DFB-Länderspiel Wie eine Seniorentrupppe


Saft- und kraftlos präsentierte sich die deutsche Nationalmannschaft gegen Österreich - trotz des 3:0-Sieges. Kapitän Michael Ballack warnte bereits: "Der Trend geht nach unten." Und dann gibt es auch eine neue Torwart-Diskussion.
Von Mathias Schneider, Wien

Am Ende, als die Pfiffe sich wie ein greller Klangteppich über ihn legten, er sich langsam zur Außenlinie bewegte, verlor sich zum ersten Mal an diesem Abend ein Schmunzeln im Gesicht von Michael Ballack. Selbst als der zunächst gemäßigt vorgetragene Protest von der rot-weiß-roten Tribüne mit jedem seiner Schritte an phonetischer Wucht gewann, hielt der Kapitän sein gemächliches Tempo.

Zehn Monate waren seit dem letzten Länderspiel vergangen. Sollten sie doch pfeifen, all die Österreicher in jener 87. Minute im Ernst-Happel-Stadion zu Wien. Er würde die Rückkehr nach zehn Monaten im Kreis der Bundeselite doch genießen. Zumal der schwierigste Teil dieses paradoxen Spiels in jener 87. Minute hinter ihm lag. Ballack wusste es. Er war noch einmal davon gekommen. Sie alle waren noch einmal davon gekommen. 0:3 leuchtete es von der Anzeigentafel - ein komfortabler Abend beim kleinen Rivalen aus dem Land der Skirennfahrer lag wieder einmal hinter ihnen, sollte man meinen.

Österreicher spielten mit Verve

Nichts lag der Realität ferner. Es sagt viel über diese Partie aus, dass die notorisch erfolglosen Austrianer trotz dreier Gegentreffer aus dieser Niederlage Hoffnung saugen werden. 30.000 Österreicher schickten ihre mit Verve nach vorn kombinierende Mannschaft mit warmem Applaus nach dem Schlusspfiff in die Kabine. Dagegen ging der selbst erklärte EM-Favorit noch in den Katakomben zur Ursachenforschung für den kollektiven Kaltstart ins EM-Jahr über.

Die Aufarbeitung der ersten 45 Minuten dürfte bis zum nächsten Vergleich gegen Österreichs Euro-Co.-Gastgeber Schweiz am 26. März den gesamten Trainerstab voll beschäftigen. Nicht wieder zu erkennen waren Löws Mannen nach dem Anpfiff. Fünf formidable Einschussgelegenheiten gestattete die Auswahl ihrem jugendlichen Kontrahenten, der in seinem Sturm und Drang zunächst eher an die Klinsmänner des Sommers 2006 erinnerte als die Originale auf der Gegenseite.

Wir waren über die Aggressivität überrascht

"Wir waren am Anfang überrascht, dass die so aggressiv draufgegangen sind", gestand der Stürmer Kevin Kuranyi hernach mit einem Lächeln. Die Erleichterung, noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen zu sein, stand ihm noch ins Gesicht geschrieben, als er sich eiligst zum Bus aufmachte, der die gesamte Delegation zu einem mitternächtlichen Abendessen mit dem Präsidenten Theo Zwanziger brachte. Der im Mittelfeld bis zu seinem 1:0 unsichtbare Thomas Hitzlsperger gestand mit sanfter Stimme, man habe zunächst "einfach keine Lösung gefunden. Die haben richtig gut verschoben."

Vor allem in Punkto Aggressivität und Kampfbereitschaft wirkten die Deutschen zunächst wie eine Seniorentruppe auf Badeurlaub, die plötzlich in einen Wirbelsturm gerät. Zwischenzeitlich drohte gar ein zweites Florenz. Vor zwei Jahren ging die Elf, ebenfalls am Aschermittwoch, dort mit 1:4 gegen Italien unter. Grenzenlose Naivität trieb die Auswahl damals ins Verderben. Diesmal hatte die eigene Sorglosigkeit die akuten Nöte herauf beschworen. Löw sprach hernach offen davon, man habe den Gegner unterschätzt. Er selbst hatte die Begegnung in den Rang eines "ganz normalen Freundschaftsspiels" gesetzt. Es dürfte bei seinen Schützlingen die Genügsamkeit nicht eben vertrieben haben.

Löcher im Mittelfeld groß wie Bayern

Dass seine lethargische Recken nicht unter die Räder kamen, verdankten sie letztlich allein der fehlenden Präzision des Gegners vor dem Tor. Dagegen tat sich im deutschen Mittelfeld ein Loch von der Größe Bayerns auf. Die genesenen Schneider und Ballack, eigentlich für die Ordnung zuständig, überboten sich mit Fehlpässen und stellten die ohnehin wacklige Abwehr ungewollt bloß. Dort durfte der ob seiner Vielseitigkeit gepriesene Schalker Heiko Westermann als rechter Außenverteidiger sein Debüt feiern, verlor aber schnell im Wirbel seines Gegenspielers Martin Harnik jede Orientierung.

Im Zentrum irrte Manuel Friedrich von einer Kalamität zur nächsten. Beide festigten ungewollt die Stammplätze der malad abwesenden Christoph Metzelder und Arne Friedrich. Gefährlich brüchig kam Löws Mannschaft daher und dokumentierte, dass die Zeit, da die Elf jeden Ausfall mühelos wegsteckte, der Vergangenheit angehört. Bereits gegen Irland (0:0), die Tschechische Republik (0:3) sowie Wales (0:0) war nicht mehr viel von jener Lust auf Offensive übrig geblieben, welcher die Mannschaft für manche schon in den Rang eines EM-Favoriten hob. Die spielerische Dominanz über die Gegner ist abhanden gekommen, vor allem aber verströmt die Elf nicht mehr jene unbändige Freude am Spiel, mit der sie eine ganze Nation betört hatte.

Der Trend zeigt nach unten

"Wir müssen aufpassen, der Trend zeigt nach unten", warnte Ballack. "Man sieht, dass wir noch nicht so weit sind. Wir können die Schwächen nicht überspielen." Zumal sich seit Mittwoch eine neue Baustelle auftut - das Tor. Dort reichte Jens Lehmann eine einzige Minute (23.), um die Diskussion um seine fehlende Spielpraxis richtig zu befeuern. Nachdem er wieder einmal unmotiviert aus seinem Gehäuse geeilt war, den Ball aber nicht erreichte und ein verwaistes Tor zurückließ, klebte er in den folgenden Sekunden in eine Art Schockzustand wie paralysiert auf der Linie. Säumels Kopfball aus nächster Nähe knallte zu seinem Glück nur gegen die Latte. Der Druck sei nicht groß genug gewesen für einen wie ihn, klagte er danach. "Mir persönlich sind Spiele lieber, wo er richtig groß ist." Im Champions-League-Finale hatte ein ähnlicher Lapsus zu einem Treffer geführt.

Es birgt nicht einer gewissen Ironie, dass die Diskussion um Lehmanns Spielpraxis ausgerechnet in einer Woche losgetreten wird, da er bei Arsenal London mal wieder seinem Beruf nachgehen durfte. Dass sein Platz im deutschen Team dennoch bis auf weiteres nicht in Gefahr ist, liegt derzeit weniger an der eigenen Stärke, sondern eher am Mangel an Herausforderern. Es ist eine Erkenntnis, die auch auf Bernd Schneider, Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger zutrifft.

Das Team ist angeschlagen

So startet die Nationalmannschaft verletzlich ins EM-Jahr. Noch am Montag hatte der Manager Oliver Bierhoff in einer Art Rede zur Lage der Nationalelf fehlende Emphase beklagt. "Alles plätschert so dahin." Zwei Tage später waren die Folgen dieser Entwicklung prompt zu bestaunen. Auch drei ansehnliche Treffer von Hitzlsperger (53.), Klose (63.) und Gomez (80.) ändern daran nichts. Löw diagnostizierte eine Mannschaft, "die noch nicht gewachsen ist."

Vor allem hat sich die Auswahl aber im letzten halben Jahr eine Schaffenspause gegönnt nach erfolgreicher EM-Qualifikation, in der sie unter besonderer Beobachtung gestanden hatte. Schließlich galt es den Beweis anzutreten, dass nicht allein die Euphorie das Team bis ins WM-Halbfinale getragen hat. Seither hat sie nie wieder wirklich Tritt gefasst. Die erste Halbzeit von Wien glich nun einem Weckruf, die Anstrengungen schleunigst zu intensivieren. Glaubt man dem Stürmer Mario Gomez, ist die Botschaft angekommen: "Das war eine Warnung zum richtigen Zeitpunkt."


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