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DFB-Pokalsieger Bremen: Happyend auf den letzten Metern

Mit dem Gewinn des DFB-Pokals hat Werder Bremen sich einen versöhnlichen Saisonabschluss beschert. Superstar Diego darf sich mit dem ersehnten Titel aus Bremen verabschieden. Vergessen sind die Skandale und Disziplinlosigkeiten der zurückliegenden Spielzeit. Jetzt aber steht das Team vor einem Umbruch.

Von Tim Schulze

Normalerweise stellt sich Werder Bremens Spielmacher Diego nach Ende eines Spiels immer den Fragen der Journalisten. Er ist schließlich Profi, einer, der seinen Job auch außerhalb des Platzes perfekt beherrscht. Diesmal allerdings wollte Diego keine Antworten mehr geben, was für betretene Mienen bei den professionellen Fragestellern sorgte. Es war kein Statement von dem Mann zu bekommen, der im DFB-Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen seinen letzten Auftritt im Trikot von Werder absolviert hatte. Wortlos rauschte der kleine Brasilianer an den Fragestellern in der Mixed Zone tief im Bauch des Berliner Olympiastadions vorbei und entschwand.

Aber es war auch gar nicht mehr nötig. Mit einem genialen Pass hatte Diego die entscheidende Frage bereits auf dem Platz beantwortet und dafür gesorgt, dass der Club von der Weser einen versöhnlichen Saisonabschluss feiern durfte – und Diego seine Bremer Zeit doch noch mit einem Titel schmücken kann. Nach drei Jahren in Bremen hatte Diego an diesem Abend unter dem regenschweren Berliner Himmel noch einmal einen dieser genialen Momente, für die ihn die Fans vergöttern und die ihn zu einer der größten Attraktionen Bundesliga machten. In der 58. Minute schüttelte er seine Leverkusener Bewacher ab, setzte zu einem kleinen Solo an und spielte den Ball präzise auf den freistehenden Mesut Özil. Der bedankte sich für das Zuspiel auf seine Art: Aus spitzem Winkel drosch der 20-Jährige das Spielgerät in die Maschen von Bayer-Keeper René Adler.

Diegos große Fußstapfen

"Wir haben als Mannschaft gezeigt, dass wir sehr stark sind. Jetzt wird nur noch gefeiert. Das war eine tolle Vorlage von Diego." Der Deutschtürke war mit seinem Tor neben Diego der Mann des Abends. Diesmal konnte er zumindest andeuten, dass er in naher Zukunft in die Fußstapfen des Brasilianers treten könnte. Im verlorenen Uefa-Pokalfinale in Istanbul gegen Schachtjor Donezk, als Diego gelbgesperrt zum Zuschauen verdammt war und das Spiel der Bremer allein auf den jungen Schultern Özils lastete, war es deutlich zu beobachten: Als alleiniger Spielgestalter ist Özil - noch - überfordert. Er hatte wie der Rest des Teams ziemlich schlecht gespielt. Manager Klaus Allofs formulierte es so: "In Istanbul war er noch sehr angespannt und hatte nicht die Mitspieler wie heute". Soll heißen: Ohne Diego fehlt den Bremern die Qualität, um große Spiele zu gewinnen. Ihn zu ersetzen, wird das größte Problem der Bremer Macher sein.

Özils Treffer war der einzige des Abends und bescherte Bremen nicht nur den sechsten Gewinn des nationalen Pokals, sondern das "goldene" Tor sicherte gleichzeitig die Teilnahme an der Europa League. In der Meisterschaft hat es nur zu einem miserablen zehnten Platz gereicht - das schlechteste Ergebnis in den letzten zehn Jahren. So konnte Manager Klaus Allofs ein positives Fazit dieser ansonsten verkorksten Saison ziehen: "Wenn man in zwei Endspielen steht, und dann einen Titel holt, dann war das eine sehr gute Saison. Wir sind sehr zufrieden."

Schon vor dem Spiel feierten die grün-weißen Fans ihren Liebling, der für 27 Millionen Euro zu Juventus Turin wechselt, frenetisch mit Sprechchören. Dieser dankte es den Anhängern bereits vor Anpfiff der Partie mit einer tiefen Verbeugung am Mittelkreis. Danach trugen die Mitspieler ihn auf den Schultern zu den Fans. Während des gesamten Finales sorgten die lautstarken Bremer Anhänger für eine würdige Kulisse für den Ballkünstler. In eben jener 58. Minute zeigte Diego, warum sie ihn zu Recht feierten. Unter seiner Führung gewann Bremen absolut verdient. Vor allem in der ersten Halbzeit war Werder die bessere Mannschaft mit den größeren Torchancen. Am Ende rettete die Truppe von Trainer Thomas Schaaf den knappen Vorsprung mit viel Kampf und Biss über die Zeit. "Es war ein tolles Spiel von beiden Mannschaften, aber man hat gesehen, dass wir den Pokal haben wollten", sagte Trainer Thomas Schaaf.

Innige Umarmungen

Wie groß die Erleichterung über diesen für die Bremer so bedeutenden Triumph war, zeigte sich nach dem Spiel. Während sich die Spieler von den Fans feiern ließen und wie kleine Kinder herum hüpften, umarmten sich Schaaf und Allofs lang und innig. Ein zweites verlorenes Finale wäre fatal gewesen. Erleichert und gelöst sprach Schaaf offen davon, dass es einen "bitteren Beigeschmack" gehabt hätte, wenn nach zwei Endspielen kein Titel herausgesprungen wäre.

Denn die Mannschaft steht vor einem Umbruch. Im goldenen Konfettiregen nahm Frank Baumann bei der Siegerehrung den "Pott" von DFB-Präsident Theo Zwanziger entgegen. Neben Diego absolvierte auch der langjährige Kapitän nach zehn Jahren seinen letzten Arbeitstag in Grün-Weiß: "Wenn das letzte Spiel der Karriere mit einem Pokalsieg gekrönt wird, das hat schon was", sagte Baumann, der ab nächstem Jahr als Assistent von Klaus Allofs seine zweite Karriere startet.

Der Pokalsieg und die Qualifikation für den Europacup sollte Werder den "nötigen Schub" (Per Mertesacker) für den Team-Umbau geben. Der kolumbianische Angreifer Marcelo Moreno von Schachtjor Donezk wird für ein Jahr ausgeliehen. Claudio Pizarro, Bremens bester Torschütze in dieser Saison, soll ebenfalls ein weiteres Jahr vom FC Chelsea ausgeliehen werden. Der Vertrag mit Jungnationalspieler Markus Marin soll unterschriftsreif sein. Mit der Teilnahme am internationalen Geschäft lassen sich Spieler von internationaler Klasse leichter locken oder eben auch halten. Innenverteidiger Naldo, der an diesem Abend im Berliner Olympiastadion bärenstark spielte, dürften die Abwanderungsgelüste zu Olympique Marseille ebenfalls leichter auszureden sein. Der Pokalsieg ist psychologisch wichtig, ebenso im Hinblick auf die Stimmung unter den Sponsoren.

So aber können sie in Bremen am Ende für sich reklamieren, es wieder richtig gemacht zu haben. Fast vergessen sind die Skandale um Ex-Werder-Boss Jürgen L. Born und die Schlagzeilen um die mutmaßlichen Finanztricks von Pizarro, auch die Disziplinlosigkeiten im Team während der Saison spielen im Moment des Triumphes keine Rolle mehr. Für Thomas Schaaf hat das zehnte Dienstjahr ein Happyend gefunden und ihm dann tatsächlich eine verdiente Bierdusche beschert.

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