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Bundesliga Es gibt sie noch, die Überraschungen – weshalb Eintracht Frankfurts Erfolg anderen Vereinen Mut macht

André Silva
Jubelt er sich in die Champions League? André Silva und Eintracht Frankfurt dürfen vom ganz großen Wurf träumen
© SvenSimon/Hübner-Pool / Picture Alliance
Die Champions League ist für Eintracht Frankfurt zum Greifen nah. Das ist bemerkenswert. Und ein positives Zeichen für Fans von Traditionsklubs in dieser so schwierigen Zeit.

Als André Silva am vergangenen Samstag in der 87. Minute in die Luft stieg und die butterweiche Hereingabe von Filip Kostic nach einem energiegeladenen Lauf von Luka Jovic die Stirn des zweitbesten Torschützen der aktuellen Bundesligasaison berührte, da stand die Welt für einen kurzen Moment still. Zumindest für Fans von Eintracht Frankfurt. Es war einer dieser magischen Augenblicke, die im modernen Fußball leider mittlerweile viel zu selten vorkommen. Jene Sekunden, in denen klar wird: Die faustdicke Überraschung, die handfeste Sensation, sie ist tatsächlich nicht nur möglich, sie ist zum Greifen nah. 

Silvas Treffer entschied nicht nur die Partie bei Borussia Dortmund. Er sorgte auch dafür, dass Eintracht Frankfurt, mit sieben Punkten Vorsprung auf Platz fünf bei noch sieben zu bestreitenden Spielen, auf allerbestem Wege ist, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Champions League einzuziehen. Das wäre die größte Positivüberraschung der Saison. Und ein wundervolles Zeichen. Zumindest für Fans von Eintracht Frankfurt. Aber vermutlich auch für Anhänger anderer Traditionsvereine. Denn es zeigt: In diesem, entschuldigen Sie die Ausdrucksweise, fußballerischen Scheißjahr ist doch noch Platz für Momente für die Ewigkeit.

Bundesliga: Traditionsvereinen droht der Abstieg

Den Glauben daran hatte man leider in der Vergangenheit mehr und mehr verloren – und das Bild verfestigte sich auch in der laufenden Runde: Meister wird wie immer der FC Bayern, um den Platz dahinter streiten sich mit RB Leipzig und dem VfL Wolfsburg zwei künstlich hochgezüchtete Vereine – und am anderen Ende der Tabelle verabschiedet sich mit dem FC Schalke 04 nicht nur einer der größten Klubs der deutschen Fußballgeschichte aus der Bundesliga, er nimmt womöglich mit dem 1. FC Köln einen weiteren mit. Interessanter wird die Liga dadurch nicht. 

Weil gleichzeitig die Stadien pandemiebedingt leer sind und sich die Uefa dennoch nicht zu blöd ist, auf eine EM mit Zuschauern zu bestehen, und damit das Bild all jener Fußballverantwortlichen komplettiert, die in dieser schwierigen Zeit einmal mehr bewiesen haben, dass ihnen jegliche Form von Demut fehlt, wirkte die Coronaviruspandemie wie ein Brandbeschleuniger für all die Sorgen, die aktive Fans seit Jahr(zehnt)en umtreibt.

Eintracht Frankfurt beweist, dass positive Entwicklungen (noch) möglich sind

Daran wird natürlich auch Eintracht Frankfurt nichts ändern können. Ja, der moderne Fußball wird aktiven Fans von Traditionsvereinen den Spaß an diesem wunderbaren Spiel mehr und mehr rauben, während andere Zielgruppen erschlossen werden. Was aber die Eintracht zeigt, ist: Noch sind positive Entwicklungen bei Vereinen, die jahrelang Probleme hatten, möglich. Mit intelligenten Entscheidungen, cleveren Verantwortlichen und ein bisschen Fortune kann man nicht nur den DFB-Pokal gewinnen (2018) oder bis ins Halbfinale der Europa League einziehen. Man kann sogar Teil des größten Vereinswettbewerbs der Welt werden – wenn auch vermutlich nur für ein Jahr. Das ist ein Signal, das all den langsam resignierenden Fans von Traditionsvereinen Mut machen kann. Von Bremen bis Köln. Von Gelsenkirchen bis Stuttgart. 

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Dass Eintracht Frankfurt bei all diesen Erfolgen auf eine Mannschaft mit Charakteren setzt, dass der Verein sich seit Jahren authentisch für seine Werte und vor allem den Kampf gegen jede Form der Diskriminierung einsetzt, das rundet das positive Gesamtbild ab. So richtig unbeschwert kann man als Fan der Eintracht die aktuelle Euphorie dennoch nicht genießen. Weil man – von der latenten Panik, dass es doch noch schiefgehen könnte, einmal abgesehen – nicht umhin kommt festzustellen, dass man berechtigte Zweifel haben darf, im Herbst in ein ausverkauftes Stadion zu dürfen. Oder gar quer durch Europa zu reisen. Auf der anderen Seite: Wie könnte man sich nach anderthalb Jahren Geisterspielen, Impfungen vorausgesetzt, besser im Stadion zurückmelden als mit 20.000 Frankfurtern in Rom, Mailand oder London?

Aktuell wirkt dieser Gedanke noch sehr weit weg. Doch seit André Silva am vergangenen Samstag in der 87. Minute in die Luft stieg, fällt es als Fan von Eintracht Frankfurt schwer, sich das Träumen zu verbieten.


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