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DFB-Pokal: System Favre bei Gladbach und Hertha

Schon bei Hertha BSC hatte Lucien Favres Systemfußball den Erfolg gebracht, scheiterte später aber auch an falscher Clubpolitik. Bei Gladbach knüpft der Schweizer nach langer Pause daran an. Lockerer, mit frischen Ideen und mehr Selbstbewusstsein. Vor dem Pokalduell mit Hertha nehmen wir Bestand auf.

"Niemand bei Hertha braucht Favre nachzutrauern“, hatte Michael Preetz kürzlich via BZ über den Ex-Trainer verlauten lassen. Aber stimmt das wirklich? Würde sich nicht mancher Berliner angesichts der derzeit chaotischen Zustände bei Hertha wünschen, man hätte dem Trainer, der jetzt in Gladbach gefeiert wird und heute zum Pokalgastspiel anreist, einst nicht gefeuert?

Spricht da vielleicht nur der immer noch in seiner Eitelkeit verletzte Sportdirektor, mit dem Lucien Favre nach seinem Rauswurf Ende September 2009 auf einer - zugegeben äußerst unglücklichen privat organisierten Pressekonferenz - öffentlich abgerechnet hatte?

Denn Fakt ist, so gut wie unter Favre stand die Hertha seitdem nie wieder da. Der Schweizer hatte damals seinen Systemfußball in Berlin eingeführt und so eine Mannschaft aufgebaut, bei der alle Räder perfekt ineinandergriffen und die auch funktionierte, wenn mal ein, zwei Stammspieler verletzt oder gesperrt fehlten. Dann rückte eben ein anderer nach, der sich nahezu nahtlos einfügen konnte.

Gut, das auf diesem Konzept basierende Spiel der Hertha anno 2008/09 war selten besonders hübsch anzuschauen. Der damalige Bayern-Coach Jürgen Klinsmann ätzte: "Hertha ist eine Mannschaft, die rein destruktiv agiert." Doch mit ihrer Defensivtaktik auf hohem Niveau hatten die Berliner Erfolg und Favre gelang mit finanziell bescheidenen Mitteln das, was Klinsmann in München versprochen hatte, woran er aber trotz deutlich besserer Ausgangsbedingungen scheiterte.

Hertha: Favre erst gefeiert, dann gefeuert

Favre kitzelte aus nahezu jedem Spieler dessen persönliches Leistungsmaximum heraus - dank enormer Akribie und Detailversessenheit. Dem hölzernen Verteidiger Josip Simunic erklärte er zum Beispiel die Auswirkungen seiner Armhaltung auf die Präzision seiner Spieleröffnungspässe, bei Marko Pantelic verbesserte er die Schusstechnik. So führte er die Hertha schon im zweiten Jahr seiner Amtszeit am Ende auf einen sensationellen vierten Platz, wurde in Berlin erst als Held gefeiert und vier Monate später nach einem Fehlstart in die neue Saison als Tabellenletzter gefeuert.

Der Absturz hatte seine Gründe. Der neue Anspruch der Berliner wieder zur Spitzengruppe der Liga zu gehören, passte nicht zu den Transferaktionen des Sommers, als der klamme Club wichtige Leistungsträger wie Andrej Voronin, Pantelic oder Simunic, ohne für adäquaten Ersatz zu sorgen, ziehen ließ. Der Verlust dieser Schwungrädchen war auch für Favres Systemfußball zu viel, konnte in der Kürze der Zeit vom Kollektiv nicht aufgefangen werden. Zudem nutzten auch einige aus ihrer zu selten berücksichtigte Spieler zur Kritik am ohnehin vom Berliner Boulevard angeschossenen Favre, sodass Preetz nach sieben Spieltagen die Reißleine zog, Friedhelm Funkel holte und abstieg.

Darüber zu spekulieren ist natürlich hypothetisch, aber möglicherweise wäre Berlin der bittere Gang in die Zweite Liga erspart geblieben, wenn man Favre dort trotz des Fehlstarts Zeit und vor allem die nötige Rückendeckung gegen die meuternden Spieler gegeben hätte, das Ruder doch noch herumzureißen. Denn Mannschaften von Favre sind immer dann gut, wenn die Worte des Trainers verinnerlicht, aber vor allem auch beherzigt werden - wie das aktuelle Beispiel Gladbach eindrucksvoll zeigt.

Favre verbesserte sich in allen Bereichen

Dort bewies der Schweizer, dass er ein Team erst vor dem Abstieg retten und dann in eine Spitzenmannschaft verwandeln kann. Die klinisch schon toten Fohlen übernahm er ausgerechnet auf dem Platz, auf dem er Hertha verlassen hatte - Rang 18. Allerdings kehrte Favre auch persönlich verändert nach 17-monatiger Pause in die Liga zurück. Nicht nur sein Deutsch hatte sich erheblich verbessert.

Der in Berlin noch als ewiger Zauderer verschriene Eidgenosse war auch lockerer geworden, nimmt sich mittlerweile in Gesprächen auch mal selbst auf die Schippe. Und wirkt bei allem auch weiterhin vorhandenen Understatement deutlich selbstbewusster. "Ich habe die Nase für Fußball“, erklärte er kürzlich gegenüber nzz.ch.

Zudem merkt er frühzeitig, wann der Stress überhandnimmt, er Pausen einlegen muss, um nicht zu verbrennen. Das färbte in der brenzligen Situation der vergangenen Rückrunde auch auf die Mannschaft ab, der er mit seinem Credo, nur von Spiel zu Spiel zu denken, das nötige Selbstbewusstsein für den Klassenerhalt einimpfte.

Fußballerisch verfolgt er auch in Gladbach seinen Plan vom Systemfußball, den er in erstaunlich kurzer Zeit zu implementieren verstand. Sicherlich dürfte ihm auch dafür die längere Pause zugute gekommen sein, in der er bei verschiedenen Clubs hospitierte und auch an seinen Trainingsformen feilte. Mittlerweile lässt er nach eigener Aussage fast zu 98 Prozent mit dem Ball trainieren. Was sich in der Spielweise der Borussia eindrucksvoll widerspiegelt.

System greift in Gladbach 

Zunächst stabilisierte er erfolgreich die Schießbunde der Liga in der Defensive. Mittlerweile stellt Gladbach mit 12 Gegentoren die beste Abwehr der Liga. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war sicherlich die Entscheidung für Marc-Andre ter Stegen als Nummer eins, die dem unter Vorgänger Michael Frontzeck praktizierten Torhüter-Roulette ein endgültiges Ende setzte. Zudem kamen Verbesserungen der schnellen Balleroberung gegen spielstärkere Teams. Aus zwei engmaschigen Viererketten, die den Gegner vom eigenen Tor fernhalten, schwärmt Gladbach blitzartig aus.

Das exzellente Umschalten ließ die Gegner in dieser Saison schon reihenweise verzweifeln. Doch die Mannschaft ist auch in der Lage selbst das Spiel und den Ballbesitz zu kontrollieren, um aus dieser Dominanz heraus Akzente zu setzen. Wie einst bei Hertha steht das Favre-System mittlerweile so sicher, dass in den meisten Fällen auch Ausfälle von Leistungsträgern wie Dante oder auch Marco Reus - wie beim 1:1 gegen Dortmund gesehen - durchaus kompensiert werden können.

Perfektion als großes Ziel

Einher ging dies natürlich auch am Niederrhein mit der akribischen Arbeit mit jedem einzelnen Spieler. "Die Perfektion bleibt immer das Ziel", erklärte Favre laut faz.net und setzt dieses Credo im täglichen Training um. Den von vielen bereits abgeschriebenen Mike Hanke führte er auf ein neues Level. "Wenn ich auf den Gegner zulaufe, den ich umdribbeln will, soll ich auf seine Füße achten. Die Füße verraten, an welcher Seite ich vorbeiziehen soll“, erklärte sogar Reus, was Favre ihm beigebracht hat. Auch Dante habe durch eine korrigierte Fußstellung seinen Antritt verbessern können.

Die Spieler hängen im Training förmlich an seinen Lippen, berichten regelmäßige Trainingskiebitze, saugen die Anweisungen und Verbesserungsvorschläge des Coaches förmlich in sich auf. Dass der Systemfußball Favres so schnell umgesetzt werden konnte, dürfte aber auch an dem vorhandenen Fußballverstand seiner Spieler liegen. "Ohne Spielintelligenz ist der Trainer tot“, sagte Favre gegenüber faz.net. Bei Gladbach scheint es um die Intelligenz derzeit offenbar bestens bestellt zu sein. Vielleicht ein kleiner Unterschied zur Hertha?

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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