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Der HSV und seine Fans Anatomie einer gestörten Beziehung

Der HSV ist Vorletzter. Zeit für die große Abrechnung? Ja. Aber nicht mit Spielern oder sportlicher Leitung, sondern mit Fans, Medien und dem kleinbürgerlichen Hamburger Umfeld, das dazu beigetragen hat, einen der großen Clubs Europas zu einer Lachnummer werden zu lassen.

Die Leistung des HSV in München sah am Wochenende schlecht aus. Sehr schlecht. Man könnte jetzt über Michael Oenning diskutieren. Oder über die Qualität des Hamburger Kaders. Aber der Punkt ist: Das machen ja schon alle. Und zwar seit Jahren. Und zwar unabhängig davon, wie es dem HSV wirklich geht.

Da es zudem nach drei Spieltagen, die noch dazu zwei Auswärtsspiele in Dortmund und München beinhalteten, viel zu früh ist, um den Stab über eine neu zusammengestellte Mannschaft zu brechen, wollen wir uns einmal näher der Frage widmen, warum eigentlich einem der traditionsreichsten deutschen Vereine so viel negative Stimmung entgegenschlägt - von den eigenen Anhängern.

In Sachen Weltuntergangsstimmung haben die HSV-Fans (zumindest die meisten von ihnen) nämlich inzwischen den Schalkern den Rang abgelaufen, wenn es um die destruktivsten Supporter der Bundesliga geht. Der Kontrast wird umso sichtbarer, wenn man die Rothosenfans mit denen des Lokalrivalen FC St. Pauli vergleicht.

St. Pauli-Fans feiern Misserfolg, HSV-Fans sehen überall "Versager"

Als die Mannschaft von Holger Stanislawski in der Vorsaison das letzte Heimspiel am Millerntor mit 1:8 gegen Bayern München verloren hatte (und dabei übrigens keinen Deut bundesligatauglicher wirkte als der HSV am Wochenende), feierten die Fans den scheidenden Trainer anschließend mit einer Ehrenrunde. Seine Mannschaft hatte einen Punkt aus den vorangegangenen elf Spielen geholt und stand als Absteiger fest.

Beim HSV hingegen organisierten Fans nach der Derbyniederlage gegen St. Pauli im Februar einen Stimmungsboykott beim anschließenden Heimspiel gegen Werder Bremen. Manche Dauerkartenbesitzer beschlossen, ihre Tickets für den Rest der Saison verfallen zu lassen, aus Protest. Und das selbst nach dem folgenden 4:0 gegen den Erzrivalen Werder. Zu diesem Zeitpunkt stand der HSV auf Platz sieben der Tabelle, einen Punkt hinter einem Europacupplatz. Stuttgart rangierte zeitgleich auf Platz 17. Werder Bremen einen Punkt vor den Abstiegsrängen.

Aber keine Anhängerschaft vermochte so viel Hass auf den eigenen Club aufzubringen wie die des HSV. Nun ist das kein brandneues Phänomen. Der Ursprung der Hamburger Missgunst mag durchaus schon in den 1980er Jahren zu finden sein. Damals spaltete sich die Fußballfankultur in der Hansestadt in zwei Teile, als der FC St. Pauli in die Bundesliga aufstieg und im Zuge von sozialen Auseinandersetzungen in der Stadt innerhalb weniger Jahre eine sehr eigenwillige Fanszene gewann, die neben politischem Engagement nicht zuletzt auch durch Humor und Spaß im Stadion auf sich aufmerksam machte.

Frust über die Ära Hoffmann - aber warum eigentlich?

Man muss die St. Pauli-Fanszene nicht mögen, und man kann durchaus finden, dass etwas nicht stimmt, wenn die tatsächliche sportliche Leistung hinter dem Eventerlebnis verschwindet, so dass man über ein 1:8 der eigenen Mannschaft lachen kann. Das sehen übrigens auch viele St. Pauli-Anhänger so. Aber selbst, wenn man nicht ins Extrem gehen will, mutet die überkritische Haltung des schwarz-weiß-blauen Teils von Hamburg für den neutralen Beobachter merkwürdig an.

Eine gewisse Grundunzufriedenheit darüber, wie der Club sich in den letzten zehn Jahren entwickelt hat, was grob der Ära von Vorstand Bernd Hoffmann entspricht, mischt sich anscheinend mit dem Frust über das lange Warten auf einen Titel (seit 1987) und führt zu einer depressiven Dauerstimmung. Doch warum genau ist das so?

Die sportliche Bilanz der Ära Hoffmann kann sich trotz aller Trainerwechsel und Neuanfänge durchaus sehen lassen. In den neun Saisons seiner Amtszeit stand der HSV am Saisonende nie schlechter als auf Platz acht in der Tabelle. Es gibt genau einen anderen Bundesligisten, der so viel Konstanz in diesem Zeitraum aufwies: den FC Bayern. In den neun Jahren davor waren die Rothosen zudem sechsmal schlechter als Platz acht. Die Tendenz zeigte also klar nach oben.

Dreimal so viele Zuschauer wie vor 25 Jahren - und dreimal so viel Unzufriedenheit

Vergleicht man dazu die Infrastruktur des Clubs mit der von vor 15 Jahren, dann müsste man als HSV-Fan eigentlich rundum glücklich sein. Statt der alten Betonschüssel steht im Volkspark ein großes, stimmungsvolles Stadion, in das im Schnitt 54.000 Zuschauer pro Spiel kommen. Mitte der 1990er betrug der Schnitt die Hälfte davon, in den 1980ern lag er oft unter 20.000.

So gehört der HSV zu den zehn bestbesuchten Clubs Europas, nach der jährlichen Football Money League der Unternehmensberatung Deloitte zudem zu den 15 umsatzstärksten Fußballclubs der Welt. Kurzum: Im Großen und Ganzen gibt es nicht viel zu meckern. Was genau wollen denn die unzufriedenen HSV-Fans von ihrem Verein?

Da ist sicher einmal die Sehnsucht nach der Goldenen Zeit, der Ära von Ernst Happel, in der die Hamburger den Europapokal der Landesmeister holten, dreimal Meister und einmal Pokalsieger wurden. Happel war sechs volle Saisons lang Trainer. Nach ihm schaffte nur noch ein einziger Coach die Hälfte davon: Frank Pagelsdorf. Der hatte mit einer Ausnahme nicht wirklich bessere Ergebnisse vorzuweisen als seine Nachfolger. Aber damals reichte ein Platz im sicheren Mittelfeld den Verantwortlichen noch aus.

Abgang der Stars - den Fans noch nicht genug

Ist der HSV also zum Opfer seiner eigenen Erfolge geworden? Haben die verbesserten Rahmenbedingungen und die größere sportliche Konstanz eine Erwartungshaltung erzeugt, an der die Mannschaft immer wieder scheitern muss? Dieser Erwartungshaltung glaubte man zur aktuellen Saison wohl mit dem radikalen Umbruch begegnen zu können, der dazu noch mit einem eher unerfahrenen, sympathischen Trainer gestaltet werden soll. Einen Champions League-Platz erwartet von dieser Mannschaft jedenfalls niemand.

Seit Martin Jol im Sommer 2008 beim HSV unterschrieb, verließen mit Rafael van der Vaart, Vincent Kompany, Nigel de Jong, Ivica Olic und Jerome Boateng viele internationale Klassespieler den Verein. Vor dieser Saison beschleunigte man den Aderlass mit den Abgängen von Ruud van Nistelrooy, Zé Roberto, Joris Mathijsen, Frank Rost und Piotr Trochowski noch. Sind die Hamburger vielleicht eigentlich nur sauer, weil immer so viele Stars vekauft werden?

Wenn man mit HSV-Fans spricht, ergibt sich ein anderes Bild. "Guerrero würde ich mit der Schubkarre nach Spanien fahren" oder "Bloß weg mit dem Elia, so lange man noch Geld für ihn kriegt", sind typische Sätze, die jedem bekannt sind, der Rothosen zu seinem Bekanntenkreis zählt. Trotz der hohen Fluktuation im Kader hält sich in dieser Szene hartnäckig die Überzeugung, dass es in der Mannschaft charakterlich nicht stimme und man besser ohne die "hoch bezahlten Profis" fahren würde.

Gibt es einen zweiten Fall 1860?

Dabei kann man eines sicher sagen: Wenn der HSV sich jetzt auch noch von weiteren erfahrenen Spielern trennen sollte, dann droht ein Totalabsturz, wie ihn 1860 München 2003/2004 erlebte, als aus finanziellen Gründen Davor Suker, Thomas Häßler, Martin Max und Simon Jentzsch verkauft wurden und die Löwen anschließend mit einer blutjungen Elf in die 2. Liga abstiegen.

Missgunst gegenüber Stars gibt es natürlich nicht nur beim HSV. Zum Standardrepertoire der bei Busblockaden angestimmten Fangesänge zählen die Klassiker "Wir sind Schalker und Ihr nicht", oft wird erfolglosen Spielern pauschal "Söldnermentalität" unterstellt. Meistens aber nur im Fall von Abstiegsgefahr oder langen Pleiteserien.

Beim HSV braucht es das gar nicht. Gerne stimmten die Anhänger früher den Chor an: "Außer Hermann könnt Ihr alle gehen". Gemeint war der Masseur Hermann Rieger, letztes Überbleibsel aus der Ära Ernst Happel, der bis 2005 als Physiotherapeut beim HSV arbeitete. Sogar das Maskottchen hat man nach ihm benannt. Kann man charmant und sympathisch finden. Man kann aber auch fragen: Was sagt es über Fans aus, wenn sie sich nur mit dem Masseur identifizieren können, aber nicht mit Spielern?

Den vielen jungen Nachwuchsspielern im aktuellen Kader gegenüber herrscht in Hamburg übrigens nicht so viel Antipathie wie in den letzten Jahren. Auch erkennen viele Fans an, dass die Verpflichtung von Sportdirektor Frank Arnesen langfristig sehr klug ist. Aber egal, wie sympathisch man Son Heung-Min oder Michael Oenning findet: Letztlich sollte es um das Abschneiden auf dem Platz gehen.

Und auch, wenn einiges dafür spricht, dass man eine radikale Verjüngung des Kaders nicht unbedingt mit einem sehr unerfahrenen Trainer kombinieren sollte (wenn man nicht einen Tuchel-Treffer landet) - unter den gegebenen Umständen wird der HSV wohl gegen den Abstieg spielen. Und den vermeidet man nicht in Dortmund oder München. Vielleicht eher zu Hause gegen Köln - wie nächstes Wochenende. Wirklich bewerten können wird man die Qualität der Mannschaft und des Trainers wohl erst in vier bis sechs Wochen. Sehr unwahrscheinlich allerdings, dass das Hamburger Umfeld so lange damit wartet.

Daniel Raecke

sportal.de sportal

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