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DFB-Debakel gegen Spanien Das war's für Löw: Es ist Zeit zu gehen

Sehen Sie im Video: 0:6 gegen Spanien – DFB-Team erlebt Debakel in der Nations League.






"Das war ein rabenschwarzer Tag", so die Einschätzung von Bundestrainer Jogi Löw nach der 0:6-Klatsche gegen Spanien in der Nations League. Es habe gar nichts funktioniert, weder in der Defensive noch in der Offensive. Wer das Spiel gesehen hat, wird Löw kaum widersprechen. Bis auf einen Lattentreffer von Serge Gnabry hatte die deutsche Mannschaft keine Chance gegen starke Spanier, die phasenweise machen konnten, was sie wollten. Entsprechend viel Häme und Spott gab es auch in den Kommentaren in den sozialen Netzwerken. Dort wurde neben der Mannschaft vor allem der Bundestrainer heftig kritisiert. Dieser habe schon viel früher zurücktreten müsse. Er sei der falsche Mann, zur falschen Zeit am falschen Ort. Auch die Rückkehr der von Löw aussortierten Spieler Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng wurde vehement gefordert. Diese Forderung hatte Löw schon direkt nach dem Spiel zurückgewiesen. Er sehe auch nach dem 0:6 keinen Grund, einen der drei Weltmeister von 2014 wieder zu nominieren, sagte Löw. Um seine eigene Zukunft muss sich Löw, wenn es nach Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff geht, keine Sorgen machen. Das Vertrauen sei vollkommen da, sagte Bierhoff nach dem Debakel. Daran ändere auch dieses Spiel nichts.
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Das Debakel der Nationalelf gegen Spanien war der Abgesang auf die Ära Löw. Die Niederlage lässt keinen Spielraum mehr für Argumente. Der Bundestrainer sollte zurücktreten, bevor er sein Erbe weiter beschädigt.

Es ist wie so oft, wenn etwas Unvermeidliches ansteht: Die Reihen schließen sich. Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff erklärte nach der entblößenden Niederlage gegen Spanien, dass das Spiel nichts ändere. Jürgen Klinsmann, Vorgänger von Löw als Bundestrainer, sagte, es gebe keinen Bedarf, den Trainer zu wechseln: "Welche Botschaft sendet man denn damit aus?", fragte er. Darauf ließe sich antworten: Die Niederlage gegen Spanien war ein Offenbarungseid. Sie hat brutal offengelegt, dass die Zeit von Löw abgelaufen ist. Ein halbes Jahr vor der Europameisterschaft sollte man einen personellen Neuanfang wagen.

Joachim Löw 
Joachim Löw 
© Ronny Hartmann / AFP

Löw selbst sieht das anders. Er redete nach dem Spiel von Pflicht und Verantwortung, von Analyse und einer talentierten Mannschaft, und das vor der WM 2010 auch niemand geglaubt habe, dass die DFB-Elf ein erfolgreiches Turnier spielen würde. Aus seiner Sicht mögen das gewichtige Argumente sein, die Arbeit fortzusetzen. Aber diese Argumente funktionieren nicht mehr, sie bewegen sich im luftleeren Raum.

Eine Leistung wie gegen Spanien lässt sich nicht schönreden

Eine Leistung wie gegen Spanien lässt sich nicht mehr schönreden. Abgesehen von der historischen Dimension der Klatsche (das letzte 0:6 gab es 1931 gegen Österreich) zeigt sie: Löw erreicht die Mannschaft offenbar nicht mehr, saft- und kraftlos ergaben sich die Spieler gegen eine spanische Mannschaft, in der alles stimmte: Konzentration, Aggressivität, Kommunikation, Tempo, Taktik, Spielfreude – nichts davon war bei den Deutschen zu sehen. Das Spiel war eine einzige Bankrotterklärung.

Nach der WM in Russland Löw im Amt zu lassen, war richtig. Seine Analyse und Selbstkritik damals klangen überzeugend. Doch jetzt zeigt sich: Er hat die Chance nicht genutzt. Denn die Schwächen, die gegen Spanien wie unter einem Brennglas zu Tage traten, zeigt die Nationalelf schon seit Löw und Bierhoff den Neuaufbau ausriefen. Systemumstellungen, zahlreiche neue Spieler ausprobiert – all das hat nichts gebracht. Die Defensive ist ein Dauerproblem. Und wenn das Team sicher verteidigt, fehlt es an Offensivpower. Die Mannschaft hat schlicht keine Balance. Streng genommen gab es nur einen überzeugenden Auftritt seit 2018. Das war der 3:2-Sieg gegen die Niederlande. Doch sogar in diesem Duell gab Löws Mannschaft eine 0:2 Führung zwischendurch aus der Hand. Auch das ist eine durchgängige Schwäche: Dem Team mangelt es an Cleverness und Reife. Von der Einstellung gegen Spanien braucht man gar nicht zu reden.

Ebenso wenig muss man darüber sprechen, dass die Ausbootung von Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller ein Fehler war. Alle drei waren außer Form, ihnen eine Pause zu gönnen, war richtig. Aber sie von vorn herein kategorisch auszuschließen und ohne sie einen Neuaufbau zu beginnen, hat sich als Fehleinschätzung erwiesen. Er hält den Ausgebooteten mittlerweile zwar eine Hintertür offen, aber würde Löw sie wieder berufen, hätte er sich selbst widerlegt – es würde seiner angeknacksten Autorität noch mehr schaden. Aus der Nummer kommt der 60-Jährige so oder so nicht mehr heraus.

Löw lebte lange vom Verweis auf die Zukunft

Löw hat lange davon profitiert, dass er auf eine große Zukunft mit einer talentierten Mannschaft verweisen konnte. In Interviews ließ er anklingen, dass er die Europameisterschaft im Grunde als Vorbereitungsturnier für die WM 2022 in Katar betrachtet. Von einem Bundestrainer erwartet man zwar, dass er perspektivisch arbeitet. Doch eine unumstößliche Wahrheit ist: Im Fußball zählen am Ende nur die Ergebnisse, es zählt (fast ausschließlich) die Gegenwart. Perspektivisch zu arbeiten und zu experimentieren, darf nicht zu einer Ausrede werden.

Löw liefert nun seit über zwei Jahren schlechte bis durchwachsene Ergebnisse. Außer den Niederlanden hat Deutschland in dieser Zeit kein großes Team besiegt – und im nächsten Jahr folgt die EM. Das ist, was zählt – und Löw fehlt ganz offensichtlich die Kraft, ein konkurrenzfähiges Team auf höchstem Niveau zu formen. Er sollte sein Denkmal nicht weiter beschädigen und zurücktreten. Vielleicht wären ja U21-Trainer Stefan Kuntz oder Ralf Rangnick Männer für die Nachfolge. Löw ist ein großer Trainer, ein Weltmeister, aber seine Zeit ist abgelaufen.


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