HOME

Stern Logo Bundesliga

Bundesliga im stern-Check: Saison-Bilanz: Die Bayern in ihrem Lauf halten weder "Bullen" noch Seuchen auf

Eins ist klar: Es war eine Seuchensaison. Corona bestimmte den Spielplan und setzte die Zuschauerzahlen im letzten Drittel auf Null. Die Bayern konnte selbst die Pandemie nicht stoppen. Aber alle vermissten ihr Publikum.

Werder im Rausch, Düsseldorfer Tränen – Twitter-Reaktion zum Bundesliga-Finale

So lief der letzte Spieltag

Alle Ergebnisse des 34. Spieltages, die Tabelle und Statistiken zum Nachlesen finden Sie hier im stern-Ticker.

Wir blicken nach dem Ende der Saison diesmal auf die ganze Spielzeit zurück:

Die Aufreger der Saison

Corona: Die Liga musste lernen, dass es Situationen gibt, in denen niemand darauf wartet, dass sie endlich wieder loslegt. Das irritierte so manchen, der ungeteilte Aufmerksamkeit gewohnt war. In einer Pandemie gibt es aber nun wirklich Wichtigeres - und bis heute dürfen sich Kneipiers und Kulturschaffende fragen, warum sie untätig bleiben müssen, während die hoch bezahlten Fußballer schon wieder spielen. Immerhin: Die Deutsche Fußball-Liga hat sich was überlegt, ein ausgeklügeltes Konzept erfunden, wie der Betrieb - wenn auch unter Schmerzen - weitergehen kann. Dass das alles in allem so funktionierte, war nicht unbedingt zu erwarten, viele sahen die Bundesliga schon als Superspreader. Es ist anders gekommen, und wenn man es positiv sehen will, dann hat die Liga gezeigt, wie das Leben trotz Corona weitergehen kann. Mancher Restaurantbesitzer und mancher Schulleiter würde sich ein ähnlich gut funktionierendes Konzept vielleicht wünschen.

Handspiel-Regel: Eigentlich gar nicht erlaubt, aber doch immer wieder Teil des Spiels und ständiger Diskussionsstoff. Wann ist Hand Hand? Diese Frage konnte auch in dieser Saison nicht beantwortet werden - trotz aller Filmsequenzen, an denen sich die Videoschiedsrichter im schon sprichwörtlichen "Kölner Keller" wieder und wieder die Augen verdarben. Zum Teil abenteuerlich, welche Verrenkungen sich die Profis aus dem Körper wanden, um nicht in den Verdacht zu geraten, den Ball absichtlich mit der Hand berührt zu haben. Und das dürfte in der kommenden Saison kaum besser werden. Künftig soll die Schulter klar und eindeutig nicht mehr zur "Hand" zählen. Die internationalen Regel-Hüter haben dafür die "T-Shirt-Linie" erfunden. Soll heißen: Freistoß gibt's, wenn der Ball mit dem Teil des Arms berührt wird, der nicht vom Ärmel eines T-Shirts bedeckt ist. Klingt, als bräuchten die Videoschiris eine weitere "kalibrierte Linie".

Die Verlierer der Saison

Die Liga: Es wurde noch einmal überdeutlich, dass die Dominanz der Bayern die Bundesliga mehr und mehr erdrückt. Dabei schien doch diesmal alles anders zu sein. Längst vergessen: Herbstmeister wurden die roten "Bullen" aus Leipzig, gefolgt von Gladbach. Die Münchner waren nur Dritter. Doch dann fanden sie mal wieder ihre Lösung: Hansi Flick übernahm als Coach, hauchte dem Starensemble neues Leben ein, und das so beschwingte Team konnte dann auch eine ausgewachsene Seuche nicht stoppen. Die Bundesliga hat ein Monster geschaffen. Vielleicht musste es irgendwann so kommen, nachdem 1963 die Idee umgesetzt wurde, die stärksten Mannschaften Deutschlands in einer Liga spielen zu lassen. Dieser Liga ist der FC Bayern entwachsen, doch den Dauermeister in eine Superliga der europäischen Top-Vereine abwandern zu lassen, würde sie nur zusätzlich degradieren. Eine Zwickmühle, kein Ausweg in Sicht.

Schalke 04: Für die "Knappen" aus Gelsenkirchen endet die Saison keinen Tag zu früh. Was für ein Absturz! Mit David Wagner kam einer der gehyptesten Trainer nach Schalke und führte das Team zunächst bis zur Halbzeit auf Platz 5. Doch davon ist nichts geblieben. 16 Spiele in Folge konnten die vom Verletzungspech gebeutelten Schalker zuletzt nicht mehr gewinnen - ein Vereins-Negativrekord. Finanziell sieht es ähnlich mau aus. Wäre die Saison wegen Corona abgebrochen worden, hätte bereits die Insolvenz gedroht. Nun fällt auch der Europacup als Einnahmequelle weg. Zu allem Überfluss kommen noch die Querelen um den Corona-Ausbruch bei Tönnies dazu. Fleischfabrikant Clemens Tönnies ist Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins. Ein weiteres Urgestein der Bundesliga trudelt dem Abgrund entgegen. Quo vadis, Schalke 04?

Die Gewinner der Saison

Die Fans: Die Geisterspiele haben auch dem Letzten klar gemacht, dass die Bundesliga ohne Fans nicht mal die Hälfte wert ist. Ohne die Gesänge, die Choreos, die aufgeregten Schreie bei einer Torchance, das Feiern eines Erfolges ist oft regelrecht egal, was da auf dem Rasen passiert. Das gut hörbare Scheppern, wenn der Ball auf die Haltestangen des Tornetzes prallt, löst nichts aus. Die Position der Fans ist durch die Corona-Phase der Saison zweifellos gestärkt. Alle wollen das Publikum zurück, weil es eben doch nicht nur um Fußball geht, sondern auch um die Show und darum, bewundert zu werden. Wird man sich daran erinnern, dass Fans schon vor Corona damit begonnen hatten, weg zu bleiben, weil sich der Profi-Fußball den Menschen entfremdet? Es waren die Fernsehgelder, die die Bundesliga dazu bewegte, den Spielbetrieb trotz Corona fortzuführen - weniger der Gedanke, den Fans in der Quarantäne etwas Abwechslung zu bescheren. Und die neuen Fernsehverträge verlangen den Fans nun sogar zwei Abos ab (Sky und DAZN), wenn sie Woche für Woche live mit "ihrem" Club mitfiebern wollen. Da will man die Fans dann wieder in erster Linie, weil sie zahlen (wollen). Die Geisterspiele waren ein Vorgeschmack: Wehe, wenn es der Fußball zu weit treibt. Wehe, wenn die Ränge auch ohne Seuche leer bleiben.

Der FC Bayern: Den Dauermeister als Gewinner der Saison zu feiern - eigentlich ziemlich einfallslos. Eigentlich, denn diesmal war es anders. Die Bayern waren wirklich auf dem Holzweg, Leipzig schien stärker, Gladbach und Dortmund auf Augenhöhe. Doch die Münchner schafften es wieder einmal aus eigener Kraft zurück in die Spur. Mit neuem Trainer und neuer Spielfreude erlaubten sie sich in der Rückrunde nur noch ein einziges, mickriges Remis, ließen alle anderen einmal mehr mühelos stehen und rangieren am Ende wieder mit satten 13 Punkten Vorsprung ganz oben - und das auch noch durch offensiven, attraktiven Fußball. "Der Herbst war nicht einfach, sowohl für den Verein als auch für mich persönlich. Deswegen ist das für mich neben der ersten Meisterschaft vielleicht die speziellste, die intensivste und die emotionalste", resümierte Thomas Müller stellvertretend. Und tatsächlich wirkte die Freude der Bayernstars echt, als sie am Samstag im achten Jahr in Folge als Meister die "Salatschüssel" in die Höhe reckten. Bewundernswert und beängstigend zugleich.

Dieses Tor sollten Sie (nochmal) sehen

Thomas Müller schießt das 100. Tor der Saison

Beim 100. Saisontor des FC Bayern hat's gemüllert: Thomas Müller erzielt das 4:0 für den Meister im Spiel gegen den VfL Wolfsburg.

DPA

Zugegeben, in seiner Entstehung war das 4:0 der Bayern beim VfL Wolfsburg nichts Besonderes. Perisic flankt in der 79. Minute von links in den Strafraum, VfL-Verteidiger Knoche verlängert unfreiwillig auf Thomas Müller, der mit einem satten Rechtsschuss den Ball neben den rechten Pfosten setzt. So weit, so normal. Und trotzdem durfte man ein solches Tor erst zum zweiten Mal in der langen Geschichte der Bundesliga betrachten. Es war nämlich der 100. Saisontreffer der Münchner. Müllers Vorgänger als Schütze eines 100. Saisontors einer Bundesliga-Mannschaft war übrigens kein anderer als ... Uli Hoeneß! Der langjährige Bayern-Boss traf am letzten Spieltag der Saison 1971/72 in der 80. Minute zum 4:1 gegen Schalke 04. Damals schafften die Bayern sogar noch einen 101. Treffer (durch Franz Beckenbauer). Ob wieder 48 Jahre vergehen, bis auch diese Marke fällt?

Das Bild der Saison

Pappkameraden-Aufsteller auf den Rägen des Borussia-Park in Mönchengladbach

Dem Virus trotzen: Die Papp-Aufsteller auf den Tribünen des Gladbacher Borussia-Parks taugen als Symbol für die Corona-Saison.

AFP

Von manchem belächelt, von anderen kopiert: Im Mönchengladbacher Borussia-Park konnten die Fans einen Papp-Stellvertreter zu den Geisterspielen schicken. Rund 22.000 Pappkameraden - darunter auch Spieler, Trainer und Staff-Mitglieder der Borussia und sogar Auswärtsfans - füllten zuletzt die Ränge, nahmen den Spielen ohne Publikum ein klein wenig die Trostlosigkeit. Ein Symbol dafür, wie Liga und Fans dem Virus trotzten. Später deckten andere Clubs ihre Ränge mit riesigen Planen ab, auf denen zum Teil auch Fans zu sehen waren. Die Gladbacher Pappkameraden fanden Nachahmer - darunter die Grasshoppers Zürich, Lazio Rom oder auch Brighton & Hove Albion aus der Premier League. Schöner ist aber trotzdem mit richtigen Fans...

Sonst noch was?

Der große Showdown bleibt der Saison leider versagt. Schade, ein Nordderby zwischen dem HSV und dem SV Werder wäre mal eine Relegation gewesen, die auch den neutralen Fußballfan elektrisiert hätte. Aber beim 1:5 zuhause gegen Sandhausen hat der HSV gezeigt, dass er leider noch nicht wieder bereit ist für die Bundesliga. Gilt aber auch für die am letzten Spieltag schwachen Heidenheimer, die dem SV Werder kaum Probleme bereiten sollten. 

Twitter-Reaktionen: Relegation futsch: HSV von Sandhausen vermöbelt – das Netz kennt keine Gnade

Wir verabschieden uns - wieder einmal - von der Düsseldorfer Fortuna und glauben fest an ein (weiteres) Wiedersehen in Liga 1. Schon jetzt zurück ist der VfB Stuttgart, der aber nicht mehr Mario Gomez mitbringt. Der frühere Bayern- und Nationalstürmer schoss in seinem letzten Spiel für den VfB am Sonntag sein letztes Tor (1:3 gegen Darmstadt). Zurück ist nach vielen Jahren auch die Bielefelder Arminia, die nun statt des SC Paderborn die Farben Ostwestfalens hochhalten wird. Auf ein Neues ab Herbst - ob ohne oder hoffentlich mit Zuschauern.

Wissenscommunity