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DFB-Pokal: Bayern schlägt Schalke: Wie Phoenix aus dem Acker

Schalke hat den Münchnern im DFB-Pokal-Halbfinale fast 120 Minuten erfolgreich Paroli geboten - bis Arjen Robben zuschlug.

Von Felix Haas, Gelsenkirchen

Arjen Robben riss die Arme hoch und stoppte seinen kurzen Spurt. Wieder war er umsonst gestartet in dieser 60. Minute. Er drehte ab und gestikulierte Richtung Nebenmann Miroslav Klose. Wieder ein Fehlpass, wieder ein aufmerksamer Gegenspieler dazwischen. Tatsächlich sah es lange Zeit nicht danach aus, als könne das DFB-Pokal-Halbfinale zwischen dem FC Schalke 04 und Bayern München das Spiel des Arjen Robben werden. Da war diese vergebene hundertprozentige Chance in der 10. Minute, da waren diese gefühlten zehn Gegenspieler, die ständig an ihm klebten.

Später aber steht der Niederländer frisch geduscht mit seinem Kulturbeutel unter dem Arm vor einer Traube von Journalisten. Sie umringen ihn, sie hängen an seinen Lippen. Robben lächelt und sagt: "Wir haben wie eine echte Mannschaft gespielt, waren besser und haben mehr Chancen kreiert." Klingt nicht so, als sei er derjenige gewesen, der mit seinem Siegtreffer zum 1:0 für die Münchener die Bäume ausgerissen hätte.

"Es macht Spaß, wenn der Ball reingeht"

Hat er aber. Unermüdlich trieb er das Spiel der Bayern an. Bis zur 112. Minute rannte er vergeblich, rackerte vergeblich. Doch dann zündete der Niederländer seinen finalen Turbo-Lauf, der erst endete, als Robben - ein fulminantes Tor später - ohne Trikot in die Arme von Trainer Louis van Gaal stürmte. "Es macht natürlich Spaß, wenn der Ball reingeht", sagt er. Und: "Ich fühle mich hier wohl".

Auf der anderen Seite des Raumes steht Heiko Westermann. Der Schalker Kapitän murmelt in die Mikrofone. "Er hat einen enormen Antritt". Kleinlaut und mit gesenktem Kopf steht der Nationalspieler da. Er schaut verzweifelt drein. Denn bis zu jener 112. Minute hatte er mit unglaublicher Robustheit fast jedes Duell für sich entschieden. "Wir hätten ihn wieder bei der Ballannahme stören müssen", fügt Westermann noch hinzu. Doch Robben war nicht zu bremsen. Und dann war es zu spät. Die Bayern fahren nun nach Berlin, der königsblaue Traum vom Pokal-Endspiel ist geplatzt.

Lange Zeit nur Ackerschach

Dabei hatten sie alles probiert im Revier. Sogar der Stadionrasen schien extra für einen Schalker Arbeitssieg hergerichtet zu sein. Tiefe Furchen und zahllose Löcher spickten das Grün. Stockfehler und ungenaues Spiel waren die Folge. Schon in der Halbzeitpause hatte Bundetrainer Joachim Löw von einem "verheerenden Zustand" des Rasens gesprochen. Uli Hoeneß ging nach Spielschluss noch weiter. Missmutig und griesgrämig, als hätten die Bayern gerade eine derbe Niederlage einstecken müssen, schimpfte der Präsident über ein "Zufallsspiel". "Der Platz ist nicht in Ordnung, ich kenne den Felix, der versucht damit das Defizit der Mannschaft auszugleichen", murrte Hoeneß mit gewohnt rotem Kopf.

Die Töne der unmittelbar Beteiligten klangen allerdings versöhnlicher. "Wir haben auf hohem Niveau gespielt, trotz des Rasens", gab Coach Louis van Gaal unmissverständlich zu verstehen. "Der Platz kam der Schalker Spielweise entgegen, aber letztlich mussten alle darauf spielen", meinte auch Thomas Müller. Schalkes Trainer Felix Magath wollte von der Kritik am Rasen ebenfalls nichts wissen: "Der Rasen ist halt so, auch an so einer Stelle merkt man manchmal eben die Unterschiede in den finanziellen Möglichkeiten der Vereine".

Den beiden wortkargen Coaches schien das Spiel sowieso gut gefallen zu haben. Sie hatten Rasenschach in Perfektion bewundern können. "Es war ein sehr gutes Pokalspiel, wir waren in der ersten Halbzeit zu zögerlich, aber später war das Spiel ausgeglichen. Wir hätten allerdings unsere Möglichkeiten konsequenter zu Ende spielen müssen", betonte Magath. Auch Louis van Gaal zeigte sich zufrieden mit dem Spiel seines Teams: "Der Sieg war verdient. Schalke hatte eine gute Ordnung in seinem Spiel. Das hat es schwer gemacht", sagte der knorrige Niederländer.

"Berlin ist wunderschön"

Bei allen Diskussionen über den Rasen, über das von Taktik geprägte Spiel, und über das unwiderstehliche Tor von Arjen Robben, geriet fast in Vergessenheit, dass die Münchener nun am 15. Mai zum 17. Mal im Pokalendspiel stehen und diesmal auf Werder Bremen treffen. Van Gaal fand Berlin dann auch "fantastisch und wunderschön". Er habe noch ein kleines Motivationsfilmchen für das Finale in der Hinterhand: von Co-Trainer Hermann Gerland, über Berlin und den Mythos des Pokalfinales.

Youngster Thomas Müller braucht er erst gar nicht zu motivieren. "Ich freue mich riesig auf das Finale", frohlockte der ehrgeizige Offensiv-Allrounder. Wie Siegtorschütze Arjen Robben steht er in seinem ersten DFB-Pokal-Endspiel: "Ich habe in England schon das FA-Cup-Finale in Wembley gespielt. In Berlin herrscht eine ähnliche Atmosphäre. Ich habe viel davon gehört", so der Niederländer.

Da war sie dann, diese besondere Pokalstimmung, diese besondere Freude auf Berlin. Dem Spiel fehlte lange Zeit die hitzige Pokalatmosphäre. Am Ende kamen die Pokal-Emotionen aber zum Vorschein. Denn als Uli Hoeneß noch über den Rasenzustand moserte, war im Hintergrund schon längst der Jubel aus der Bayern-Kabine zu hören. Lautes Männergeschrei und glückstrunkenes Liedesgut. Selbst für die erfolgsverwöhnten Bayern-Profis ist die Vorfreude auf das Finale immer wieder schön.

Das zweite Leben des Arjen Robben

Auch für Arjen Robben, der kurz vor Mitternacht noch die Frage des Abends beantworten muss. Wie fand der Dribbelkünstler nach 112 anstrengenden Minuten noch die Kraft für seinen pfeilschnellen Angriff? Ganz einfach: "Alle waren müde, aber vielleicht habe ich in der Extra-Zeit mein zweites Leben gefunden." Gesagt, getan. Robben lächelt wieder und schlendert zurück in die Kabine.

Nach seinem Abgang räumen die Ordner in den Katakomben die Werbebanden ab. Übrig bleibt das Bild eines verdreckten Kabinenganges, mit vielen Rasentupfern. Darüber schreitet Robben. Wie Phoenix aus dem Acker.

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