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Interview mit BVB-Chef Watzke: "Klopp bleibt, auch wenn Barcelona anklopft"

Als Hans-Joachim Watzke Chef von Borussia Dortmund wurde, stand der Club vor der Insolvenz. Jetzt ist der BVB Tabellenführer und strebt den Titel an. Im Interview mit stern.de erklärt Watzke Überflieger Kagawa für unverkäuflich, spricht über sein romantisches Verständnis von Fußball und mögliche Anfragen für Jürgen Klopp.

Herr Watzke, ich wollte Sie am Anfang unseres Gesprächs beglückwünschen.
Warum?

Weil Borussia Dortmund im Gegensatz zu den Bayern, Leverkusen oder Schalke 04 die Torwartfrage über die laufende Saison hinaus endgültig geklärt hat.
Oh ja, herzlichen Dank. Die Verlängerung mit Roman Weidenfeller war sehr wichtig - und die Verhandlungen waren nicht ganz einfach. Roman hatte ein finanziell höchst attraktives Angebot aus England vorliegen (von Aston Villa, Anm. der Redaktion). Da konnten wir nicht mithalten. Aber letztlich haben wir ihn doch davon überzeugen können, bei uns zu bleiben. Das Gesamtpaket Borussia Dortmund ist stimmig. Deshalb hat er unterschrieben.

Die Winterpause verlief bei vielen Clubs turbulent. In Hoffenheim ging es wegen des Gustavo-Deals rund. Bei den Bayern hat der Torwartwechsel die Vorbereitung gestört. Der HSV kommt sowieso nie zur Ruhe, und Werder Bremen blamierte sich in den Testspielen. Vom BVB hat man bis auf die Vertragsverlängerung von Roman Weidenfeller gar nichts mitbekommen. Dortmund ist Tabellenführer. Warum war es so ruhig?
Bei uns wäre es auch ruhig geblieben, wenn wir als Vorrunden-Achter in die Winterpause gegangen wären. Das liegt auch an den klaren Strukturen. Mit Michael Zorc, Jürgen Klopp und mir gibt es drei Entscheidungsträger im Club. Die verstehen sich auch noch gut. Es ist nicht so, dass wir uns den ganzen Tag auf die Schultern klopfen, aber für die interne Kommunikation ist das nicht ganz unwichtig. Aus diesem Trio prescht keiner vor. Und das ist unabhängig vom Tabellenplatz.

"Der Spiegel" hat in dieser Woche ein Bild von Ihnen als Romantiker gezeichnet. Romantischen Menschen sagt man nach, besonders intensiv zu träumen. Trifft das auf Sie auch zu?
Also das, wovon ich träume, werde ich Ihnen nicht verraten. Aber es stimmt schon: Ich bin ein Fußball-Romantiker. Viele Werte, für die der Fußball früher gestanden hat, zum Beispiel Kameradschaft, finde ich gut. Ich habe sicher keine irrationalen Dinge im Kopf. Ich kann die Dinge schon einordnen, aber man darf diesen Sport nicht nur über Geld definieren. Das ist, wenn Sie so wollen, mein romantischer Ansatz.

Sie glauben an den Charakter Ihrer Spieler und hoffen darauf, dass die Götzes, Schmelzers und Benders sich nicht von reicheren Vereinen abwerben lassen. Bewegen Sie sich, um auf das Thema von vorhin zurückzukommen, damit nicht in einer Traumwelt?
Das finde ich nicht. Natürlich könnten wir unter dem Eindruck, dass die anderen Clubs sowieso alle mehr Geld haben, den Kampf um unsere Talente einstellen. Andere Vereine haben uns das ja schon vorgemacht. Aber das ist nicht unser Weg. Wir kämpfen dagegen an, und bis jetzt gibt es auch keine Hinweise darauf, dass sich an unserem Kader etwas ändern wird. Sven Bender hat bis 2016 verlängert, Götze hat bis 2014 unterschrieben, und ich bin übrigens auch sehr zuversichtlich, was den Verbleib von Marcel Schmelzer beim BVB betrifft. Die Jungs haben erkannt, dass Borussia Dortmund eben viel mehr zu bieten hat, als nur den finanziellen Anreiz, für diesen Club Fußball zu spielen. Davon abgesehen: Wie zahlen auch nicht mit Erdnüssen.

Mal ehrlich, Herr Watzke, wie wollen Sie dieses brillante Team auf Dauer zusammenhalten? Manchester United bastelt derzeit wohl an einem unmoralischen Angebot für Shinji Kagawa. 18 Millionen Euro wollen die Engländer angeblich im Sommer bieten. Gekostet hat der 350.000 Euro...
Die können das Basteln direkt einstellen. Kagawa wird nicht abgegeben. Definitiv nicht.

Auch nicht im Sommer?
Nein!

Der BVB ist immer noch verschuldet. Die Verbindlichkeiten belaufen sich ohne die langfristig finanzierten Stadionschulden auf 14 Millionen Euro. Bei der Vorgeschichte des BVB - muss es da nicht Ihre Pflicht als Vorstandsvorsitzender sein, Spieler gewinnbringend abzugeben, um den Club wieder zu einem völlig gesunden Club zu machen?
Wir sind völlig gesund. Ich weiß, wovon ich spreche. Mir gehört seit 20 Jahren ein sehr gesundes mittelständisches Unternehmen. Wenn Borussia Dortmund in diesem Jahr vielleicht einen Umsatz von 120 Millionen Euro macht und dabei eine operative Verschuldung von 12 bis 14 Millionen Euro aufweist, dann ist das nicht dramatisch. Davon träumen andere Vereine. Es gibt heutzutage keine größeren Unternehmen mehr, die keine Schulden haben. Schauen Sie sich mal die Dax-Unternehmen an. Aber natürlich wollen wir die Verschuldung weiter sukzessive zurückführen. Darin sind wir ganz gut. Wir haben in fünf Jahren 125 Millionen Euro an Verbindlichkeiten abgebaut. Um noch einmal auf Ihre Frage zurückzukommen, und da bin ich bei einem mehr philosophischen Ansatz: Uns kann ein Kagawa oder ein Barrios in diesem Jahr mehr einbringen, als eine einmalig gezahlte Ablösesumme, die dann wieder reinvestiert werden müsste. Es geht darum, diese Mannschaft mit all ihren Automatismen zusammenzuhalten. Dass wir irgendwann mal neue Reizpunkte setzen müssen, wissen wir auch.

Stichwort: neue Reizpunkte. Was wäre denn so schlimm daran, wenn der BVB zu einem Ausbildungsverein wie beispielsweise Werder wird? Die Bremer haben über Jahre oben mitgespielt. Liegt darin nicht auch ein Reiz für die Führungsebene, einen Club immer wieder erfolgreich umzustrukturieren?
Werder Bremen schätze ich über alle Maßen, aber das ist kein klassischer Ausbildungsverein. Sie hatten noch nie besonders junge Mannschaften im Wettbewerb. Ein Ausbildungsverein ist für mich der SC Freiburg. Die kann man aber nicht mit uns vergleichen. Dafür sind wir viel zu groß. Mit unseren Rahmenbedingungen und durch unsere Erlösstärke sind wir in der Lage, einen Spieler, den wir halten wollen, auch wirklich zu halten. Ausbildungsvereine können das nicht. Wir sind auf eine andere Art ein Ausbildungsverein: Wir formen Talente zu Nationalspielern und wollen sie dann auch noch halten.

Die derzeitige Mannschaft definiert sich in erster Linie über ihren unbändigen Willen. Jeder gibt immer alles, auch für den Nebenmann. Die gegnerischen Teams werden nieder gerannt. Das ist ein denkbar einfaches Prinzip. Haben Sie Bedenken, dass es im Laufe der Rückrunde nicht zu einfach wird?
Wenn wir nur dieses Mittel zur Verfügung hätten, dann würde ich Ihnen Recht geben. Dann könnte es gefährlich werden. Aber die Jungs können ja auch kicken. Die Mischung ist entscheidend. Aggressives Pressing kombiniert mit gutem Fußball, das macht unser Spiel aus. Ich gebe zu, dass das Durchschnittsalter mit unter 23 Jahren da ganz hilfreich ist. Wenn alle Spieler 32 Jahre alt wären, dann würde unser System nicht funktionieren. Übrigens: Borussia Dortmund hat den Fußball nicht neu erfunden. Das muss auch mal gesagt werden (lacht).

Es gibt ja das Phänomen der Wunderkinder, die zu früh zu viel erreichen und dann abstürzen. Bei Ihnen sind fast alle jung. Kommt der Erfolg zu früh?
Nein. Erfolg kommt nie zu früh, man muss nur wissen, wie man damit umgeht. Egal wie die Rückrunde jetzt läuft, wenn wir in der Führung das Gefühl haben, dass die Mannschaft alles gegeben hat, sind wir bereit, alles zu akzeptieren - auch den Misserfolg. Vor zwei Jahren sind wir am letzten Spieltag mit 59 Punkten ganz knapp an der Qualifikation für den Uefa-Pokal gescheitert. Wir hatten das Gefühl, alles versucht zu haben. Die Sache war relativ schnell durch. Für uns ist der Tabellenplatz kein Kriterium.

Jürgen Klopp ist der Vater des Erfolgs. Was kann er eigentlich besonders gut?
Klopp ist komplett als Trainer. Er ist authentisch. Er ist ein Stratege. Die Mannschaft trägt seine Handschrift. Darüber hinaus ist er ein Kommunikationsmeister. Die Spieler glauben ihm. Jürgen Klopp ist der bestmögliche Trainer für Borussia Dortmund.

Und worin ist er schlecht?
Da fällt mir nichts ein.

Von seiner Philosophie her würde Klopp gut nach Barcelona passen. Die Spieler werden im eigenen Verein ausgebildet. Dabei geht es nicht nur um Technik und Passspiel, sondern auch um Demut und das Anerziehen von Bescheidenheit. Alles Dinge, die auch Klopp wichtig sind. Klopp ist Ihr Freund. Nur mal angenommen, es gibt irgendwann mal eine Anfrage von Barca, würden Sie ihm diese Chance verbauen?
Weil er mein Freund ist, weiß ich, dass es da vor Ende seines Vertrages 2014 überhaupt keinen Gesprächsbedarf seinerseits geben wird. Das ist zwischen uns klar besprochen. Da kann Barcelona gerne anklopfen. Oder auch die Nationalmannschaft. Da passiert nichts.

Was ist Ihnen eigentlich durch den Kopf gegangen, als Sie davon gehört haben, dass Herr Hopp mehr oder weniger an Ralf Rangnick vorbei, den Deal von Luiz Gustavo zu den Bayern eingefädelt hat?
Das hat mich keineswegs überrascht. Aber mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Letzte Frage: Karl-Heinz Rummenigge stichelt ja gerne gegen den Wert der BVB-Aktie. Dabei ging es 2010 ja zeitweise richtig bergauf. Und nun wieder herunter. Susi Hoeneß, die Frau von Uli, hat ja schon BVB-Aktien. Würden Sie Rummenigge vor dem Start der Rückrunde trotz der Kursschwankungen zum Kauf des Wertpapiers raten?
Rummenigge rate ich gar nichts. Das muss er auch selber wissen, ob er unsere Papiere zeichnet. Grundsätzlich gilt aber aus meiner Sicht: Jeder, der sich momentan der Strategie von Borussia Dortmund anschließt, macht keinen Fehler.

Klaus Bellstedt

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