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Bayern-Torwart Manuel Neuer: Ultras diktieren Benimmregeln für den Ex-Schalker

Nach Plakataktionen gegen ihn, hat sich Torwart Manuel Neuer mit den Hardcore-Fans der Bayern auf einen kuriosen Verhaltenskodex geeinigt. So darf er zum Beispiel nicht das Vereinswappen küssen.

Es ist sein Ritual: Immer, wenn Manuel Neuer vor Anpfiff einer jeden Hälfte an seine Arbeitsstätte, sprich zu einem der Tore, läuft, macht er genau dieselbe Aktion. Der Keeper sprintet auf der Torlinie von einem Pfosten hinüber zum anderen, berührt jeweils das gute Stück und zum Abschluss mit beiden Armen noch die Latte. Hallo Pfosten, guten Abend, ich bin's, der Manuel. Und - ganz Neu-Bayer - servus, Latte. Auf ein gutes Spiel. Die Menschen hinter dem Tor nimmt der 25-Jährige dabei kaum wahr. Dabei waren sie Neuer am Mittwochabend in der neuen Mainzer "Coface"-Arena durchaus wohl gesonnen. Die Fans des Gastgebers dieses Vorbereitungsturniers applaudierten, die BVB-Fans pfiffen - ganz in alter Tradition. Schalker bleibt Schalker. Wenn er dann zum FC Bayern wechselt, umso schlimmer.

Dass die Causa Neuer mittlerweile von landesweiter Bedeutung ist, zeigte ein Statement des Mainzer Stadionsprechers kurz vor Anpfiff: "Ein Dankeschön an die Fans von Mainz 05, die wissen, wie man einen Gast begrüßt: Zum Beispiel: Manuel Neuer." Und der steht gewaltig unter Druck. Nicht nur, dass man beim FC Bayern Titel holen muss und das als Neuling zu lernen hat. Auch die Ultras machen ihm das Leben schwer. Bei einem Geheimtreffen letzte Woche in München mit fünf Ultra-Gruppierungen wurde ein Abkommen getroffen. Man könnte sagen, ein Waffenstillstand vereinbart. Keine weiteren Proteste der Ultras - aber nur, wenn er sich an gewisse Verhaltensregeln hält. Und zwar: Er solle nach einem Spiel nicht sein Trikot in die Fankurve werfen, nicht demonstrativ das Bayern-Wappen küssen, keine Tänze vor der Südkurve mitmachen und schon ja keine Animation per Megafon für das Humba-Lied. All das eben, was er früher als Schalker gemacht hat.

Gnädige Stimmung beim "Ligatotal!"-Cup

Der erste Testfall: Das richtige Heimdebüt kommende Woche beim Audi-Cup mit zwei Spielen an zwei Abenden in der Allianz Arena. Im Vorstand hofft man, dass das Gros der Zuschauer bei einem eventuellen Rückfall in Anti-Neuer-Stimmung die Störenfriede niederpfeift. Aus Verein, Trainerstab und Mannschaft erhält Neuer volle Unterstützung. "Manuel ist in seinen jungen Jahren schon eine Spielerpersönlichkeit", sagte Bayern-Trainer Jupp Heynckes über die Anfeindungen einiger Ultra-Fans, "er hat das alles weggesteckt, ist sehr ruhig und gelassen damit umgegangen." Für Kapitän Philipp Lahm steht fest: "Die eigenen Fans sollten ihre Spieler bedingungslos unterstützen, das erwarten wir von ihnen. Manuel Neuer ist nun ein Teil der Mannschaft. Proteste gegen ihn treffen daher auch das gesamte Team." Die meisten haben es kapiert. Denn von den Bayern-Anhängern in Mainz hatte es im Spiel um Platz drei beim "Ligatotal!"-Cup ganz besonders freundlichen Applaus gegeben, wie schon Tags zuvor beim 1:2 im Halbfinale des 60-minütigen Tests gegen den Hamburger SV. Doch zu befürchten waren anders als vor zwei Wochen während des Trainingslagers am Gardasee auch keine weiteren Attacken auf Spruchbändern seitens der Ultras. Denn: Solche Turniere meiden die Hardcore-Fans. Zu viel Kommerz, sie wollen puren Sport. Es zählt, wenn es Punkte geht, nicht um künstliche Titel.

Wahre Werte eben. Tradition, Treue, Authentizität. So ticken die Fans, die alles ihrer Liebe verschreiben. Und sie wollen dies auch zurückbekommen - keine künstliche Form der Zuneigung. Söldnertum lehnen sie ab. Und daher war der Wechsel von Neuer, einem gebürtigen Gelsenkirchener, ein Kind des Parkstadions, ein Kurvenjunge, auch so delikat. Man nahm Neuer übel, dass er einst auf den Zaun der Schalker-Fans stieg und Schlachtgesänge per Megafon anstimmte, noch dazu in einem T-Shirt auf dem "Buerschenschaft" stand. Weil er eben aus dem Stadtteil Buer stammt.

Unverzeihlich: Der Eckfahnen-Jubler

Dies wollte Neuer kürzlich explizit klarstellen: "Das ist keine Ultra-Vereinigung, sondern das sind ganz normale Jungs. Ein Freundeskreis von 20 Leuten, die nicht alle Fußball-interessiert sind", sagte er in Riva, "die haben mir auch nicht die Mitgliedschaft gekündigt wegen meines Wechsels, das ist Schwachsinn." Der Mann hatte einen Vergleich vorbereitet: "Das wäre so, als gäbe es eine ,Schwabingschaft', also ein paar Freunde, die zusammen Schafkopf spielen." Neuer hofft, dass man ihm auch den Eckfahnenjubel à la Bayern-Legende Oliver Kahn nach einem 1:0-Sieg der Schalker im April 2009 verzeiht. Neuers Eigen-Alibi: "Ich hatte da einen Blackout, bin zur Eckfahne gerannt, das war spontan, einfach aus Freude. Ich war ja noch jung."

Plakatierte Ablehnung

Für die Bayern-Ultras ist das alles unverzeihlich. Sie lehnten ihn in einer beispiellosen Plakataktion ("Koan Neuer") ab, griffen ihn auf Spruchbändern böse an. Der letzte Eklat: Am Gardasee hing kurz vor Anpfiff des ersten Testspiels gegen eine Trentino-Auswahl (15:0) auf dem Zaun der Gegengerade: "Du kannst auch noch so viele Bälle parieren. Wir werden Dich nie in unserem Trikot akzeptieren." Das "Du" in blauer Farbe für den Ex-Schalker, das "unserem" in Rot. Die Bayern-Verantwortlichen reagierten empört, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sprach davon, "dass er fast einen Tobsuchtsanfall bekommen habe".

Doch diese erneute Attacke auf Neuer stammte nicht von den Ultras der "Schickeria", die im Frühjahr massiv Stimmung gegen den Transfer des gebürtigen Gelsenkircheners gemacht hatten, sondern vom Ultra-Fanklub "Inferno Bavaria", vertreten mit circa 40 Mann. Das Plakat war gekennzeichnet mit "IB 01", den Initialen und dem Gründungsjahr.

Doch nun wollen diese Ultra-Vereinigungen vorerst Ruhe geben, sich neutral verhalten. Einzige Bedingung: Neuer soll nicht sofort auf Herzensbayer machen und sich den Südkurven-Fans anbiedern. Die Herzen des Großteils der Anhänger hat er jedoch schon erobert. "Mia san mia. Mia san Neuer", stand auf einem Plakat. Und das einen Tag nach der Anfeindung am beschaulichen Gardasee.

Von Stephan David, Mainz

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