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Bundesliga

stern-Check Bundesliga Tor-Tristesse, verbale Scharmützel und ein merkwürdiger Heimkomplex

Bundesliga im stern-Check: Gonzalo Castro im Zweikampf mit Deyovaisio Zeefuik
Stuttgarts Kapitän Gonzalo Castro setzt sich gegen Hertha-Spieler Zeefuik durch. Am Ende brachte der Aufsteiger den Berlinern die dritte Saisonniederlage bei.
© Cathrin Müller / Picture Alliance
Ohne die eigenen Fans im Rücken überboten sich die Stürmer der Heimteams am vierten Spieltag an Harmlosigkeit. Mickrige fünf Treffer brachten sie zustande. Der junge Mainzer Trainer legte sich mit einem Anhänger an – und RB-Stürmer Yussuf Poulsen bewarb sich in Augsburg mit Nachdruck um die Plakette für das Tor des Monats Oktober. 

So liefen die Spiele in der Fußball-Bundesliga

Alle Ergebnisse des 4. Spieltages, die Tabelle und Statistiken zum Nachlesen finden Sie hier im stern-Ticker.

Der Aufreger des Spieltags

Den könnte man nach der vierten Spielrunde unter den Titel "Mainz wie es schimpft und (so ziemlich) alles falsch macht" stellen. Für die Abteilung "Verbalattacke" empfahl sich dieses Mal der nach dem komplett verstolperten Beierlorzer-Rauswurf eilig installierte Interimscoach Jan-Moritz Lichte. Dem platzte der Kragen, als einer der 250 privilegierten Fans seinem Frust auf der Haupttribüne freien Lauf ließ. Der Anhänger hatte dem Vernehmen nach bemängelt, dass die 05er sich in den gesamten 90 Minuten erneut kaum eine echte Torchance erarbeiten konnten. Das wollte Lichte nicht auf sich sitzen lassen. "Letztes Mal hast du dich über zu wenig Einsatz beschwert und heute über zu wenig Torchancen", soll der 40-jährige Coach in der hitzigen Diskussion an der Bande unter anderem gesagt haben. Im Interview mit Sky verteidigte er die Aktion. "Es gehört hier dazu zu diskutieren, und das versuche ich zu leben." Ob man sich dafür in emotionalen Wortgefechten mit Fans aufreiben muss, wird sich zeigen.

Fakt ist: Nach vier Spielen stehen die Mainzer noch immer ohne einen Punkt da. Zwei magere Tore gelangen Mainz in den bisher absolvierten 360 Minuten. Lichte durfte noch kein einziges Mal jubeln. Statt sich über verbale Ausfälle (zurecht) angefressener Fans zu ärgern, sollten Lichte und die Seinen ihre Energie wieder auf den Platz bringen. Sonst droht im nächsten Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach der nächste Nackenschlag.

P.S.: Mainz schoss im Spiel gegen Bayer Leverkusen laut Statistik genau sechs Mal Richtung gegnerisches Tor. Seine Handschuhe musste der finnische Keeper Lukas Hradecky bei den Versuchen kein einziges Mal schmutzig machen.

Gewinner des Spieltages

Auch wenn er nur ungern im Mittelpunkt steht: Einer der großen Gewinner des Spieltags ist BVB-Trainer Lucien Favre. Der gewiefte Schweizer traute sich doch tatsächlich, Tormaschine Erling Haaland auf die Bank zu setzen – ausgerechnet im Spiel bei Angstgegner Hoffenheim. Auch Marco Reus, das Herz der Borussen, musste zunächst draußen bleiben. "Wir müssen vernünftig sein", erklärte Favre seine kluge Maßnahme, die ihm bei einer Niederlage möglicherweise auf die Füße gefallen wäre. Der 20-jährige norwegische Sturmtank war in der Nations League binnen drei Tagen zwei Mal fast über die volle Distanz gegangen (und hatte Norwegen mit drei Treffern zum 4:0 gegen Rumänien geschossen). Favre hatte den richtigen Riecher. Er setzte zunächst auf Julian Brandt als alleinige Spitze. In der 64. Minute glückte dem 62-Jährigen der letztlich spielentscheidende Schachzug. Kaum zehn Minuten standen Haaland und Reus in Sinsheim auf dem Platz, da bediente der Youngster den BVB-Kapitän mustergültig. Schuss. Tor. Und für Favre der erste Sieg gegen die TSG seit seinem Amtsantritt in Dortmund vor zwei Jahren.

Verlierer des Spieltages

Neben den bereits erwähnten Mainzern kommt man in hier dieses Mal nicht an Bruno Labbadia und seiner Hertha vorbei. Bei keinem anderen Klub der Bundesliga klaffen Anspruch und Wirklichkeit derzeit so eklatant auseinander wie bei der "Alten Dame". Die geht schon nach vier Spieltagen am Stock und ist von den internationalen Ambitionen, die Klinsmann-Nachfolger Jens Lehmann in seiner neuen Rolle als Aufsichtsrat keck formulierte, so weit entfernt wie der aus Köln an die Spree gewechselte Sturm-Neuzugang Jhon Córdoba von der Torjägerkrone. "Albern" nannte Trainer Labbadia die schon jetzt aufflammenden Diskussionen um seine Person und den Rückhalt seitens der Chefetage. Die sind trotz der drei Niederlagen in Serie sicher (noch) fehl am Platz und dennoch muss sich auch der frühere Top-Stürmer fragen, warum sein durchaus attraktiv und hochkarätig besetzter Kader, an dessen Zusammenstellung er selbst beteiligt war, bisher nur drei Zähler auf der Habenseite hat.

Zur Ehrenrettung soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden, dass die Berliner am dritten Spieltag eine bemerkenswerte Leistung gezeigt hatten. Für die drei Tore gegen Rekordmeister Bayern München gab es aber nicht mal einen Blumentopf. Sie zeigten aber auch, dass in der Hertha mehr fußballerische Klasse steckt, als die Hauptstadt-Kicker bei der müden 0:2-Heimpleite gegen den effektiven, aber keinesfalls überragenden Aufsteiger VfB Stuttgart offenbarten. 

Und um die Hertha nicht allein im Regen stehen zu lassen: Verlierer des Spieltags sind auch die acht anderen Heimteams. Keines schoss mehr als ein Tor. Die frustrierende Bilanz vor den wegen der Coronapandemie zumeist nur wenigen hundert Zuschauern: vier Remis und fünf Niederlagen. Überhaupt scheint der vermeintliche Heimvorteil keiner mehr zu sein, seit in den Stadien mehr oder weniger gähnende Leere herrscht. Nur zwölf Mal gingen die Gastgeber in den bisherigen 36 Partien als Sieger vom Platz. 24 Mal nahmen die Gäste mindestens einen Punkt mit nach Hause.

Dieses Tor sollten sie (nochmal) sehen

Bundesliga im stern-Check: Yussuf Poulsen schickt den Ball in Richtung Augsburger Tor
"Ein Tor wie ein Kunstwerk", jubilierte der Sky-Kommentator nach dem sehenswerten Volleytreffer von RB Leipzigs Yussuf Poulsen zum 2:0-Endstand in Augsburg.
© Matthias Balk / DPA

An einem Spieltag mit fußballerischer Magerkost und einer regelrechten Tor-Diät gab es keine zwei Meinungen darüber, wem die Lorbeeren für den Treffer des Tages gelten. In der 66. Spielminute schickt RB-Trainer Julian Nagelsmann seine dänische Allzweckwaffe Yussuf Poulsen aufs Feld. Und noch bevor sich der ausgewechselte Emil Forberg warm eingepackt und den Mund-Nasen-Schutz zurechtgezupft hatte, schepperte es im Kasten von Augsburgs neuem Keeper Rafał Gikiewicz. 26 Sekunden stoppten die Fans der Statistik. Ein Ballkontakt reichte Dauerbrenner Poulsen, um das Spiel zu entscheiden. Dani Olmo streichelte die Kugel aus zentraler Position butterweich auf den linken Fuß des Stürmers und der schickte das Leder direkt und mit vollem Risiko in Richtung Tor. Zwei Sekunden später schlägt der Ball im langen Eck ein. "Ein Tor wie ein Kunstwerk", jubilierte der Sky-Kommentator zurecht verzückt. "Wir zeigen ihnen dieses Tor aus allen Winkeln, die wir haben." Und es sah aus allen Perspektiven aus wie das Tor des Monats Oktober.

Bild des Spieltages

Bundesliga im stern-Check: Bayerns Mauer springt, Douglas Costa liegt dahinter
Die Slapstick-Einlage des Spieltags lieferte Rückkehrer Douglas Costa beim 4:1-Sieg der Bayern auf der Bielefelder Alm. In der 76. Minute flog zunächst Corentin Tolisso nach einer Notgrätsche vom Platz. Um einen Flachschuss unter der Mauer hindurch zu verhindern, platzierte sich der Brasilianer Costa hinter seinen Teamkollegen auf dem Rasen. Dass es wenig clever ist, sich mit dem Gesicht Richtung Ball zu legen, versuchten ihm Müller und Hernández zu erläutern. Zunächst vergeblich. Costa drehte sich zwar – allerdings nur auf die andere Körperseite. Schließlich ging dem 30-Jährigen doch noch ein Licht auf. Die Lacher seiner Mannschaftskameraden waren ihm dennoch sicher. Der Freistoß brachte (natürlich) nichts ein. 
© Sascha Steinbach / Getty Images

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