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Portugal - Spanien: Mit Egoshooter Ronaldo ins Finale

Nach schwachem Start in die EM beeindruckt Superstar Cristiano Ronaldo als teamtauglicher Egomane. Die Zeit scheint für ihn reif, Portugal ins Endspiel zu führen - selbst gegen Weltmeister Spanien.

Von Tim Schulze

Cristiano Ronaldo übt sich in diplomatischer Zurückhaltung. Vor dem großen Bruderduell Portugals gegen Spanien im ersten Halbfinale der Europameisterschaft (20.45 Uhr/live im stern.de-Ticker) sagt er nur: "Es wird sehr schwer für uns, weil Spanien eine großartige Mannschaft hat. Aber gerade weil es gegen Spanien geht, haben wir auch keinen Druck." Das ist richtig, weil der Titelverteidiger als Favorit in dieses Spiel geht und Portugal eher als ernstzunehmender Außenseiter gilt. Einerseits.

Anderseits gilt das für nicht für "CR7", wie sich Ronaldo in einer Kombination aus seinen Initialen und seiner Rückennummer gern nennt. Portugal ist in der Wahrnehmung von Fans und Medien in erster Linie CR7. Die Erwartungen an ihn sind hoch – sowohl in der Heimat wie bei ihm selbst. Der egozentrische Stürmer hat sie selber hoch geschraubt, weil er nach schwachem Turnierstart auf beeindruckende Weise durchstartete und Portugal ins Halbfinale führte. Gegen Tschechien und die Niederlande erzielte er insgesamt drei Tore, viermal traf er den Pfosten. "Der Beste der Welt", titelten die Sportzeitungen "A Bola" und "Record" in seltener Einmütigkeit, die Tageszeitung "Publico" pries die "unbegrenzten Möglichkeiten" des 94-Millionen-Euro-Mannes. Ist vielleicht sogar der Titel drin? Nicht ausgeschlossen.

Der Schönling hängt sich rein

Als die Portugiesen zuletzt vor acht Jahren bei der EM im eigenen Land ernsthaft vom Titel träumten, bekamen sie es im Finale mit Griechenland und Otto Rehhagel zu tun. Die Niederlage wirkt bis heute nach. Bei einem 19-Jährigen flossen nach dem Abpfiff die Tränen. Die Fassungslosigkeit damals spiegelte die des ganzen Landes wider. Seither hat Ronaldo im Trikot der Seleccao nur selten geglänzt. Während der Weltmeisterschaft 2010 etwa gelang ihm ein einziges Tor – beim 7:0 gegen das überforderte Nordkorea.

Zwei Jahre später ist die Situation nun anders. Ronaldo ist die unumstrittene Führungsfigur der Portugiesen. Der Schönling hängt sich voll sich rein, ist Antreiber und Torschütze. In den ersten beiden Partien gegen Deutschland und Dänemark spielte er glücklos, da war er noch nicht ganz angekommen bei dieser Europameisterschaft. In Portugal fielen sie deshalb über ihn her. Sogar ein prominenter Politiker meldete sich zu Wort und kritisierte ihn öffentlich. Hinzu kamen die gegnerischen Fans, die ihn mit "Messi"-Rufen provozierten - Lionel Messi, der andere Fußball-Gott aus Argentinien ist Ronaldos ewiger und zuletzt erfolgreicherer Konkurrent um den Titel "Bester Fußballer der Welt". In diesem Punkt ist der gebürtige Madeirer besonders empfindlich. Doch CR7, dessen Ego nicht nur groß, sondern offensichtlich auch sehr stabil ist, schaffte die Wende. In den letzten beiden Spielen trat Ronaldo auf wie einer, der auf einer Mission ist, die Sehnsucht der Portugiesen nach einem Titel zu erfüllen. Via Twitter und Facebook nahm der 27-Jährige seine Landsleute sogar mit in die Pflicht: "Ob zu Hause, zusammen mit Freunden oder im Stadion: Morgen stehen wir alle zusammen. Força Portugal!"

Familientreffen der Real-Stars

Doch zunächst ist da am Abend die hohe Hürde Spanien - ein großes Spiel, in dem Ronaldo seine Arbeit an der Marke CR7 fortsetzen will. Es ist ja nicht nur die Beziehung der iberischen Bruderstaaten, die der Partie besondere Brisanz verleiht. Ronaldo und die Verteidiger Pepe und Fabio Coentrao spielen für Real Madrid - genau wie vier Spieler der Spanier. Es ist auch eine Art Familientreffen, das da in der Donbass Arena in Donzek stattfindet. Auch Ronaldos Gegenspieler Álvaro Arbeloa wird ein Vereinskollege von Real sein. Ob Árbeloa, ein Verteidiger mit übersichtlichem Talent, allein ausreicht, um Ronaldo auszuschalten, ist zweifelhaft. Doch die Spanier vertrauen ganz auf ihr perfektes Zusammenspiel: "Wir spielen unser übliches System, und falls es nötig sein sollte, nehmen wir gewisse Anpassungen vor", kündigte Mittelfeldspieler Xabi Alonso an - ebenfalls ein Teamkollege Ronaldos von Real Madrid.

Der Spanier weiß, dass der Ronaldo-Hype von einer bedeutenden Tatsache ablenkt: Portugal ist auf den anderen Positionen trotz des Ausfalls von Stürmer Helder Postiga ebenfalls hochklassig besetzt - und es funktioniert als Team, sowohl auf dem Platz wie auch außerhalb (ganz im Gegensatz zum spanischen Viertelfinalgegner Frankreich, das seinen Star Franck Ribéry weitgehend allein kämpfen ließ). Als Ronaldo gegen Dänemark patzte, waren andere zur Stelle. Im Mittelfeld hat sich Raul Meireles von Champions-League-Sieger FC Chelsea vom zweikampfstarken Sechser zum Passgeber entwickelt. Auf der rechten Außenbahn verrichtet mit Nani von Manchester United ein Stürmer sein Werk, der kaum minder begabt ist als Ronaldo. In der Abwehr stehen hochklassige Spieler wie Pepe und Coentrao.

Mourinho traut Portugal den Titel zu

Das ist auch das Werk von Trainer Paulo Bento, der vor dem Turnier mit eisernem Besen kehrte und schwierige Stars wie Ricardo Carvalho und José Bosingwa aussortierte. Ronaldo ist der alles überstrahlende Star, aber einer, der in der Mannschaft anerkannt ist. Bento wird nicht müde zu betonen, dass Portugal nicht nur Ronaldo ist. Von Neid oder Kritik ist bislang nichts nach außen gedrungen. Stattdessen gehört Lob für den Superstar zum Standardrepertoire: "Ronaldo ist ein Führungsspieler, der sehr viel für die Mannschaft arbeitet", sagte Mittelfeldspieler Joao Moutinho vor wenigen Tagen.

José Mourinho, Ronaldos Landsmann und sein Trainer bei Real, traut seinen Landsleuten den Titel zu. Der Weg dorthin aber führt über die Topnationen des europäischen Fußballs: Nach Spanien, dem aktuellen Weltmeister, würde die Auswahl einer weiteren großen Fußballnation warten: Italien oder - in einer Wiederholung des engen Matches aus der Gruppenphase - Deutschland. Sollte Portugal angesichts dieser Konstellation den Titel gewinnen, bauen sie Ronaldo in Lissabon ein Denkmal.

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