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Bundesliga-Teamcheck: Werder Bremen: Es droht: der Untergang

Bei Werder ist fast alles neu - nur die Probleme sind die alten. Das peinliche Pokal-Debakel gegen Saarbrücken hat gezeigt: Es hakt fast überall. Wenn jetzt nichts passiert, droht das Unvorstellbare.

Von Klaus Bellstedt

In Bremen beginnt eine neue Zeitrechnung: Es ist die erste Saison nach 14 Jahren Thomas Schaaf. Für viele Fans ist das immer noch unvorstellbar. Und für ein paar Werder-Angestellte offenbar auch. Bei der Mannschaftsaufstellung vor dem Test gegen den FC Fulham blendete die Stadionregie im Weserstadion nach den elf Spielern ein Foto von Thomas Schaaf ein. Robin Dutt nahm es mit Humor. Das spricht schon mal für den neuen Trainer. Drei Spielzeiten hintereinander hat Werder Grütze gespielt. "Jahre voller Frust" heißt es in der Vereinshymne in Anspielung auf die erste Zeit nach Otto Rehhagel. Und dann: "Doch Werder wir komm' wieder." Schafft Dutt jetzt den Turnaround? Der Anfang ging jedenfalls mit der peinlichen Pokalniederlage in Saarbrücken gründlich daneben.

Was ist neu?

Alles, wirklich alles. Nur das Weserstadion steht noch immer da, wo die Weser einen Knick macht. Zuerst der Trainer, der bisher einen guten Eindruck hinterlässt - auch weil er auf die Spieler zugeht. Den Pokal-K.o. analysierte er zudem schonungslos und suchte keine Ausreden: "Das ist der worst case. Wenn man das erste Pflichtspiel als neuer Trainer verliert, dann erschwert das die Arbeit", so Dutt. Auch mit dem sensiblen Thema Thomas Schaaf, der in der Hansestadt Heldenstatus genießt, geht er klug und sensibel um. Es ist Dutts bescheidenes und doch bestimmtes Auftreten, was ihn nicht nur sympathisch, sondern auch zu einem Hoffnungsträger macht - trotz Saarbrücken. Davon gab es in Bremen zuletzt nicht sehr viele.

Auch Thomas Eichin gehört zu ihnen. Der ist zwar schon ein bisschen länger da, gefühlt steht aber auch der Manager vor dem Start. Eichin hat in seiner kurzen Amtszeit bisher wirklich jeden Winkel des Traditionsclubs durchgefegt und vom Torwarttrainer bis zum Zeugwart Kündigungen ausgesprochen. Der Mann traut sich was. Werder war unter Schaaf (und Allofs) zuletzt gelähmt. Damit ist es vorbei. Dank Eichin. In Sachen Transfers muss aber dringend noch etwas passieren. Mit dem italienischen U21-Kapitän Luca Caldirola als Innenverteidiger und Cedrick Makiadi auf der Sechserposition wurden erst zwei neue Spieler verpflichtet. Die haben es auf Anhieb in die Startelf geschafft. Aber die erste Mannschaft braucht nach den Abgängen der beiden Schlüsselspieler Sokratis und Kevin de Bruyne noch mehr Verstärkung, wenn man nicht wieder gegen den Abstieg spielen will.

Eine Überlegung von Dutt und Eichin sieht wohl so aus: Marko Arnautovic nach Spanien verkaufen und für das Geld Diego Contento von den Bayern für die traditionell schwache linke Seite sowie einen weiteren Offensiven (etwa Valentin Stocker vom FC Basel oder Alfred Finnbogason aus Heerenveen) verpflichten. Der Applaus wäre dem neuen Bremer Führungsduo sicher. Was sonst neu ist? Zuletzt wurde ein 4-3-3-System eingeübt - mit Hunt als Neuneinhalber. Das hätte schon was. Dass Eljero Elia und Mehmet Ekici zu Dutts Wunschelf gehören und ihre Plätze sicher haben, damit war auch nicht unbedingt zu rechnen.

Was ist gut?

Was ist gut nach einer Blamage zum Auftakt der neuen Saison gegen einen Drittligisten? Gar nichts! Und wenn, dann nur, dass es nach dem 1:3-Debakel keine Ausflüchte gab.

Was ist schlecht?

Wo fängt man an? Wo hört man auf? Die Mängelliste der Grün-Weißen ist enorm lang. Bedenklich lang. Das gute Gefühl ist auf einen Schlag von den Versagern von Saarbrücken zerstört worden. Was die Fans so wütend macht: Wie so oft in den vergangenen Jahren stimmte die Einstellung nicht. Niemanden in Bremen überrascht, dass die Abwehr in dieser Konstellation nicht erstligareif ist. Es ist auch nicht neu, dass im Spiel nach vorne viel zu behäbig agiert wird und aus den Chancen zu wenig Tore erzielt werden. Es fehlt einfach die Qualität im Kader - in nahezu allen Mannschaftsteilen. Aber dass sich Werder wieder nicht richtig wehrt und das Mentalitätsproblem anscheinend immer noch im Kader vorhanden ist, ist das eigentlich Fatale.

Hinzu kommt nun, dass dem finanziell nicht gerade auf Rosen gebetteten Club nach dem Pokal-Aus eine Einnahmequelle früh weggebrochen ist.

Und wo sind eigentlich die Talente? Wo sind die vom Nachwuchsleistungszentrum ausgebildeten hungrigen Typen, die nach oben wollen und Druck auf Spieler wie Clemens Fritz oder Aaron Hunt machen? Füllkrug, Trybull, Hartherz, Kroos: Immer mal wieder poppen die Namen der Youngsters auf, aber auf den Durchbruch wartet man vergeblich. Ist er ihnen überhaupt noch zuzutrauen? Zweifel bleiben. Leider.

Auch die Personalie Arnautovic nervt. Mitspieler, Anhänger und Verantwortliche. Der Österreicher hält derzeit still, er wartet, dass er wechseln kann. Einen Stammplatz hat er nicht bei Dutt. Warum auch? Wie es um die Laune des Egomanen bestellt ist, kann man sich nur denken. Seine Körpersprache vor und nach dem Training am Osterdeich spricht jedenfalls Bände. Für das interne Klima ist Arnautovic immer eine Gefahr.

Was ist möglich?

Die vorsichtige Aufbruchstimmung, die in Bremen auch wegen und durch Robin Dutt entstanden war, ist dahin. Geht jetzt auch noch der Liga-Start gegen Aufsteiger Eintracht Braunschweig in die Binsen, ist sofort wieder das Krisengerede da. Und Werder droht möglicherweise erneut eine Horrorsaison. Aber dieses Mal könnte wirklich der Gau eintreten. Wie der Abstieg verhindert werden kann? Nur mit mehr Qualität. Zwei Spieler, die der verunsicherten Mannschaft auf Anhieb auch helfen können, müssen kommen. Wenn Dutt es dann noch schafft, der Mannschaft ihren Schlendrian auszutreiben, ist eine Platzierung zwischen Platz 11 und 15 möglich. Wenn nicht, könnte das Unvorstellbare eintreten.

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