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Kolumne

Rot-weiß - FC Bayern-Fan-Kolumne: Kovac sollte den Löw machen und zwei etablierte Stars auf die Bank setzen

Krise, Nationalmannschaftspause und nun vier Auswärtsspiele in Folge: Neu-Coach Niko Kovac steht beim FC Bayern vor einer Herkules-Aufgabe. Wir sagen, wie er taktisch reagieren müsste, es aber leider nicht tun wird - wie seine PK jüngst gezeigt hat.

Von Stefan Johnnesberg

FC-Bayern-Trainer Niko Kovac steht mächtig unter Druck

FC-Bayern-Trainer Niko Kovac steht mächtig unter Druck und sollte bei der Aufstellung Mut beweisen

DPA

Auf der Pressekonferenz am Freitagmittag versuchte FC Bayern-Coach Kovac genau eins: Ruhe bewahren. "Gegen Gladbach waren auch gute Ansätze da. Leider geht der Ball momentan nicht ins Tor. Wir werden nicht alles hinterfragen und auf links drehen. Wir brauchen das Quäntchen Glück. Wenn wir das haben, werden wir auch wieder erfolgreich sein", so Kovac.

Auch Altstar Arjen Robben hatte im Donnerstag-Kicker unter anderem darüber gesprochen, wie er seinen Trainer in der Zeit der Krise erlebt hat. "Er sucht nun Wege, damit wir wieder besser Fußball spielen. Wir brauchen eine Siegesserie, dafür arbeiten wir. Hoffentlich kommen alle wieder gesund von der Nationalmannschaft zurück. Viel Zeit haben wir nicht." Der alte Herr Robben wirkt nach der Pause erstarkt und auch Opa-Kollege Ribery dürfte wieder ein wenig Kraft getankt haben. Wir haben uns die taktischen Möglichkeiten einmal genau angeschaut, sehen es komplett anders als Kovac und sind auf eine einfache, überraschende Lösung gekommen: Niko, mach‘ den Löw!

Mach‘ den Löw, Teil 1 – Joshua Kimmich in die Mitte

Im Gegensatz zur Nationalmannschaft standen die Bayern gerade im Mittelfeld defensiv nicht so schlecht, trotzdem liegt hier der Hund begraben. Analysiert man die letzten Niederlagen und hört Trainer wie Spielern zu, fehlt es vor allem im Offensivspiel an Geduld, Passsicherheit und Automatismen. Zu schnell wurde der Ball verloren, zu lange dauerten Ballannahme und Aufbau der wichtigen Dreiecke zur Überladung der jeweiligen Seiten. Da es ohne Nationalspieler in so kurzer Zeit praktisch unmöglich ist, all das perfekt und neu zu trainieren, muss Kovac die richtigen Spieler in die richtigen Positionen bringen - und das beginnt mit Kimmich auf der Sechs.

Nicht nur die italienische Presse sah vor allem in der ersten Halbzeit des Länderspiels gegen Frankreich eine dominante Vorstellung von Kimmich und Kroos. Pogba und Kanté fanden so weder Mittel noch Zugriff und die Deutschen erinnerten an fast verloren gegangene Zeiten. Kimmich bestach dabei durch Bissigkeit, Abgebrühtheit und (meistens) Sicherheit im Aufbau, kurz gesagt: Einen perfekteren Sechser wird kein Trainer und schon gar nicht Niko "Ich brauche immer eine Absicherung"- Kovac momentan finden.

Das Einrücken von Kimmich gäbe dem vorherigen Sechser Thiago die Möglichkeit, offensiver zu agieren, ohne - wie gegen Mönchengladbach - von der Acht fliehen zu müssen, um den limitierten Martinez im Spielaufbau zu unterstützen. Zusammen mit dem perfekt aufgelegten Techniker James (siehe Tor gegen die USA) bildet das Trio ein tödliches Pass-Dreieck, das die verschwundene, offensive Dominanz alter Tage allein wegen dieser drei Spieler reaktivieren könnte. Europaweit gäbe es wenig Vergleichbares.

Das Kimmich-Dilemma: Rafinha muss sofort spielen

Das Kimmich-Dilemma, auf rechts ohne Joshua zu wenig Klasse zu besitzen, teilt Kovac mit Löw - ein bisschen. Denn wie letztes Jahr könnte nun die große Stunde von Veteran Rafinha schlagen. Seit ein paar Tagen trainiert der aggressive und meist verlässliche Brasilianer wieder voll mit der Mannschaft und könnte mit Robben auf links ein stabiles, eingespieltes Duo bilden. Gerade seine Bissigkeit und zwingender Offensivdrang fehlten dem FC Bayern in letzter Zeit sehr.

Mach‘ den Löw, Teil 2 – Gnabry für Lewy in die Startelf

Die Diva schwächelt mal wieder. Robert Lewandowski kämpft nun seit über 800 Minuten erfolglos mit sich und dem Tor. Wie viele Torjäger vor ihm beschäftigt er sich daher vorrangig mit sich selbst, motiviert als Führungsspieler nullkommanull, lamentiert dauernd, findet keine Mitte zwischen Eigensinnigkeit und Passspiel und hat sich damit einen Platz auf der Bank redlich verdient. Sein potentieller Nachfolger steht bereits in den Startlöchern und heißt nicht Sandro, sondern Serge. Serge Gnabry. Auch Löw setzte den kraftvollen Offensivspieler gegen Frankreich ganz vorne in der Spitze ein und trotz einiger Timing-Probleme überzeugte Gnabry mit Abschlusswillen, Dynamik sowie als Anspielstation. Gerade die - im Vergleich zu Sané und Werner - langsameren Robbery könnten von einem besser mitspielenden und weniger egoistischen Stürmer profitieren. Fun Fact: Irgendwann saß Lewy ja schon einmal gegen Wolfsburg zuerst auf der Bank ...  Fünf Tore in neun Minuten anyone?

Die Startelf von stern.de:

Folgende Aufstellung sollte Niko Kovac also am Wochenende wählen: Neuer - Rafinha, Süle, Hummels, Alaba - Kimmich - Thiago, James - Robben, Ribéry, Gnabry

Viele Nationalspieler als Leidtragende

Neben Lewandowski würden der angeschlagene Boateng, Thomas Müller, Leon  Goretzka und Renato Sanches erst mal zuschauen, sich als Einwechselspieler als Teil der Mannschaft präsentieren und für frischen Wind sorgen müssen. Ein Hängenlassen wäre verboten und sollte von Kovac hart geahndet werden. Das Gleiche gilt für Ego Trippin‘ bei Auswechselungen, Alleinikov-Aktionen vorm Tor und Lamentieren statt Motivieren auf dem Platz. Gerade jetzt muss sich auch das Star-Ensemble des FC Bayern als Team präsentieren. Mal sehen, ob auf der ankündigten Pressekonferenz mit Kovac und allen Bossen um 12.00 Uhr am Freitag genau dazu etwas gesagt wird.

Warum Kovac so nicht spielen wird

Bislang ist Niko Kovac nicht wie einst Pep Guardiola mit genial bis wahnwitzigen Experimenten in Sachen Taktik und Aufstellung aufgefallen. Viel mehr versuchte er, konservativ die Stärken der Vergangenheit zu bewahren und an diversen, kleineren Schrauben wie Gegenpressing, Fitness und Standards zu arbeiten. Die Pressekonferenz von Freitag untermauert sein weiterhin konservatives Vorgehen. Es geht ihm eher um die klassischen Tugenden: "Wir haben es nicht geschafft, als Einheit auf den Platz zu bringen. Unsere Angriffsmuster greifen."  Daher ist nicht zu erwarten, dass er den Löw’schen Schachzug mit Kimmich oder Gnabry gegen Wolfsburg schon kopieren wird. Wahrscheinlicher ist eine klassische Aufstellung mit der Hoffnung auf bessere Chancennutzung, auf durch die Pause erholten Alt-Stars und größeres Engagement des gesamten Teams. Wie sagte Robben dem "kicker":  "Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur an Kleinigkeiten liegt. Wir müssen die Gegner wieder dominieren, wir brauchen viel Leidenschaft, mehr Bewegung und Überraschung." Am  Samstag um 17:20 Uhr sind alle schlauer.

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