosophie geholt, doch zunächst verstanden die Spieler ihn nicht. "Es wird nicht so viel auf den Mann geschoben, sondern mehr zugestellt“, versuchte Sascha Riether kurz nach dem 0:3-Auftaktdebakel gegen den VfL Wolfsburg zu erklären. "Aber ich glaube, wie das funktioniert, fragen Sie besser den Trainer.“ Dieser versuchte weiterhin seine in Kopenhagen erfolgreich praktizierte "passive“ Spielweise an den Mann zu bringen.

Kernpunkt seines Systems ist die ballorientierte Verteidigungsarbeit und schnell ausgespielte Konter. Solbakken lässt seine Abwehrreihe hoch stehen, allerdings werden die angreifenden Offensivkräfte nicht mit aggressivem Pressing attackiert. Es wird versucht durch ballorientiertes Verschieben die Passwege zuzustellen und in den Zonen Überzahl zu schaffen. Wird der Gegner ungeduldig und spielt schlampige Pässe, soll nach Ballgewinn blitzschnell gekontert werden, wobei sich die hoch aufgerückte Viererkette dann als Vorteil erweist.

Allerdings birgt das System auch viele Gefahren. Die Mannschaft muss in der Defensivarbeit äußerst diszipliniert agieren. Die Spieler müssen ihre Position kennen und das Verschieben perfekt beherrschen. In der Hinrunde fiel das Kölner Team nach Gegentoren oft komplett auseinander (z.B. gegen Schalke, Hertha und Dortmund oder beim 0:3 in München, wo man fast 60 Minuten in Überzahl agierte). Dem Team fehlte die Sicherheit und das Vertrauen, das System erfolgreich umsetzen zu können.

Für Solbakken waren die spieltaktischen Automatismen selbstverständlich. "Aber sie waren es nicht für die Spieler. Das habe ich unterschätzt“, so der Norweger. "Viele haben gedacht, was muss ich jetzt machen und haben dabei ihren Instinkt verloren", erklärte der FC-Coach im kicker, woran es in der Hinrunde haperte. Allerdings soll nun alles besser werden. "Jetzt kenne ich die Spieler und die Liga besser", so Solbakken im kicker.

Der Norweger glaubt, dass seine Mannschaft nun "stabiler" auftritt und dass "vielleicht zehn bis 15 Tore weniger“ kassiert werden könnten. 15 Tore weniger? Da fragt man sich schon, ob der Trainer denn nun total "jeck jeworden“ ist. Jeck wurden die Fans nicht zuletzt auf der Mitgliederversammlung ihres Clubs.

Größte Enttäuschung

Der "EffZeh" gab im nicht-sportlichen Bereich mal wieder den Karnevalsverein. Rund um den Rücktritt von Wolfgang Overath ließ kaum ein Beteiligter ein Fettnäpfchen aus. Souveräne Führungsstärke wurde allenthalben vermisst. Ist Overath als Spieler eine Club-Legende, scheint ihm als Präsident kaum einer eine Träne nachzuweinen. Die Verstimmung des Investors Franz-Josef Wernze zeigt allerdings zuletzt wieder einmal, dass auch in der Geschäftsführung weiterhin Fehler gemacht werden. Ein wirtschaftlich kompetenter Übergangspräsident soll die Kölner in diesem Bereich in ruhigeres Fahrwasser geleiten.

Hoffnungsträger

Der Hoffnungträger heißt Milivoje Novakovic. Der Stürmer absolvierte nur sieben Spiele zu Beginn der Hinrunde, fiel dann wegen einer Muskelentzündung aus. "Mit ihm können wir in der Offensive endlich wieder über die Flügel angreifen und Flanken in den Strafraum spielen, wie ich es mir vorstelle", äußerte sich Solbakken laut general-anzeiger-bonn.de erleichtert über die Rückkehr des Mittelstürmers. Dabei agierten die Kölner in der Offensive auch mit dem Ein-Mann-Sturm Lukas Podolski äußerst effizient und dazu erfolgreich.

Podolski schoss in 16 Spielen 14 Tore. Der FC machte aus nur 136 Torchancen (Liga-Flop) 27 Tore – diese Chancenverwertung ist wiederum Ligaspitze. Zum Vergleich, Gladbach konnte aus 254 Chancen nur 25 Tore machen (Daten bild.de). Mit dem rechtzeitig wiedergenesenen Lukas Podolski und Milivoje Novakovic soll nun noch erfolgreicher gestürmt werden. Wir haben den Köln-Experten des kickers befragt, ob in der Rückrunde Milch und Honig den Rhein runter fließen.

Frage an den Fachmann

In der Offensive soll durch die Rückkehr von Milivoje Novakovic noch mehr Torgefahr entstehen. Durch die guten Leistungen von Lukas Podolski war die Offensive sowieso schon stark, ist der FC in der Rückrunde somit noch stärker einzuordnen?

Stephan von Nocks ("Kicker"):

Natürlich kommt mit Novakovic eine neue Qualität dazu, die die Mannschaft ohne ihn nicht hatte. Ohne ihn fehlte dem FC ein Strafraumstürmer. Deswegen ließ Solbakken ohne Novakovic auch weniger über die Flügel spielen, da ein Abnehmer für die Flanken fehlte. Durch die Abschlussstärke von Novakovic im Strafraum bestehen hier wieder andere Möglichkeiten. Allerdings stellt sich umgekehrt die Frage, ob dadurch Nachteile in der Rückwärtsbewegung entstehen. Man hat mit Novakovic und Podolski zwei Spieler, deren Qualitäten nicht unbedingt in der Defensivarbeit liegen. Zuletzt spielte ja meist Mato Jajalo als hängende Spitze, der als gelernter Mittelfeldspieler mehr nach hinten arbeitete.

Bleibt die Defensive das Problem? Solbakken kündigte dort Verbesserungen an.

Stephan von Nocks: Solbakken sagte im Trainingslager, die Mannschaft wisse jetzt, was er wolle, und auch er kenne die Mannschaft besser. Deswegen hofft er, dass sich sein Team stabiler präsentiert und zehn bis 15 Tore weniger kassiert. Doch auch wenn der FC in den Testspielen defensiv stabiler wirkte, halte ich es für voreilig, daraus abzuleiten, dass nun die Automatismen wirklich sitzen. Ein Vorteil gegenüber dem Sommer ist auf jeden Fall, dass Solbakkens Konzept jetzt für die Spieler nicht mehr neu ist. So konnten im Trainingslager die taktischen Abläufe weiter eingeschliffen werden. Allerdings fehlen zum Start mit Sereno und Jemal auch zwei Spieler, die fest für die Abwehr eingeplant sind. Mit einer Prognose, dass nun alles reibungslos funktioniert, sollte man vorsichtig sein.

Prognose

Köln bot in der Hinrunde eine Berg- und Talfahrt. Dem Team von Taktik-Guru Solbakken fehlte jegliche Konstanz. Allerdings bewahrte man in der Trainerfrage die Ruhe und vermied es, nach schwierigem Saisonbeginn den 14. Trainer innerhalb der letzten zehn Jahre allzuschnell wieder vor die Tür zu setzen. Dabei war nicht nur die Systemanpassung das Problem der Hinrunde, auch das Verletzungspech schlug gnadenlos zu. Sollte der FC vom Verletzungspech verschont bleiben und sich die Automatismen im Defensivverhalten tatsächlich eingeschliffen haben, ist ein einstelliger Tabellenplatz möglich. Aufgrund der Leistungsschwankungen ist der derzeitige Platz zehn allerdings ein realistisches Ziel. 

Michel Massing

sportal.de / sportal

Wissenscommunity