VG-Wort Pixel

Englands Skandalprofi John Terry "Krieg" um den (Ex)-Kapitän


In England Fußball-Nationalmannschaft geht es schon vier Monate vor Beginn der EM drunter und drüber. Nationaltrainer Fabio Capello wehrt sich vehement gegen die Absetzung seines unter Rassismusverdacht stehenden Kapitäns John Terry. Das Team wendet sich dagegen vom Skandalprofi ab.
Von Klaus Bellstedt

Es ist nur eine Fiktion, aber man stelle sich einmal Folgendes vor: Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm steht unter Verdacht, in einem Spiel seiner Bayern einen dunkelhäutigen Gegenspieler rassistisch beleidigt zu haben. Noch vor dem Gerichtsverfahren schaltet sich der DFB in die Angelegenheit ein und setzt Lahm vier Monate vor Beginn der EM als Kapitän des DFB-Teams ab. Bundestrainer Joachim Löw beschimpft daraufhin den Verband, hält weiter an Lahm als Kapitän fest - und riskiert damit seinen eigenen Rausschmiss. In Deutschland wäre so eine Skandalstory wohl undenkbar, in England ist sie Realität. Die Hauptrollen in diesem Schmierentheater spielen Chelsea-Star John Terry, Nationaltrainer Fabio Capello und Englands oberster Fußballfunktionär, FA-Boss David Bernstein.

Rückblick: Am 23. Oktober 2011 soll John Terry im Premier-League-Spiel zwischen Chelsea und den Queen Park Rangers den dunkelhäutigen Anton Ferdinand rassistisch beleidigt haben. Die Auswertung des Videomaterials veranlasste die Staatsanwaltschaft schließlich, ein Verfahren gegen den knochenharten Innenverteidiger der "Blues" einzuleiten. Die Hauptverhandlung soll im Sommer kurz nach der EM beginnen. Aber darauf wollte der englische Fußballverband nicht warten. Die FA entzog dem 31-Jährigen am vergangenen Freitag die Kapitänsbinde - ohne Fabio Capellos Zustimmung.

Schrullig und stur

"Die Entscheidung wurde aufgrund der hohen moralischen Verpflichtung des Amtes auf und neben dem Platz getroffen", so die Bergündung des Verbandes, "Terry wird das Team nicht führen, bis die Vorwürfe gegen ihn geklärt sind." Die kurze Mitteilung der FA zog einen Wutausbruch des englischen Nationalcoaches nach sich. Der stolze Capello fühlt sich übergangen und in seiner Macht beschnitten. "Ich bin überhaupt nicht einverstanden mit der Entscheidung", schimpfte er am Sonntagabend in einem Interview des italienischen TV-Senders Rai. Er habe Verbandschef David Bernstein bereits gesagt, dass Terry nicht bestraft werden dürfe, ehe das Gericht seine Schuld festgestellt habe. "Für mich ist John immer noch England-Kapitän", stellte Capello kategorisch fest.

Wegen seiner schrulligen Art und seines Sturkopfes wird der Italiener auf der Insel eigentlich geachtet. Weil er aber bedingungslos zu seinem Skandalprofi hält und mit seinen scharfen Aussagen einen Bruch mit dem Verband riskiert, schwindet in der Öffentlichkeit mehr und mehr der Zuspruch für Capello. Das Boulevardblatt "Sun" titelte am Montag martialisch: "Illoyaler "Fab" zieht gegen seine FA-Bosse in den Krieg." Capellos Beziehung zu seinem Arbeitgeber habe über das Wochenende ihren "Tiefpunkt" erreicht, schrieb der "Guardian". Aber es gibt auch Rückendeckung für den Nationaltrainer.

Manchesters Trainer-Legende Alex Ferguson beispielsweise stärkte die Position Capellos, indem er den Italiener ob seiner vielen Fähigkeiten lobte und die enorme Bedeutung des Nationaltrainers unterstrich. Gegenüber "Sky Sports News" sagte er: "Es ist nichts Schlimmes, eine Meinung zu haben." Und weiter: "Ich denke, in den nächsten Tagen wird der Fußballverband mit ihm zusammenkommen, um die große Bedeutung des Trainers zu verdeutlichen. Es ist keine Frage, dass die wichtigste Person in einem Fußballverein der Trainer ist", so Ferguson. Nach einem Bericht der "Daily Mail" von Dienstag wird es Ende dieser Woche tatsächlich zu einem Treffen zwischen David Bernstein und dem Coach der "Three Lions" kommen. Die Gesprächsatmosphäre dürfte dabei eher frostig sein. Einige englische Medien spekulieren gar auf einen Rauswurf Capellos, der aber knapp vier Monate vor Beginn der EM als eher unwahrscheinlich gilt.

Ferdinand winkt ab

Fakt ist Das Turnier in Polen und der Ukraine steht für die englische Nationalmannschaft, auch wegen des Konfrontationskurses Capellos in der Causa John Terry, schon jetzt unter keinem guten Stern. Der "Telegraph" schreibt bereits von einer "explosiven Stimmung rund um das Nationalteam". Auch ohne Spielführerbinde gilt ausgerechnet Rio Ferdinand als Anführer einer "kleinen einflussreichen Gruppe" innerhalb der Mannschaft, die nach Angaben des "Observer" Terry schneidet und dafür plädiert, ohne den 31-Jährigen, der trotz seiner Absetzung als Kapitän unbedingt weiter für England spielen will, zur EM zu fahren. Man kann das verstehen: Rio Ferdinand von Manchester United ist der ältere Bruder des mutmaßlichen Rassismus-Opfers Anton - und potentieller Partner Terrys in der EM-Innenverteidigung.

Via Twitter teilte übrigens der ältere der beiden Ferdinand-Brüder bereits mit, dass er als Kapitän der englischen Nationalmannschaft nicht zur Verfügung stehen wird. Rio Ferdinand war vor der WM 2010 schon mal eingesprungen, als Terry zum ersten Mal die Binde abgeben musste. Der verheiratete Familienvater war über eine Affäre mit einem französischen Unterwäschemodell gestolpert, das zudem die Ex-Partnerin seines damaligen Teamkollegen Wayne Bridge war. Mit den Worten "Ein Jahr Bestrafung ist genug" hatte Capello Terry damals begnadigt. Dieses Mal steht es deutlich schlimmer um den Lieblingsspieler des englischen Nationaltrainers.

mit DPA


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker