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Chelsea London: Rotstift bei den Blauen

Kein Witz: Der Verein von Roman Abramowitsch muss sparen. Dem Russen macht die Finanzkrise zu schaffen, neue Stars müssen warten. Und jetzt steigen auch noch die Steuern.

Von Raphael Honigstein, London

Der Russisch-Britische Kulturverband rief neulich die 30.000 Bewohner des sibirischen Krasnojarsk auf, den "typischen Engländer" zu wählen. Winston Churchill, David Beckham, James Bond und Pu der Bär wurden auf die Plätze verwiesen, denn es gewann: Roman Abramowitsch. Dem laut seinem Sprecher verblüfften Sieger soll demnächst eine Statue in Krasnojarsks Karl-Marx-Straße geweiht werden, obwohl eigentlich eine klare Verwechslung vorliegt: Der 42-jährige Russe entspricht derzeit mehr dem Klischee eines geizigen Schotten.

Bei seinem FC Chelsea, dem Klub, der noch vor Kurzem ein "blaues Jahrhundert" anstrebte und der für seine Verschwendungssucht von der Konkurrenz gefürchtet wurde, hat man das Zeitalter der Knauserigkeit ausgerufen. 15 Scouts wurden bereits entlassen; Frank Arnesen, der Chef der Jugendabteilung, soll bald folgen. Kostspielige Pläne für einen Stadionum- oder Neubau wurden laut Geschäftsführer Peter Kenyon "zu den Akten gelegt". Geld für einen dringend benötigten Mittelstürmer steht auch nicht zur Verfügung. "Wir werden im Sommer aktiv werden, das ist die richtige Zeit für Chelsea", sagte Kenyon.

Zwei Milliarden Euro Verlust an der Börse

Im vergangenen Januar hat Chelsea noch knapp 40 Mio. Euro für Nicolas Anelka (Bolton), Branislav Ivanovic (Lok Moskau) und Franco Di Santo (Audax Italiano) investiert, um dem überforderten Trainer Avram Grant unter die Arme zu greifen. Nachfolger Luiz Felipe Scolari muss dagegen wohl mit dem portugiesischen U21-Nationalspieler Orlando Sa (Sporting Braga) als einzige Verstärkung auskommen. Wie der "Observer" berichtet, erwägt der Verein sogar, die Spieler demnächst für die Mahlzeiten auf dem Trainingsgelände zur Kasse zu bitten. Die Lage an der Stamford Bridge scheint dramatisch zu sein, wenn 5 Pfund für Hühnerbrust mit Pasta plötzlich einen Unterschied machen.

Die Frage ist, wie dramatisch. Abramowitschs Sprecher John Mann gibt zu, dass der Rohstoff-Tycoon "wie jeder andere von der Finanzkrise betroffen" sei. Konkret hat er wohl einen zweistelligen Milliardenbetrag an der Börse verloren. Allerdings sollen dies "reine Papierverluste" (Mann) sein und der Großteil seines Vermögens sowieso liquide und damit unangetastet. Abramowitsch, der seit der Übernahme im Sommer 2003 gut 800 Mio. Euro in den Verein investiert hat, hätte im Notfall wohl tatsächlich noch ein paar Kopeken übrig, um für die Verluste des Klubs - 90 Mio. Euro im Vorjahr - geradezustehen. Doch seine Bereitschaft, Chelsea großzügig zu subventionieren, ist unzweifelhaft gesunken.

Scolari trifft der Sparkurs zur Unzeit

Kenyons seit vielen Jahren propagiertes Ziel, bis 2010 finanziell unabhängig vom Eigentümer zu sein, ist nun nicht mehr nur Lippenbekenntnis - sondern ein dringlicher Befehl von ganz oben. Damit diese ambitionierte Rechnung aufgeht, müssen die Einnahmen (zuletzt machte man 228 Mio. Euro Umsatz) weiter wachsen und die Ausgaben radikal eingedampft werden.

Langfristig dürfte den Blauen die erzwungene Emanzipation von Abramowitsch gut tun, Scolari aber trifft der Sparkurs zur Unzeit. Im Sommer hat er beim Verein der unbegrenzten Möglichkeiten unterschrieben, jetzt muss er einen Klub coachen, der mit aller Gewalt normal(er) sein will, aber natürlich immer noch außergewöhnlich erfolgreich. Nach drei sieglosen Heimspielen in Folge benötigt man heute gegen den rumänischen Meister CFR Cluj einen Sieg, um den Einzug ins Champions-League-Achtelfinale sicher zu schaffen. Ein Misserfolg wäre nicht nur blamabel, sondern auch in finanzieller Hinsicht schmerzhaft. Chelsea braucht momentan jede Million.

Im September, als man sich um den Brasilianer Robinho bemühte, wurden die "Blues" erstmals in fünf Jahren von einem Konkurrenten überboten; der Stürmer wechselte für 40 Mio. Euro zu Manchester City, dem Klub der Ölmagnaten aus Abu Dhabi. Die im April in Kraft tretende Einkommensteuer-Erhöhung (von 40 auf 45 Prozent für Bestverdiener) und der Kursverlust des britischen Pfunds machen den Standort London im internationalen Vergleich zudem unattraktiver.

Letzteres Problem betrifft Michael Ballack allerdings nicht: Eine Klausel im Vertrag schützt das Gehalt des deutschen Nationalelfkapitäns vor Währungsfluktuationen. Sein Beschäftigungsverhältnis wird übrigens zu den gleichen Konditionen mindestens um ein weiteres Jahr bis 2010 verlängert werden. Man verhandelt derzeit, ob der neue Vertrag auf zwei oder drei Spielzeiten befristet sein wird - und wahrscheinlich auch noch die Frage, ob der Deutsche sein Mittagessen in Zukunft selbst zahlen muss.

FTD

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