Disziplin-Fanatiker Capello Kein Sex auf der Toilette


Fabio Capello hat bei seinem ersten Einsatz als neuer englischer Nationalcoach eine Sieg gegen die Schweiz erreicht. Aber entscheidender ist: Der Disziplinfanatiker regiert mit eiserner Faust. Der schillerndste englische Spieler wurde bereits aussortiert.

Die Zeit der Helden-Verehrung und des bequemen Luxuslebens im englischen Fußball sind vorbei - jetzt regiert "Eisenfaust" Fabio Capello. In den rund acht Wochen nach seiner Ernennung zum Nationalcoach im Fußball-Mutterland hat der Italiener wie einst Jürgen Klinsmann 2004 in Deutschland jeden Stein umgedreht, alles auf den Prüfstand und jeden in Frage gestellt.

Das Flehen von Superstar David Beckham, sein 100. Länderspiel absolvieren zu dürfen, beeindruckte ihn ebenso wenig wie entsprechende Forderungen der Fans. Das von "Becks" bevorzugte Luxus-Hotel Grove wird künftig als Quartier durch eine spartanische Herberge ersetzt. Und schließlich stürzte Capello am Spieltag noch eine weitere Ikone, als er den derzeit erfolgreichsten Stürmer Michael Owen bei seinem Debüt kurzerhand 90 Minuten auf der Bank ließ.

Unschlüssige und pfeifende Fans

Das erste Resultat: ein wenig überzeugendes 2:1 (1:0) gegen EM-Gastgeber Schweiz, unschlüssige und teilweise pfeifende Fans sowie irritierte Medien. Der "Sun" gefiel die Gradlinigkeit, mit der der Coach ohne Rücksicht auf große Namen und alte Verdienste seinen Weg geht. "Fabio Capello hat seinen Spielern einen ersten Vorgeschmack seiner eisernen Faust gegeben", schrieb das Boulevardblatt: "Das ist mal ein England-Manager, der sich keinem Lager zugehörig fühlt. Wie erfrischend!"

Dagegen schürte der erste Auftritt im Londoner Wembley-Stadion beim "Guardian" die Skepsis in Bezug auf die Spielweise des Defensiv- und Disziplin-Verfechters: "Er ist zweifelsohne ein großer Trainer, aber man kann nicht darüber hinwegsehen, dass er derselbe ist, den Real Madrid im letzten Sommer abschob, weil nach Meinung der Verantwortlichen sein pragmatischer Stil nicht einmal durch den Meistertitel aufgewogen werden kann." Jede Entscheidung, die der 61-Jährige treffe, scheine "wie eine Warnung gegen die Selbstzufriedenheit" - damit aber auch manchmal nur Mittel zum Zweck.

Capello: Wusste, dass es ein harter Job wird

Dass der Italiener nach der verpassten Qualifikation zur EM ein Heilsbringer werde, bezweifelt auch die "Daily Mail": "Wunder brauchen eben etwas länger." Und der "Daily Mirror" glaubt, dass Capello bei seinem Debüt die Schwere der Aufgabe klar geworden sein müsste: "Jetzt weiß er, warum er sechs Millionen Pfund im Jahr verdient."

"Ich habe immer gewusst, dass das ein harter Job wird", meinte Capello und reagierte ähnlich entspannt auf die Reaktionen der pfeifenden und nach Owen und vor allem Beckham rufenden Fans. "Das beeinflusst mich nicht im Geringsten", meinte er lapidar: "Um für England zu spielen, reicht es nicht, ein großer Spieler zu sein. Du musst auch fit und in Form sein. Ich stelle nur nach dem auf, was ich auf dem Feld sehe."

Es steht noch ein langer Weg bevor

Dass Capello wie seine sechs Amtsvorgänger mit einem Sieg startete, verdankte er Jermaine Jenas (40.) und Shaun Wright-Phillips (60.). Den zwischenzeitlichen Ausgleich für den mit vier Bundesliga-Profis angetretenen EM-Gastgeber erzielte der 19 Jahre alte Debütant Eren Derdiyok (58.). "Wir haben die Sieger-Mentalität gezeigt, die der Trainer sehen wollte", sagte Kapitän Steven Gerrard: "Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns."

Auf dem künftig die volle Konzentration dem Fußball gelten soll. Deshalb wird Capello auch das Quartier wechseln. Im Grove genossen die Millionäre ähnlich dem legendären deutschen WM-Lager am "Schlucksee" 1982 das Leben in vollen Zügen. Ein 18 Jahre altes Model berichtete kürzlich, in der Nacht vor dem entscheidenden 2:3 gegen Kroatien in der EM-Qualifikation mit einem Spieler Sex auf der Toilette gehabt zu haben. Zum Freudenhaus will Capello künftig allenfalls das Wembley-Stadion umfunktionieren...

Alex Griffiths/SID SID

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