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Bericht von "correctiv.org": Wie der VfB Stuttgart und der SC Freiburg das Doping organisierten

Eine Studie enthüllt neue Details über Doping beim VfB Stuttgart und dem SC Freiburg in den 80er Jahren. Bereits seit Jahrzehnten gibt es Hinweise auf organisierte Manipulation bei den beiden Südwest-Vereinen.

Doping Stuttgart Freiburg

Die Spieler des VfB Stuttgart mit der Meisterschale 1984: Armin Jäger, Karlheinz Förster, Andreas Müller, Walter Kelsch (v. l.)

Schon seit längerer Zeit gibt es Hinweise auf systematisches Doping im deutschen Profifußball - dabei stets im Zentrum der Ermittlungen: der VfB Stuttgart und der SC Freiburg. Bereits im Frühjahr 2015 hatte der Sportwissenschaftler Andreas Singer berichtet, wie die beiden Südwest-Vereine in den 1980er-Jahren Anabolika für ihre Spieler gekauft hatten. Dadurch wurde belegt, dass Armin Klümper, der Leiter der Abteilung Sport- und Leistungsmedizin an der Uniklink Freiburg, Fußballer mit leistungssteigernden Mitteln versorgte.

Ein Assistent Klümpers hatte sich nach Informationen des gemeinnützigen Recherchezentrums correctiv.org an Singer gewandt - mit der Mappe eines Profifußballers, der den als "Wunderheiler" geltenden Klümper aufgesucht hatte. Singer war seinerzeit Teil einer mittlerweile aufgelösten Aufklärungskommission, die sich mit der Doping-Vergangenheit der Freiburger Sportmedizin beschäftigte.

Doping: Neue Details über die Vorgehensweise

Correctiv.org liege nun eine Version eines weiteren Gutachtens dieser Kommission vor, aus dem neue Details über die Vorgehensweise des VfB und des SC hervorgehen, darunter dokumentierte Arztgespräche oder die Lieferkette der Pillen. Konkret werde mit diesen Informationen deutlich, wie fließend damals der Übergang zwischen sportmedizinischer Betreuung und Doping gewesen sei.

Aus der Mappe des oben genannten Profifußballers gehe hervor, dass es nicht um ein normales Beratungsgespräch, sondern um Doping ging. Der Patient habe sich eine Dreiviertelstunde lang über leistungssteigernde Mittel aufklären lassen, auch über Anabolika. Was der Spieler mit den Informationen angefangen hat, sei nicht bekannt - ein Rezept oder eine Spritze habe er aber nicht erhalten.

Uniklinik als Zentrum des westdeutschen Dopings

Die Uniklinik Freiburg galt jahrzehntelang als Zentrum des westdeutschen Dopings. Viele Sportler sollen hier zum Dopen motiviert worden sein. Im Verdacht stehen darunter auch die damaligen Profifußballer aus Stuttgart und Freiburg. Laut Gutachten funktionierte die Versorgung folgendermaßen: Ein Masseur des VfB habe Medikamente an der Uni Freiburg bestellt. Die Lieferung sei über eine von zwei Apotheken abgewickelt worden, die Klümper regelmäßig nutzte, die Rechnung von dort beim Verein gelandet. Auf den Belegen seien einer Sonderkommission des baden-württembergischen Landeskriminalamtes ab 1984 dopingrelevante Stoffe aufgefallen, darunter das Anabolikum Megagrisevit, das der Verein in der Saison 1978/79 genutzt haben soll.

Auch der SC Freiburg soll seinerzeit mit Anabolika nachgeholfen haben, wie nach Recherchen von correctiv.org die Akten der Staatsanwaltschaft Freiburg nahelegen: So gebe es einen Beleg über eine Anabolika-Lieferung von Klümper an den SC in der Saison 1979/80. Der damalige Torjäger des Vereins und heutige Bundestrainer Joachim Löw erinnerte sich 2015 im ZDF-Sportstudio, "das ein oder andere Mal" die Dienste von Klümper genutzt zu haben. Dabei schloss Löw allerdings aus, wissentlich gedopt zu haben.

Auch den Namen Andreas Schmid bringen die Correctiv.org-Ermittlungen in Verbindung mit dem SC Freiburg: Seit 1998 habe Schmid als Mannschaftsarzt des Vereins fast zehn Jahre lang Spieler des SC in der Uniklinik Freiburg behandelt. Als 2006 herauskam, dass Schmid am Doping des Team Telekom um Radsport-Star Jan Ullrich beteiligt war, habe sich der SC zunächst geweigert, sich von ihm zu trennen. Erst Monate später, im Mai 2007, sei die Zusammenarbeit beendet worden. In diesem Zusammenhang habe ein Ermittler des Bundeskriminalamtes 2008 an die Staatsanwaltschaft Freiburg geschrieben: "Es drängt sich der Verdacht auf, dass auch beim SC Freiburg gedopt wurde."

"Gefährliche intravenöse Therapien" in Freiburg?

Laut des Ermittlers habe ein ärztlicher Beteuer seinen Rücktritt erklärt und "gefährliche intravenöse Therapien" beim SC Freiburg kritisiert. Einmal habe er einem Spieler eine Infusion mit einer Diclofenac-Lösung verabreichen sollen - da diese wegen möglicher lebensgefährlicher allergischer Reaktionen in Deutschland verboten war, habe er eine andere Infusion gesetzt.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Freiburg waren beendet worden, nachdem der ärztliche Betreuer eingeräumt hatte, in "fast achtjähriger Zusammenarbeit" keine Hinweise erhalten zu haben, dass Schmid Spieler gedopt habe. 

Ein Sprecher des SC Freiburg bestätigte gegenüber Correctiv.org, dass Schmid von 1998 bis 2007 für den Verein gearbeitet habe. Er ließ allerdings unbeantwortet, ob Spieler gedopt wurden, und verwies auf ausstehende Gutachten. Der VfB Stuttgart ließ durch seinen Pressesprecher verlauten, dass der Verein gegenüber der Kommission alles offen gelegt habe: "Wir lehnen jegliche Form von Doping ab."

tim

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