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Bundesliga-Check: Borussia M'gladbach Lucien Favre - vom "Verhüterli" zum "Verbesserli"?


Nach der aufreibenden Saison mit Last-Minute-Rettung ist man in Gladbach einfach nur froh, weiter erstklassig zu sein. Jetzt wollen die Fohlen die Chance nutzen und sich endlich dauerhaft im Oberhaus etablieren. Trainerfuchs Lucien Favre soll den Plan in die Tat umsetzen.
Von Dieter Hoß

Erst sicherten sich die Gladbacher Fohlen in zwei nervenaufreibenden Relegationsspielen gegen den VfL Bochum den Klassenerhalt. Dann scheiterte die dilettantisch vorbereitete Revolution der "Initiative Borussia" um Ex-Star Stefan Effenberg und Ex-Trainer Horst Köppel, die die Verhältnisse im Verein grundlegend verändern wollte. Es war viel los in Mönchengladbach in der vergangenen Saison; meist nichts Gutes. Am linken Niederrhein sind daher alle schlicht froh, dass es in der Bundesliga weiter geht.

Was ist neu?

Echte Neuerungen gibt es im Borussia-Park meist in der Winterpause. So war es auch in der letzten Saison, und es war bitter nötig. Ohne Martin Stranzl, Havard Nordveidt und Mike Hanke wäre die beispiellose Aufholjagd wohl kaum gelungen. Und ohne Lucien Favre ganz sicher auch nicht. Der Schweizer Trainerfuchs kam spät und avancierte rasch zum Abstiegs-"Verhüterli" für einen verlorenen Haufen, der bis dato fleißig Gegentore und Rote Karten sammelte. Mutig machte er Eigengewächs Marc-André ter Stegen, eines der größten deutschen Torhüter-Talente, zur Nummer 1 und besetzte die rechte Abwehrseite mit dem Youngster Tony Jantschke neu. Wie er den Spielern neues Selbstvertrauen und den Glauben an die eigene Stärke einimpfte, bleibt Favres Geheimnis.

Vergleichsweise bescheiden fallen die aktuellen Neuerungen aus. Mit dem schwedischen Nationalspieler Oscar Wendt kommt ein gestandener Linksverteidiger vom FC Kopenhagen an den Niederrhein. Bisher scheint er sich gegen Teamkapitän Filip Daems aber nicht durchsetzen zu können. Ansonsten haben die Borussen ihren Fohlenstall mit nicht weniger als acht Spielern im Alter von 19 bis 21 Jahren aufgerüstet - darunter mit Yuki Otsu (21) Gladbachs erster Japaner, Jugend-Nationalspieler Lukas Rupp (20), der Chancen hat in Abwesenheit von Juan Arango die linke Mittelfeldseite zu besetzen, und der Norweger Joshua King (19) von Manchester United, der in Gladbach ein Jahr lang Spielpraxis sammeln soll. Nach einem halben Jahr "Strafversetzung" zu Aris Saloniki ist Raul Bobadilla wieder zurück; Favre kennt und schätzt den bulligen Argentinier aus dessen Zeit in der Schweizer Liga. Ebenfalls wieder da: Michael Bradley. Der US-Nationalspieler hat bei Aston Villa kaum einen Fuß auf den Boden bekommen, will die Fohlen aber weiterhin verlassen.

Was ist gut?

Im furiosen Abstiegskampf ist die Mannschaft zusammengewachsen, auch Trainer und Team haben eine gemeinsame Wellenlänge gefunden, und obwohl es nur der Klassenerhalt war: Die Borussen haben etwas erreicht in der vergangenen Saison - ein Erfolgsgefühl, dass es so lange nicht gegeben hat in Mönchengladbach. Da ist es gut, dass tatsächlich die komplette Stammbesetzung weiter an Bord ist. Das sollte Sicherheit und Zuversicht geben.

Mit Marco Reus und Dante, der seine Abwanderungsgelüste für diese Saison ad acta gelegt hat, verfügen die Fohlen über zwei Spieler, die den Unterschied ausmachen können. Trotz seiner Jugend könnte auch der als "Mini-Kahn" gefeierte ter Stegen eine solche Rolle ausfüllen. Igor de Camargo hat besondere Qualitäten schon mehr als einmal angedeutet, muss aber endlich von Verletzungen verschont bleiben. De Camargo, Reus, Hanke, Bobadilla und gegebenenfalls der auffällige Australier Matthew Leckie (20) bilden eine durchaus schlagkräftige Offensive. Auf der anderen Seite ist die einstige "Schießbude der Liga" längst geschlossen und zur Festung ausgebaut.

Über allem aber schwebt "Glücksgriff" Lucien Favre. Selbst Karl-Heinz Rummenigge hat dem Schweizer prophezeit, "in Mönchengladbach noch Großes verwirklichen zu können". Vom "Verhüterli" also zum "Verbesserli"? Die Spieler sind von Favres Fähigkeiten begeistert, haben seine Philosophie verstanden. Zu der gehört auch – sehr gesund im leicht zu euphorisierenden Rheinland – blanker Realismus: "Letztlich sind wir nur 16. geworden."

Was ist schlecht?

Durch die Saison-Verlängerung in der Relegation hatten die Fohlen relativ wenig Zeit zum Durchschnaufen. Nach dem intensiven Abstiegskampf wäre es nicht verwunderlich, wenn die kaum aufgefrischte Mannschaft in ein mentales Loch fallen würde. Anzeichen dafür haben sich in der Vorbereitung gezeigt. Die Testspiele – wenngleich ausnahmslos gegen gutklassige Gegner - lassen kaum erkennen, wo die Borussia steht.

Insgesamt lief die Vorbereitung unbefriedigend. Der Venezolaner Juan Arango hat wegen der Copa América die gesamte Vorbereitung verpasst. Das gilt auch für Joshua King, der nach einer Operation erst im August kommt. Dante musste sich erst damit abfinden, dass er bei Clubs, die international spielen, nicht oben auf der Liste steht. Besonders ärgerlich aber ist die Hängepartie um Michael Bradley. Dass sich der US-Boy überraschend als unverkäuflich erweist, beschränkt die Borussen in ihrer Handlungsfähigkeit. Mit den Millionen aus dem Bradley-Transfer sollte ein Lenker fürs Mittelfeld verpflichtet werden – eine Position, die in Gladbach seit Jahren vakant ist. Es gibt geeignete und willige Kandidaten, doch Sportdirektor Max Eberl sind die Hände gebunden.

Was ist möglich?

Eberls Zielvorgabe, "endlich mal wieder die 40-Punkte-Marke zu knacken", sollte für die Borussia machbar sein. Im Allgemeinen genügt das für die angestrebte ruhige Saison im Bereich der Plätze 10 bis 12. Allerdings haben die Fohlen zuletzt auch gesehen, wozu sie in der Lage sind, wenn sie fest auf ein Ziel hinarbeiten. Favre hat weiter das komplette Team zusammen, das in der Rückrunde einen siebten Platz erspielte. Das über eine gesamte Saison zu schaffen, ist aber unrealistisch. Auch von klammheimlichen Träumen, so wie Hannover 96 im vergangenen Jahr vom Fast-Absteiger zum Europacup-Aspiranten zu werden, will Realist Favre nichts hören: "Es wird wieder ein schwierige Saison."


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