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Dortmund verliert gegen Marseille Ins offene Messer gerannt


Peinliche Defensivpatzer, klägliche Chancenverwertung - Borussia Dortmund leidet in der Königsklasse weiter an fußballerischen Kinderkrankheiten. Der Deutsche Meister verlor gegen Olympique Marseille 0:3, obwohl das Team von Jürgen Klopp 90 Minuten klar dominierte.
Von Tim Schulze

Sie gingen mit viel Optimismus in diese Partie. Der Sieg in Mainz am vergangenen Wochenende war nach dem mäßigen Ligastart ein Stimmungsaufheller für Borussia Dortmund. Im zweiten Champions-League-Spiel gegen Olympique Marseille wollte der deutsche Meister nachlegen. Das allerdings misslang gründlich. Mit 0:3 ging Dortmund im Stade Velodrome baden – und das trotz der erstaunlichen Tatsache, dass der BVB über 90 Minuten die spielbestimmende Mannschaft mit den größeren Chancen war. Borussia Dortmund hat auf der großen Champions-League-Bühne jede Menge Lehrgeld bezahlt.

Im TV-Interview vor Anpfiff wirkte Jürgen Klopp gut gelaunt und ganz entspannt. 15 Tage nach dem 1:1 im Heimspiel gegen den FC Arsenal tönte Dortmunds Coach: "Wer uns schlagen will, muss über sich hinauswachsen." Als er nach Ablauf der Halbzeitpause vor den Spielern wieder seinen Platz auf der Bank einnahm, hatte sich seine Miene deutlich verfinstert - von dem sprühenden Optimismus vor dem Spiel keine Spur mehr. Wahrscheinlich ahnte Klopp in diesen Momenten kurz vor dem Wiederanpfiff, dass die Partie mit einer großen Pleite enden könnte, obwohl sein Team die erste Halbzeit - trotz des 0:1-Rückstandes - dominiert hatte. Aber er hatte ja mitansehen müssen, dass das Spiel der Dortmunder immer noch an dieser Krankheit leidet, die sie in dieser Saison bislang nicht auskurieren können und deren Symptome fehlende Durchschlagskraft im Angriff, unpräzise Pässe, Anfälligkeit in der Abwehr und viele individuelle Fehler sind. Daran hat der Sieg gegen Mainz nichts geändert. Das Erstaunliche an diesem Abend war, dass die junge Meistermannschaft trotz aller Unzulänglichkeiten immer den Willen hatte, das Spiel noch zu drehen. So liefen sie ins offene Messer.

Dortmund geht selbstbewusst in die Partie


Gemäß der optimistischen Stimmung vor dem Spiel startete Dortmund selbstbewusst in die Partie gegen den französischen Vizemeister. Die Maßgabe war klar: Sofort die Initiative übernehmen - und das gelang. Mario Götze tauchte nach dem ersten gelungenen Angriff (9.) allein vor OM-Keeper Steve Mandanla auf, der dem jungen Dortmunder den Ball vor den Füßen wegfischte. Dortmund spielte so sicher wie im eigenen Stadion, Götze wirbelte und der Meister drängte auf das Tor der Franzosen, die aber sicher standen und jeden Angriff spätestens am Strafraum im Keim erstickten.

Symptomatisch für das Spiel war der erste Treffer der Franzosen. Kurz zuvor tanzte Götze auf der Gegenseite seinen Gegenspieler aus, scheiterte aber mit seinem Schuss am starken OM-Keeper. Im Gegenzug rutsche Neven Subotic beim Konter der Franzosen aus, Loic Remy hatte bei seinem Pass auf André Ayew frei Bahn, der den Ball platziert im langen Eck versenkte (20.). So war das an diesem Abend: Götze zeigte ein brillante Leistung, er war präsent, sein Spiel war variabel, er trickste und zauberte – nur vor dem Tor stand und steht sein Versagen für die ganze Misere, in der sich Dortmund befindet.

Qlympique kontert eiskalt


Der BVB zeigte trotz des Rückschlags den gleichen Einsatz, der schon das Unentschieden gegen Arsenal London gerettet hatte. Sie zogen ihr laufintensives Spiel auf, aber die Fehlerquote war zu hoch. Immer wieder fabrizierten sie Fehlpässe bei ihren ungestümen Angriffen, sie luden Marseille geradezu zu Kontern ein. Die französische Offensive mit Ayew, Remy und Valbuena zeigte den Gästen dann, wie man es richtig macht, wenn man über die nötige Durchschlagskraft und Präzision verfügt. Und über die nötige Cleverness.

Klopp wird seinen Jungs in der Kabine Mut zugesprochen haben, was dazu führte, dass sich das Missverhältnis in der Partie noch verstärkte. Dortmund dominierte die komplette zweite Halbzeit und spielte sich zahlreiche Torchancen heraus. Es war Götze vorbehalten, nicht nur bester Spieler des BVB zu sein, wieder einmal, sondern auch tragischer Held. Zwei Großchancen waren das Ergebnis der Dortmunder Angriffsbemühungen und es war schon fast kurios, dass der junge Nationalspieler beide Möglichkeiten vergab (50. und 51.). Es funktioniert eben nicht, wenn ein 19-Jähriger allein sein Team in der Champions League zum Sieg führen soll.

Dilletantisches Abwehrverhalten


Dennoch konnten die Dortmunder Fans in diesen Minuten noch hoffen, dass das Spiel so endet wie gegen Arsenal London, als nach aufreibenden Kampf in der letzten Minute der verdiente Ausgleich gelang. Es kam aber anders, es wurde ganz bitter. Nach einem langen Ball köpfte Hummels den Ball direkt in die Füße von Remy, der den Ball mit Vollspann mitten ins schwarz-gelbe Herz hämmerte (62.). Zum Dortmunder Unvermögen zählt eben auch das dilletantische Abwehrverhalten. Patzer wie der von Hummels werden in der Bundelsiga meistens bestraft, in der Köngsklasse immer. Es passte ins Bild, dass Kehl schließlich Remy im Strafraum legte und Ayew den anschließenden Elfmeter sicher zum 3:0 verwandelte (69.). Trotzdem spielten die Dortmunder weiter, ein Tor sollte her. Aber selbst der eingewechselte Lucas Barrios, auf den so viele Hoffnungen ruhen, setzte seinen Kopfball (90.) nur an die Latte.


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