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Analyse

Abstieg in 3. Liga: Der Niedergang der Münchener Löwen - eine Warnung für alle Traditionsclubs

Nach Randale und Spielunterbrechung ist der TSV 1860 München würdelos abgestiegen. Es ist der Tiefpunkt einer Entwicklung, die allen Traditionsclubs ein Lehrbeispiel sein sollte.

Ein Fan des TSV 1860 München im weiß-blauen Trikot sitzt mit hängendem Kopf auf der Tribüne

Trauer, nichts als Trauer: Fans des TSV 1860 München lassen nach dem Abstieg in die 3. Liga den Kopf hängen. Bei anderen entlädt sich die Wut.

Dies ist nicht die Zeit für Häme - etwa in Richtung "wenigstens hat es den HSV der 2. Liga erwischt". Was mit dem einst ruhmreichen TSV 1860 München geschehen ist, sollte jedem echten Fußballfan zu Herzen gehen. Ein Traditionsclub ist konsequent abgewirtschaftet worden, oder wie es Deutschlands Profi-Fußballromantiker Arnd Zeigler auf Facebook sehr treffend formulierte: "Mit mehr Geld und weniger Gehirn ist noch nie ein Verein in Deutschland so konsequent zerstört worden."

Als am Dienstagabend Schalensitze und Stangen auf das Spielfeld der Münchner Allianz-Arena regneten, als das Relegationsspiel gegen Jahn Regensburg (0:2) unterbrochen werden musste, Polizisten verletzt wurden und selbst Club-Ikone Daniel Bierofka den wütenden Mob nicht mehr beruhigen konnte, da hatte der Deutsche Meister von 1966 auch das letzte verloren, was ihm noch geblieben war: seine Würde.

Investor Ismaik komplett gescheitert

Es ist End- und Tiefpunkt einer Entwicklung, die vor rund sechs Jahren mit dem Einstieg des Investors Hasan Ismaik begann. Der Jordanier rettete die Sechzger 2011 vor der Insolvenz, um sie - wie sich nun zeigt - ganz langsam in den Ruin zu treiben. Beim TSV 1860 regierte jahrelang nahezu ungebremste Großmannssucht ohne jede Sachkenntnis. Statt Aufstieg in die Bundesliga und Champions-League-Ambitionen nun Abstieg in die 3. Liga. Trainer, Präsident und Geschäftsführer sind schon weg, das Gros der Spieler wird wohl folgen. Sollte nun auch Ismaik noch seinen Treueschwur für die 3. Liga brechen, dann, ja was dann?

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Ob der TSV 1860 München noch die Kraft hat, sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zu ziehen, wird sich zeigen müssen. Für viele andere Traditionsclubs kann der Verein ein warnendes Beispiel sein. Hier sind drei Lehren aus dem Niedergang der Sechzger:

1. Ein Investor ist kein Allheilmittel

Einen potenten Geldgeber als einzige Möglichkeit zu sehen, den sogenannten Retorten- oder Geldclubs Paroli bieten zu können, ist vor allem unter Anhängern der Traditionsvereine sehr in Mode. Hasan Ismaiks Engagement beim TSV 1860 zeigt aber: Ein Investor, dem der Club nichts bedeutet, der Verein und Team eher als persönliches Spielzeug begreift, der kaum Kenntnis vom professionellen Fußball hat und jederzeit windigen Beratern aufsitzen kann (wie Ismaik offenbar dem iranischen Fußballgeschäftsmann Kia Joorabchian), kann letztlich mehr kaputt machen als sein Geld hilft. Denn:

2. Ohne nachhaltigen Plan geht es nicht

Ein Manager, der beim FC Liverpool erfolgreich war. Ein Meistertrainer, der mit dem FC Porto und Olympiakos Piräus in der Champions League war und ein Spielerkader, der dem Wert nach deutlich über dem Liga-Durchschnitt liegt - was soll da den Aufstieg aufhalten? Wie es Hasan Ismaik über die Jahre fertig gebracht hat, trotz aller Misserfolge nicht zu erkennen, dass das Anhäufen von vermeintlich großen Namen noch keine große Mannschaft macht, bleibt sein Geheimnis. Mit den Millionen des Jordaniers hätte man in Fröttmaning sicherlich auch einen stimmigen Kader und ein funktionierendes Team aufbauen können statt immer wieder vermeintliche Wunderkicker aus Südamerika oder Südeuropa zu kaufen und zu verkaufen oder permanent Trainer und Manager auszutauschen, weil sie angeblich dem schnellen Erfolg im Wege standen. Der beschämende Gegenentwurf zum TSV 1860 von Isamiks Gnaden findet sich gut 400 Kilometer weiter westlich: Mit deutlich weniger Mitteln, dafür mit sehr viel mehr Sachverstand steht der SC Freiburg an der Schwelle zur Europa League.

3. Bestätigung für Leipzig und Hoffenheim

Gegenentwürfe zu den Sechzgern sind ebenso - auch wenn es viele Traditionsfans nicht hören wollen - die viel geschmähten Retortenclubs RB Leipzig und TSG Hoffenheim. Ja, auch sie sind sehr gut mit Sponsorengeldern ausgestattet und haben nicht zuletzt deshalb die Champions-League-Plätze erreicht. Doch anders als der TSV 1860 folgten beide Clubs einem stimmigen Konzept, formten ihre Teams aus jungen und erfahrenen Spielern über Jahre hinweg und verbesserten Stück für Stück die Qualität der Mannschaften. Dass Leipzig sich als Bundesliga-Neuling für die Champions League qualifiziert hat, ist eben nicht nur den Brause-Millionen aus Österreich zu verdanken, sondern auch dem Sachverstand von Manager Ralf Rangnick und Trainer Ralph Hasenhüttl. Übrigens: Auch der FC Bayern München kauft seine Erfolgsteams nicht konzeptlos zusammen. Der Rekordmeister hatte immer dann Probleme, wenn sich aus dem Starensemble kein funktionierendes Team formen ließ.

TSV 1860 München: Wie geht es weiter?

Wie es mit dem TSV 1860 München weitergeht, ist derzeit offen. Dem Verein ist zu wünschen, dass er nicht das Schicksal so mancher früherer Bundesligisten erleidet, die inzwischen in der vierten Liga ihr Dasein fristen: Rot-Weiß Essen, Alemannia Aachen oder der SSV Ulm. Einsicht ist bekanntlich der erste Weg zur Besserung. So gesehen besteht noch Hoffnung für die Löwen angesichts von Hasan Ismaiks Äußerung vor dem verlorenen Relegationsspiel:

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