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Fußball-Bundesliga: Werder in der Schaaf-Falle

Werder Bremen macht derzeit die schlimmste Krise unter Thomas Schaaf durch. Der Club steht vor dem Abstieg, aber der Trainer steht trotz einer unglaublichen 0:4-Niederlage gegen den HSV weiter nicht zur Diskussion. Das ist bemerkenswert, aber auch nicht ungefährlich.

Von Klaus Bellstedt

Als der große Otto Rehhagel im Frühjahr 1995 nach 14 Jahren als Trainer bei Werder Bremen seinen Hut nahm, brach an der Weser eine Welt zusammen. Und zwar nicht nur für die Einwohner der beschaulichen Hansestadt, sondern auch für die ansässige Journaille. "Otto, warum?" - diese Zeile schaffte es damals sogar auf die bundesweite Titelseite der "Bild"-Zeitung. Rehhagel weg von Werder, das war damals eine nationale Angelegenheit.

Für die Bremer war es einfach nicht vorstellbar, dass "König Otto" jemals eine andere Fußball-Mannschaft trainieren würde als Werder. Die Angst, dass die familiäre Trutzburg kaputt gehen könnte, trieb den Fans Tränen in die Augen. Und natürlich war da die Skepsis vor dem Nachfolger. Die war berechtigt: Mit dem Holländer Aad de Mos, Dixie Dörner, Wolfgang Sidka und Felix Magath verschliss Werder innerhalb von vier Jahren vier Trainer. Dann kam Thomas Schaaf - und mit ihm wurde die Trutzburg Jahr für Jahr wieder ein Stück aufgebaut. Und auch der Stolz kehrte in die Stadt zurück.

Beck’s, ein Mercedes-Werk, Jacobs Kaffee, Hachez-Schokolade, die Stadtmusikanten. Viel mehr hat Bremen eigentlich nicht zu bieten. Ein Dorf mit Straßenbahn, sagen Spötter. Thomas Schaaf und Werder. Das ist für die Menschen der ganze Stolz - wegen der Kontinuität, der spektakulären Spielweise und weil Werder schon immer klüger als alle anderen Clubs in der Bundesliga Spieler transferieren konnte. Man kaufte billig ein, formte aus den Erworbenen Stars und gab sie teuer weiter. Diego und Özil sind nur zwei Beispiele.

Wie oft darf eine Mannschaft so auftreten?

Werder gewann unter Thomas Schaaf auch Titel. Er etablierte, und das war die vielleicht größte Leistung des 49-Jährigen, die Mannschaft in der Champions League. Auch dort, in der Königsklasse des Fußballs, lieferte seine Mannschaft immer wieder diese Mischung aus Stümperei und Weser-Wundern, aus Genie und Wahnsinn ab. Neidisch blickte die Liga-Konkurrenz, vor allem die aus der großen Hansestadt, auf Bremen und das Modell Werder, das Thomas Schaaf mit seinem kongenialen Partner Klaus Allofs entwickelt hatte.

Die Gelassenheit in schwierigen Zeiten, auch das hat Werder bis heute immer ausgezeichnet. Das Team war meist für eine Krise pro Saison gut, aber nie wurde der Trainer hinterfragt. Das kam in Bremen einer Majestätsbeleidigung gleich. Jetzt hat sich die Situation geändert. Thomas Schaaf befindet sich in seiner zwölften Saison als Trainer bei den Grün-Weißen - und noch nie hat Werder unter ihm schlechter Fußball gespielt als heute. In den letzten sieben Auswärtsspielen hat Bremen ganze zwei Punkte geholt, bei einem Torverhältnis von 1:20. An der Weser geht die Angst vor dem Abstieg um. Mit der peinlichen 0:4-Niederlage ausgerechnet beim gerne großen Erzrivalen HSV wurde die nächste Stufe auf der Eskalationsleiter erklommen.

Wie oft darf eine Mannschaft wie Werder Bremen in einer Saison so auftreten wie in Hamburg, ohne dass die sportliche Führung dafür in Verantwortung genommen wird? Diese Frage geistert durch Bremen. Denn es ist es ja so, wie Werder-Boss Klaus Allofs sagt: "Wir können nicht die Mannschaft austauschen." Also doch den Trainer tauschen? 1:4 in Hoffenheim, 1:4 in Hannover, 0:6 in Stuttgart, 0:4 auf Schalke, 0:3 in Köln und jetzt 0:4 beim HSV. Sechs Spiele aus dieser Saison, in denen sich Werder Bremen nicht nur in einem desolaten Zustand präsentierte, sondern, und das macht die Sache so gefährlich, sich selber aufgab. Die traurige Wahrheit für alle Bremer Schaaf-Bewunderer und Trutzburg-Romantiker im Winter 2011 lautet: Die Mannschaft ist tot.

"Der Trainer steht nicht zur Disposition"

Lösungen für die Krise scheinen nicht in Sicht. Thomas Schaaf wirkt ratlos, wiederholt sich. Er spricht nur noch mit der Presse, wenn er muss. Und er macht, genau wie seine Spieler, Fehler. Zwei Beispiele: Sein stures Festhalten an Mikaël Silvestre, der in England ein großer Spieler war, aber mittlerweile einfach nicht mehr das Niveau für Bundesliga-Fußball besitzt, verwundert. Nicht ganz so extrem verhält es sich mit Aaron Hunt, der zwar pro Spiel immer für zwei, drei anständige Freistöße gut ist, sonst aber mehr durch seine pomadige und aufreizende Spielweise auffällt. Für die Bremer Fanszene ist Aaron Hunt längst ein rotes Tuch. Thomas Schaaf beschenkt den offensiven Mittelfeldspieler trotz offensichtlicher Formschwäche aber Woche für Woche mit einem Platz in der Startelf. Fördert so ein Handeln etwa Konkurrenzkampf? Und Klaus Allofs? Auch er hat Fehler gemacht. Sein größter war vielleicht der Verkauf von Stürmer Hugo Almeida in der Winterpause. Der Portugiese lag zwar schon länger überkreuz mit dem Bremer Führungsduo, aber er wusste, trotz seiner eindimensionalen Spielweise, wo das Tor stand. Neun Treffer erzielte er für Werder in der Vorrunde, so viel wie kein anderer. Jetzt ist Almeida weg - und Werder fehlt im Abstiegskampf plötzlich vorne neben dem verletzungsanfälligen Pizarro ein gleichwertiger Angreifer.

"Der Trainer steht nicht zur Disposition. Wir arbeiten auch in Zukunft mit ihm zusammen. Es gibt keinen Trainer, der aus dieser Mannschaft mehr rausholen kann", sagte Klaus Allofs nach dem Offenbarungseid von Hamburg. Aber ist das wirklich so? Muss nicht eine neue Situation geschaffen werden? Müssen nicht neue Reizpunkte gesetzt werden? Diese Fragen müssen sie sich selbst in Bremen jetzt gefallen lassen.

Lemke steht zu Schaaf

Im Mai 1999, als die Mannschaft unter Felix Magath vier Spieltage vor Schluss ganz dicht vor dem Abstieg stand, handelten die Verantwortlichen an der Weser. Sie feuerten den unbeliebten Magath und installierten Thomas Schaaf als neuen Trainer. Damals gelang es dem frischen, unverbrauchten Schaaf die Blockaden in den Köpfen der Spieler zu lösen. Der bittere Gang in die Zweite Liga blieb den Bremern erspart. Jetzt scheint es so, als löse Schaaf keine Blockaden mehr, vielleicht ist er für manchen Spieler sogar selbst zu einer geworden.

Die Fans sind gespalten. Aber die Mehrheit ist ganz klar pro Schaaf. Das neben St. Pauli freundlichste Publikum der Liga wendet sich nicht so schnell von einem Altgedienten ab - und die handelnden Personen im Club auch nicht, so wie beispielsweise Aufsichtsratsboss Willi Lemke, der treu zu seinem Trainer hält. Thomas Schaaf kann sich bei Werder also nur selber entlassen. Vielleicht ist das für den Verein verhängnisvoll.

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