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Kritik an Geisterspielen Jammern auf hohem Niveau: Der Profifußball versteht nicht, wie gut es ihm geht

Das Stadion vom VFB Stuttgart
Im November bleiben die Bundesligastadien leer. Die Profiklubs kritisieren die Entscheidung.
© Weber/ Eibner-Pressefoto / Picture Alliance
Die Bundesliga muss in den kommenden Wochen wieder mit Geisterspielen planen. Die Vereine kritisierten die Entscheidung der Politik. Das ist dreist. Der Fußball sollte sich stattdessen in Demut üben.

Als die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer am Mittwoch über die neuen Corona-Maßnahmen berieten, war die Angst des Profifußballs groß. Es drohte neues Ungemach. Es galt, eine erneute Unterbrechung der laufenden Saison mit allen Mitteln zu verhindern. Deshalb warnte Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München, bereits im Vorfeld des Treffens davor, dass die Zukunft des Fußballs "auf tönernen Füßen" stehe.

Rummenigges Worte wurden offenbar erhört. Der Spielbetrieb der ersten und zweiten Liga läuft weiter. Allerdings ohne Zuschauer. Dafür hatten die Profiklubs wiederum kein Verständnis. "Fans und Klubs haben darauf aufbauend, wo immer möglich, Hygiene- und Abstandsregeln nahezu ausnahmslos diszipliniert umgesetzt und sind damit ihrer Verantwortung gerecht geworden", schrieb die Deutsche Fußball Liga (DFL) in einem Statement. "Es ist daher bedauerlich, wenn dies vorübergehend nicht mehr möglich ist."

Nicht nur die DFL übte nach dem Beschluss des Zuschauerverbots Kritik, auch Borussia Dortmund verstand die Entscheidung der Politik nicht. In einem Brief an seine Fans schrieb der BVB: "Der Profifußball ist nachweislich kein Treiber der Pandemie. Und ehrlich gesagt sieht das auch niemand anders. Gerade vor diesem Hintergrund ist es schwierig zu akzeptieren, dass Fakten nicht zählen."

Aus wirtschaftlicher Sicht sind diese Aussagen durchaus nachvollziehbar. Das Coronavirus macht den Profiklubs zu schaffen. Der FC Bayern München rechnet wegen der ausbleibenden Zuschauereinnahmen mit rund 100 Millionen Euro Mindereinnahmen – der BVB mit 75 Millionen. Und dennoch glaubt kein Experte, dass die Kickerbranche ernsthaft in Bedrängnis gerät. Dazu ist die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs einfach zu groß. Und mit ihr die wirtschaftlichen Interessen.

Fußballvereine werden sogar finanziell unterstützt 

Hinzu kommt, dass der Staat die Vereine nicht im Regen stehen lässt. Ganz im Gegenteil. Schon im Mai schafften es die Funktionäre der Vereine, eine Erlaubnis der Kommunen und Länder zur Fortsetzung des Spielbetriebs zu bekommen. In Frankreich und den Niederlanden wurde die Saison dagegen vorzeitig beendet. Aber auch Hilfe des Staates ist einigen Profiklubs vergönnt. So sicherte das Land Nordrhein-Westfalen dem sportlich wie wirtschaftlich klammen FC Schalke 04 eine Bürgschaft von mehr als 30 Millionen Euro. Der SV Werder Bremen und der VfB Stuttgart wollen sogar Staatshilfe in Form von millionenschweren KfW-Krediten, um aus der Bredouille zu kommen.

Das ist vollkommen legitim, wenn die Vereine darlegen können, warum sie einen solchen Kredit benötigen. Nur wirkt es so, als sei sich der deutsche Profifußball seiner Privilegien nicht bewusst. Das Argument, die Vereine hätten in den letzten Monaten nach Ausbruch des neuartigen Coronavirus mit "großem Aufwand" Hygienekonzepte entwickelt, die nun vorerst wieder nicht mehr angewendet werden können, ist zumindest dick aufgetragen, wenn nicht gar lächerlich. Was sollen denn die Gastronomen oder die Kulturschaffenden sagen? Die haben in den vergangenen Monaten ebenfalls viel Geld in Hygiene- und Schutzmaßnahmen investiert – und müssen im November ihre Läden im Gegensatz zu den Profisportlern dicht machen. 

In anderen Branchen ist die Situation deutlich dramatischer. Da gibt es Soloselbständige, die wegen des Virus ihre Ersparnisse aufbrauchen mussten; Restaurant-Besitzer, die sich verschulden, weil sie ihre laufenden Kosten ansonsten nicht mehr decken können; Künstler, die vor Corona kein Nachfrageproblem hatten, und denen nun vom Staat Hartz IV angeboten wird.

Der große Unterschied ist: Diese Menschen haben im Gegensatz zu den Bundesligavereinen keine echte Lobby. Der Fußball darf – im Gegensatz zu Millionen Amateursportlern in diesen Land – zumindest noch spielen, die Show geht weiter, die TV-Einnahmen fließen. Klar, auch die Bundesliga muss Abstriche machen. Wie jeder in diesen Zeiten.

Die Profifußballvereine wären gut beraten gewesen zu erkennen, dass sie in einer deutlich komfortableren Situation stecken als ein Großteil des Landes. Da ist es an Dreistigkeit kaum zu überbieten, sich seiner Privilegien nicht bewusst zu sein und stattdessen noch die aktuellen Maßnahmen zu kritisieren. Die Fußballbranche hätte die Chance gehabt, sich in Zurückhaltung zu üben. Doch ganz offensichtlich ist Demut für die Profiklubs ein Fremdwort.


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