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Dortmund-Trainer Jürgen Klopp: Menschenfänger, Moderator, Meistermacher

Jürgen Klopp erhält auf internationaler Bühne eine Anerkennung, die für Dortmund noch einmal zum Problem werden könnte. Wenn der Erfolgstrainer nämlich wirklich mal ins Ausland wechseln will.

Von Frank Hellmann, London

Es waren wirklich eigentümliche Posen, die Jürgen Klopp kürzlich aus besonderem Anlass für die englische Presse einnahm. An einem Schachbrett sitzend, auf dem Tipp-Kick-Figuren aufgestellt waren. Die eine Mannschaft schwarz-gelb bemalt, die andere rot-weiß. Der Coach von Borussia Dortmund saß dahinter und lächelte brav. Kommt ja nicht so oft vor, dass sich Blätter wie das britische Boulevardorgan "Sun" oder die seriöse Zeitung "Guardian" um ein exklusives Interview mit einem deutschen Trainer reißen. Aber wenn schon zwei Bundesliga-Teams das wichtigste Fußballspiel des Jahres auf dem heiligen Rasen von Wembley ausspielen, dann soll doch bitte mal der am meisten gehypte Fußballlehrer vom Kontinent erklären, wie es zu so etwas kommen kann.

Wer würde dazu besser taugen, als ein Absolvent der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, der neben dem Fußballlehrer auch ein Diplom als Sportwissenschaftler in der Tasche hat. Frühere Weggefährten beschreiben ihn als eine listigen, umtriebigen, mitunter auch unruhigen Kommilitonen, der sich damals an der Weggabelung des beruflichen Wirkens dazu entschied, erst einmal Fußballprofi zu werden. Beim FSV Mainz 05. Aber in dem Mann schlummerte schon damals viel mehr.

Vor dem Champions-League-Finale am Samstag zwischen Borussia Dortmund und Bayern München klopfen sich die BVB-Bosse ja fast täglich auf die Schulter, dass sie Klopp im Sommer 2008 als Cheftrainer installierten. Damals hatte der bereits beim FSV Mainz zu einem gefragten Überflieger gereifte Klopp auch einen Anruf von Uli Hoeneß erhalten, doch der habe ihn irgendwann angerufen und mitgeteilt, "dass sie sich für den anderen Jürgen entschieden habe", wie Klopp der "Sun" erzählte. Jürgen Klinsmann.

Klopp hat seinen Marktwert vervielfacht

Ein Missverständnis, das den Bayern im Grunde heute noch zu schaffen macht. "Er macht hier überragende Arbeit, für uns ist das der bestmöglichste Trainer der Welt", erklärt Dortmunds Vorstandschef Hans-Joachim Watzke. "Er hat den größten Anteil daran, wie wir Fußball spielen. Er ist der Frontmann dieser Mannschaft", ergänzt Sportdirektor Michael Zorc. Hinzu kommt: Das Dreigestirn Watzke/Zorc/Klopp funktioniert so reibungslos, dass die Entwicklung von einer Nachhaltigkeit geprägt wurde, die nicht einmal der vertraglich bis 2016 gebundene BVB-Vordenker für möglich hielt.

"Diese Mannschaft ist eigentlich zu früh Meister geworden, diese Mannschaft hat eigentlich zu früh das Double gewonnen, und diese Mannschaft steht eigentlich zu früh im Champions-League-Finale", stellt Klopp mal einfach so fest. Die außergewöhnliche Entwicklung käme erst durch außergewöhnlich gute Typen zustande, "wir wissen hier alles, dass wir von der Gesamtleistung profitieren." Klopp ist jedoch derjenige, der den Gestaltungsrahmen vorgibt.

Der 45-Jährige hat dabei selbst seinen Marktwert vervielfacht. Wenn ein Kader, der nicht annähernd das Gehaltsvolumen des FC Barcelona, Real Madrid und erst recht nicht von Paris St. Germain oder Manchester City verschlingt, nun in Wembley vorstellig wird, macht das interessant. Und richtig sexy ist der mit der Sozialpädagogin und Kinderbuchautorin Ulla verheiratete Klopp vor allem deshalb, weil es im internationalen Fußball keinen so eloquenten, charmanten und witzigen Plauderer gibt wie ihn.

Mit "Country Roads" 8.000 Punkte erzielt

Die Pressekonferenzen im Estadio Santiago Bernabeu vor und nach dem Halbfinale in Madrid hatten Kultstatus, und auch beim Medientag von Borussia Dortmund am Mittwoch vor einer Woche sammelte der Mann mal wieder mächtig Sympathiepunkte. Er schaffte es dort, einerseits ernsthaft auf das WM-Endspiel von 1954 zu verweisen ("das Spiel, das mich am meisten geprägt hat, auch wenn ich immer nur Ausschnitte gesehen habe") und die Ausgangslage seines Ensemble mit denen der Elf von Sepp Herberger vor dem Spiel gegen die Ungarn zu vergleichen.

Andererseits parierte er scherzend die erste Frage in englischer Sprache, als er über seine Karaoke-Qualitäten sprechen sollte. Mit "Country Roads" habe er auf der Playstation schon einmal 8.000 Punkte erzielt, parlierte Klopp – und eigens ermahnte der gebürtige Stuttgarter den Übersetzer, das bitte auch den Briten zu überbringen. Das mit den "eight thousand points". So einer ist wie geschaffen, um als Menschenfänger, Moderator und Meistermacher verehrt zu werden. Die Werbeindustrie liegt Klopp zu Füßen. Einer, der Instinkt und Verstand einsetzt, dabei auch noch angenehm unverbraucht wirkt, aber sich stets die Freiheit und Spontanität bewahrt, auch unvorhergesehen zu reagieren. Das ist am Spielfeldrand zu besichtigen, wenn der Trainer zum Wüterich mutiert. Er bleibt indes auch außerhalb des Rasens noch unberechenbar. "Er war hier am Anfang schon sehr wild", erinnert sich Zorc, "aber er hat sich perfekt weiterentwickelt."

Premier League als nächste Stufe?

Dieser authentische Entertainer und aufgeschlossene Fachexperte kommt nun im Grunde als wichtigster schwarz-gelber Botschaft zum Finale. Er hat mit seinen Exklusivterminen für die englischen Zeitungen unverhohlen darum gebuhlt, die Gunst jener Zuschauer zu erlangen, die noch unentschlossen sind. Der "Sun" hat er gesagt: "Wenn man die neue, spezielle Story des Fußballs möchte – dann muss man uns unterstützen. Wir hatten vor fünf Jahren nur das Ziel, die Leute am Samstagnachmittag im Westfalenstadion wieder besser zu unterhalten."

Und im "Guardian" hat er noch weiter ausgeholt. "Wir sind ein Klub und kein Unternehmen." Es komme eben darauf an, welche Story man hören wolle. Wenn man die Geschichte der Bayern respektiere und wie viel sie seit den 70er Jahren gewonnen haben, dann könne man sie unterstützen. Aber wenn man eine neue Geschichte möchte, die besondere Geschichte, muss es Dortmund sein. "In der Welt des Fußballs muss man derzeit einfach auf unserer Seite sein." Oder auf seiner.

Denn so ganz uneigennützig kommt die Charmeoffensive auf der Insel nicht rüber. Könnte ja sein, dass Borussia Dortmund doch irgendwann an natürliche Grenzen stößt, wenn sich nicht nur Mario Götze oder Robert Lewandowski entschließen, es woanders zu versuchen. Irgendwann könnte auch Klopp finden, dass es noch mal Zeit wäre, einem neuen Reiz zu erliegen. Und sportlich und wirtschaftlich wäre die Premier League bei seinen guten Englisch-Kenntnissen nun wirklich nicht die schlechteste Adresse. Wenn wohl auch erst in ferner Zukunft.

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