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Der Guru: Otto Rehhagel

Er sei ein "Kind der Bundesliga", hat Otto Rehhagel immer bekannt. Der kauzige Fußballphilosoph hat alles erlebt in der Liga.

"Ich bin ein Kind der Bundesliga". Otto Rehhagel liebte diesen Satz und hat ihn oft benutzt. Was oft zur Phrase schrumpft, trifft bei ihm zu: Der gelernte Malermeister kennt die Liga wie kaum ein anderer. Seit dem ersten Spiel war er dabei, gab für Hertha und den 1. FC Kaiserslautern den rustikalen Abwehrrecken, bis er 1972 wegen einer Knieverletzung seine aktive Laufbahn beenden musste.

Er leitete als Trainer die Übungseinheiten von insgesamt acht Bundesligateams und gewann in dieser Funktion sechs nationale und zwei internationale Titel. Keine schlechte Bilanz, aber bei den Fußballfreunden bleiben weniger seine Erfolge hängen, sondern vor allem seine herrische, selbstherrliche, bisweilen schrullige Art und Weise, mit der er mit den Spielern und auch den Medien umzugehen pflegte. Er ist ein Original mit Ecken und Kanten, der sich im Leben immer alles erkämpfen musste.

Kulturfreak

Den Fußball nutzte der aus einfachen Verhältnissen stammende Essener zu einem sozialen Aufstieg, der ihn schließlich in die bürgerliche Upper Class der Gesellschaft führte. Die Freundschaft mit dem Thüringer Rhetorikprofessor Walter Jens genoss er in der Öffentlichkeit ebenso wie seine Theaterbesuche und seine Bekanntschaft mit Jürgen Flimm. " Wenn das mein Vater erleben könnte", sagte er einmal. Doch in die hohen Kreise führte ein langer Weg durch viele Trainerbänke der Bundesliga.

Notnagel

Am Anfang seiner Trainerkarriere galt Rehhagel als typischer Feuerwehrmann mit frechem Mundwerk, ein Trainer für kurzfristige Engagements, der eine Mannschaft in einer Krisensituation motivieren, aber keine langfristige Aufbauarbeit leisten kann. So hüpfte er von Saarbrücken über Offenbach und Dortmund schließlich 1981 zum damaligen Zweitligisten Werder Bremen. Für seine Karriere ein entscheidender Wendepunkt.

"Ottokratie"

In Bremen formte er im Laufe von vierzehn Jahren "ein Reich, das im deutschen Fußball zu einer Institution wurde", wie der Berliner Tagesspiegel seinerzeit schrieb. Aus jungen Talenten wie Rudi Völler oder Norbert Meier, alten Haudegen wie Manfred Burgsmüller oder Mirko Votava und Schlitzohren wie Wynton Rufer und Rune Braseth bastelte er eine Mannschaft, die in den 80er-Jahre um die Spitzenplätze der Bundesliga mitspielte. Werder wurde zum großen Rivalen des FC Bayern und gewann 1988 ebenso wie 1993 den Titel. Der größte internationale Erfolg war 1992 der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger. In der Hansestadt an der Weser stimmte für den "demokratischen Diktator", wie er sich gern nannte, so ziemlich alles: Der Vorstand stand bedingungslos hinter ihm, die Verantwortlichen ließen ihn schalten und walten wie er wollte. Die Spieler führte er, wie Andreas Herzog einmal sagte, "irgendwie wie die eigenen Söhne": autoritär, wenn es sein muss, aber auch nachsichtig, wenn es die Umstände erlauben. So konnte es sich das schlampige Genie Mario Basler auch einmal erlauben, ein wenig später zum Training zu erscheinen.

Rehhagel blieb ein Fußballverrückter, der nicht einen Verein, sondern den Sport liebte. Einer, der nach neuen Herausforderungen suchte. Doch der Schock war groß in Bremen, als er 1995 seinen Wechsel bekanntgab: ausgerechnet zu den Bayern, dem Hollywoodverein aus dem reichen Süden.

Großes Missverständnis mit den Bayern

Sein Gastspiel in München wurde ein Fiasko, ein großes Missverständnis. Der Medienfresser ("Jeden Handstand mache ich nicht mit, auch wenn wir uns an die Medien verkauft haben") kam im Glamourverein Bayern München nicht zurecht, zudem hatte er in Beckenbauer, Hoeneß und Rummenigge Vorgesetzte, die auch in den sportlichen Angelegenheiten mitzureden versuchten. Obwohl sich die Erfolge durchaus sehen lassen konnten, wurde ihm nach drei erfolglosen Heimspielen gekündigt. Ein Schmach, die tief in ihm nagte. Vor allem weil intern und öffentlich seine fachliche Qualifikation in Zweifel gezogen wurde.

Sensationscoup mit Kaiserslautern

Eine Schmach, die er mit seinem neuen Verein Kaiserslautern mehr als wettmachte. Ihm gelang ein wohl einmaliges Kunststück: Mit einem frisch gebackenen Aufsteiger direkt in der neuen Saison Meister zu werden. Dieser Sensationscoup von 1998 war möglich, weil Rehhagel wieder die volle Unterstützung des Vereins und eine Mannschaft hatte, die dem schrulligen Fußballguru willig folgte. Die Spieler akzeptierten seine Übervatermentalität und dankten es ihm mit vollem Einsatz und vielen Siegen.

Ein Kind der Bundesliga

Rehhagel war jetzt endgültig Kult. Seine Interviews wurden immer kauziger, immer mehr gefiel er sich in der Pose des Fußball-Philosophs, der die lästigen Fragesteller mit mehr oder weniger tiefsinnigen Sprüchen oftmals ratlos stehen ließ. Er zitierte Goethe und Schiller, und wurde dafür oft spöttisch belächelt. Aber immer wieder verwies er auf seine eher konservativen Ideale wie Fleiß, Anstand, Disziplin und Treue. Überall, wo er war, lieferte er stets "ehrliche und saubere Arbeit" ab, betonte er immer wieder. Er wusste, was er dem Fußball zu verdanken hatte. Ein Kind der Bundesliga eben. Das jetzt bei der griechischen Nationalmannschaft sein Glück sucht.

Christoph Marx

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