DFB-Sieg in Wales Dumm, dümmer, Podolski


Das nackte Ergebnis interessierte hinterher kaum jemanden. Auch weil die Leistung der DFB-Auswahl beim 2:0-Erfolg gegen Wales wenig glanzvoll war. Der Aufreger von Cardiff war Podolskis Hand auf der linken Wange seines Kapitäns Michael Ballack. Eine Ohrfeige mit Folgen. Von Klaus Bellstedt, Cardiff

Im Millennium Stadium von Cardiff wird normalerweise Rugby gespielt. Rugby ist in Wales Volkssport Nummer 1. Die riesige Schüssel mittendrin in der Hauptstadt, die knapp 75.000 Fans fasst, platzt bei den Duellen der heimischen "Rugby Union" gegen die "All Blacks" aus Neuseeland oder die "Springboks" aus Südafrika regelmäßig aus allen Nähten. Für Fußball interessiert sich der gemeine Waliser eher nur am Rande.

Während des WM-Qualifikationsspiels gegen Deutschland verloren sich gerade mal 26.000 Zuschauer in der Arena, und die wussten sowieso schon, dass ihr Team gegen die DFB-Auswahl kaum eine Chance haben würde. Sie sollten Recht behalten. Der müde Kick endete aus Sicht der Hausherren mit der erwarteten Niederlage. Auch die deutsche Nationalmannschaft sollte die Partie schnell abhaken. Mittelprächtig bis mies gespielt, 2:0 gewonnen, drei wichtige Punkte auf dem Weg zur WM 2010 in Südafrika eingefahren. Nur das zählt.

Und so kamen die Fans, die walisischen genauer gesagt, in erster Linie in ihr geliebtes Rugby-Stadion, um von den ach so gefürchteten Deutschen unterhalten zu werden. Sie wollten Spektakel sehen, wie im Rugby. Gut, vielleicht nicht ganz so körperbetont, aber so ein fieses Sliding Tackling von Ballack, oder vielleicht sogar ein Freistoß-Hammer von Thomas "Hitz the Hammer" Hitzlsperger wäre schon etwas Feines gewesen. Aber daraus wurde leider nichts. Zwar drosch Ballack die Kugel wirklich sehenswert in der ersten Hälfte zum 1:0 in die Maschen, und später dann hatten die Fans sogar noch einen Treffer ihrer Mannschaft zu bestaunen, wenn auch ins eigene Tor, aber richtig atemberaubend war das alles nicht.

Als wirklich jeder der 26.064 Zuschauer bereits im Begriff war, schon mal kurz wegzunicken, passierte das Unfassbare: Ein Aufschrei ging durch die Arena, die Menschen johlten, erstmal kam so etwas wie Stimmung auf. Auf die Deutschen ist nämlich doch noch Verlass. Was war geschehen? Über 70 quälende Minuten waren bereits gespielt, als Kapitän Michael Ballack den bis dahin völlig neben der Spur befindlichen Lukas Podolski sozusagen coram publico die Leviten las. Poldi kassierte für "taktisches Fehlverhalten", wie später ein Spieler verriet, einen deftigen Anranzer seines Kapitäns. Aber damit nicht genug. Podolski wehrte sich mit einer ausgerutschten Hand an die linke Wange seines Kapitäns. Danach folgte eine kleine Form der Rudelbildung mit den Schlichtern Mertesacker und Lahm. Ein Hauch von Rugby wehte urplötzlich durch das weite Rund des Millennium Stadiums

So sehr Podolskis peinlicher Ausrutscher die Gemüter der Waliser auch erfreute, für die Stimmung innerhalb der deutschen Nationalmannschaft war die halbe Ohrfeige pures Gift. Innerhalb von Minuten kippte die ganze Geschichte in Cardiff. Besonders den Verantwortlichen war der Schock ins Gesicht geschrieben. Trainer Joachim Löw, der die Szene gar nicht "live" von der Trainerbank aus beobachtet hatte, wurde erst kurz nach Spielschluss von den Fernsehleuten über die Handgreiflichkeit seines Stürmers informiert. Vor seinem Auftritt auf der internationalen Pressekonferenz stand der Trainer leicht entrückt mit Zigarette in den Katakomben des Stadions und musste sich fangen. Löw rang mit der Fassung. Eine derartige Undiszipliniertheit hatte er noch nicht erlebt.

Bundestrainer sichtlich angefressen

"Michael Ballack hat das Recht, taktische Anweisungen zu geben. Und denen hat man dann als Spieler auch zu folgen. So etwas darf nicht passieren", diktierte ein immer noch sichtlich angefressener Bundestrainer wenig später der Journalistenmeute in die Blöcke. Die gespielte Freude über den wichtigen Sieg nahm dem Coach niemand mehr ab. Teammanager Oliver Bierhoff reagierte ebenfalls mit totalem Unverständnis auf Podolskis Aussetzer: "So etwas wollen wir auf dem Platz nicht sehen. Das darf nicht passieren. Lukas hat die Anweisungen von Michael Ballack so hinzunehmen." Und in Richtung des Kapitäns ergänzte Bierhoff: "Ballack hat unsere totale Unterstützung."

Auch in der Mannschaft hat sich Lukas Podolski mit dieser Aktion keine Freunde gemacht. Per Mertesacker, in der Hierarchie des DFB-Teams hinter Ballack mit ganz oben dabei, legte nach dem Match sein ansonsten stets schelmisches Lachen ab und stellte den Mannschaftskameraden an den Pranger: "Das war keine schöne Szene von ihm." Auch der Bremer stärkte seinem Kapitän demonstrativ den Rücken: "Ich bin froh, dass es ihn gibt und dass er auch mal lautstark taktische Anweisungen erteilt."

Schwerster Fehler in Podolskis Fußballer-Leben

Der Kapitän selbst strafte nach einem wahren Interviewmarathon durch die Schluchten des Millennium-Stadions seinen Mitspieler auf seine ganz eigene, nüchterne Art ab: "Er hat noch viel zu lernen, er ist noch ein junger Spieler. Es gibt taktische Sachen, die ich als Kapitän ansprechen muss. Auf dem Platz hat er das zu machen und nicht handgreiflich zu werden", merkte Ballack an. Der andere Protagonist des Abends hatte kurz zuvor seinen Auftritt in der Mixed Zone. Podolski schritt grinsend und selbstverständlich breit Kaugummi-kauend die Treppen herab und stammelte: "Ich kann auch mal Emotionen zeigen. Wir sind Profis genug und klären das intern." Hatte er wirklich das Wort "Profis" in den Mund genommen? Ja, er hatte! Genug Zeit, die Sache aus der Welt zu räumen habe man ja immer noch beim Abendessen oder im Flieger am nächsten Tag, so ein fröhlicher Poldi. Schnell noch das Basecap tief ins Gesicht gezogen und weg war der Bösewicht.

Ob Podolski jemals realisieren wird, dass er an diesem frühlingshaften Abend in einem langweiligen WM-Qualifikationsspiel gegen Wales in einem halbleeren Rugbystadion den schwersten Fehler seines jungen Fußballer-Lebens begangen hat? Zweifel bleiben. Wirklich jeder ist jetzt gegen ihn - aus gutem Grund. Der sensible Stürmer, der ohne Nestwärme nicht kann, steht plötzlich wie ein geprügelter Hund allein im Regen. Die Nationalmannschaftskarriere von Lukas Podolski wird nach dieser Geschichte nicht beendet sein, aber eines steht fest: Sie ist beschädigt. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.


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