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Vor dem Spiel gegen Inter Mailand: Im Frankfurter Rausch: Warum mich als Fan der plötzliche Erfolg der Eintracht überfordert

Unser Autor ist Fan von Eintracht Frankfurt. Er durchlebte Jahrzehnte trister Erfolglosigkeit – und weiß daher nicht, wie er mit dem aktuellen Höhenflug seines Teams umgehen soll. Einblicke in die Gefühlswelt eines Fußballfans.

Sébastien Haller

Trifft und trifft und trifft: Sébastien Haller

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Vom notorisch erfolglosen Traditionsverein zur spektakulärsten Überraschung Fußballdeutschlands: Eintracht Frankfurt ist in der Bundesliga in Reichweite der Champions-League-Plätze, in Europa wartet am Donnerstag Inter Mailand. Doch ich will ganz ehrlich sein: Bei aller Freude über das hessische Offensivspektakel überfordert mich der plötzliche Erfolg auch ein wenig. Weil die vergangenen drei Jahrzehnte Spuren hinterlassen haben.

1990 hatte ich mich entgegen des Ratschlags meines Vaters, wie auch er Fan des FC Bayern zu werden, für Eintracht Frankfurt entschieden. Weil ich als mäßig bis gar nicht begabter F-Jugend-Torhüter davon träumte, auch so cool zu sein wie Uli Stein. Ich nagelte mir den Anthony-Yeboah-Starschnitt hinter die Tür, himmelte fortan Uwe Bein an und hielt, weil ich schon als kleiner Junge ein großer Sturkopf war, an meiner Entscheidung fest, als um mich herum die Klassenkameraden in der schwäbischen Provinz die Meisterschaft des VfB Stuttgart im Jahr 1992 bejubelten.

Jene verdammte Meisterschaft, die eigentlich Eintracht Frankfurt hätte feiern müssen, wäre in Rostock einst nicht ein Elfmeterpfiff ausgeblieben, ist meine erste prägende Erinnerung an mein Leben als Fußballfan. Ich wurde, wenn man so will, mit dem fußballerischen Misserfolg sozialisiert. Zumal es in den Folgejahren konsequent bergab ging.

Andere machen Yoga, ich fahre zum Fußball

Mit dem Führerschein wurde ich zum aktiven Fan. Fuhr nach Unterhaching, Cottbus oder Bochum, um mir die sportlichen Katastrophen live anzuschauen. Ich wollte es so. Wie ein Masochist, der auf Schmerzen steht. Andere machen Yoga, um den Kopf freizubekommen. Ich schaue Eintracht Frankfurt. Das ist etwas, was vermutlich nur Fußballfans verstehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich genoss jeden einzelnen Tag in Deutschlands Stadien. Ganz egal, wie hässlich der Fußball war, der mir dargeboten wurde. Und natürlich gab es auch schöne Momente und kleinere Erfolge, die ich aufsaugte wie ein Junkie seine Drogen. Stets in dem Wissen, dass der Stoff nicht lange reichen, dass der nächste Rückschlag sehr bald folgen würde – ich hatte mich längst damit abgefunden, dass mein Verein nie wirklich etwas reißen würde. Manchmal sagte ich ihn noch, diesen einen Satz: "Ich möchte einfach nur einmal etwas gewinnen." Und meinte damit ausdrücklich nicht die Zweitligameisterschaft.

Doch es war nicht mehr als ein Traum, eine verblasste Hoffnung. Denn Überraschungen und Sensationen sind im modernen Kommerzfußball nicht mehr vorgesehen.

Und dann kam Ante Rebic

Der 19. Mai 2018, jener Abend für die Ewigkeit im Berliner Olympiastadion, veränderte alles. Als Danny da Costa in der 82. Minute den Ball lang schlug, als Ante Rebic Mats Hummels abschüttelte wie eine lästige Fliege, als der Kroate den Ball eiskalt im Tor des FC Bayern versenkte, da war er plötzlich greifbar, dieser Traum.

Die Szene, die 14 Minuten später folgte, habe ich in der Zwischenzeit mindestens 200 Mal gesehen. Noch immer bekomme ich jedes verdammte Mal Gänsehaut, wenn ich sehe, wie Mijat Gacinovic den Ball an seinem Gegenspieler vorbeispitzelt, wie er 30, 35, 40 Schritte macht, 70 Meter weit übers Feld sprintet, dem leeren Tor, dem Gewinn des DFB-Pokals, dem Fußballhimmel entgegen, während im Hintergrund knapp 30.000 Menschen in weißen T-Shirts ungläubig ausrasten.

Vermutlich habe ich mir die Videos auch deshalb so oft auf YouTube angeschaut, weil ich mich nicht mehr daran erinnern kann, was in jenen acht Sekunden mit mir passierte. Die Momente sind weg, ausgelöscht wie nach einem Rausch, an dessen Ende nur noch Gedächtnislücken klaffen. Ich weiß nicht, ob ich schrie oder schwieg, hüpfte oder zitterte, hinschaute oder die Hände vors Gesicht schlug. Ich wurde erst wieder wach, als mir der Nebenmann um den Hals fiel und der Fremde hinter mir auf uns sprang, während sich sein Bier über meinem Kopf ergoss.

In diesem Moment habe ich meinen Frieden geschlossen mit meinem Fandasein. Ich hatte meinen einen Moment für die Ewigkeit erlebt. Mehr konnte ich nicht verlangen. Auch deshalb war ich, nach all den Abgängen im Sommer, wieder mental vorbereitet auf den Abstiegskampf.

Haller, Jovic, Rebic: die Tormaschinen

Abstiegskampf? Von wegen! Die Eintracht spielt bis hierhin die beste Bundesliga-Saison seit einem Vierteljahrhundert, war in der Gruppenphase der Europa League nach Punkten und Toren die beste Mannschaft Europas. Fußballdeutschland staunt über die Angreifer Sébastien Haller (17 Tore und 13 Assists in Bundesliga und Europa League), Luka Jovic (21 Tore, 8 Assists) und Ante Rebic (9 Tore, 3 Assists), wobei dadurch oft untergeht, wie stark von Evan N'Dicka über Makoto Hasebe bis hin zu Filip Kostic auch andere Spieler sind.

Und ich? Ich bin überfordert.

Natürlich freue ich mich, genieße, juble und reibe mir verwundert die Augen. Erst recht, weil dieses wundervoll international zusammengestellte Team mit seiner ungestümen und beherzten Gangart auch hervorragend zur Stadt Frankfurt passt. Und ja, ich freue mich auch über die anerkennenden Worte von Fans anderer Vereine, die gerne mit mir tauschen möchten. Auch das kennt man in Frankfurt nicht. Wir sind es eigentlich gewohnt, dass uns keiner mag – und darauf irgendwie sogar ein wenig stolz.

Doch irgendetwas in mir bleibt demütig, trotzt dem Größenwahn. Ich will darauf vorbereitet sein, dass der Rausch von heute auf morgen beendet sein könnte.

Dann jedoch sehe ich, wie die Mannschaft von Trainer Adi Hütter gegen Hoffenheim in den Schlussminuten aus einem 1:2 ein 3:2 macht. Erinnere mich an das (über 90 Minuten betrachtet) lauteste Stadion, das ich je erlebte, als die Eintracht vor zwei Wochen Donezk besiegte. Und denke daran, dass ich kommende Woche im legendären Giuseppe-Meazza-Stadion stehen werde, um ein Pflichtspiel von Eintracht Frankfurt zu sehen.

Hat hier jemand gerade "Baku" gesagt?

Als ich im Mai irgendwo in Kreuzberg den Pokalsieg feierte, schaute ich im Internet nach, wo das Europa-League-Finale 2019 stattfinden wird. In Baku. "Würde zu uns passen, mit 30.000 Fans nach Aserbaidschan zu fahren", sagte der Freund neben mir, zog an seiner Zigarette und lachte.

Im Kalender habe ich mir den 29. Mai seither rot markiert. Und freigehalten. Zum Spaß. Nicht weil ich wirklich daran glaub(t)e, dass Eintracht Frankfurt dort auflaufen wird. Denn irgendwie ist mir dieser ganze Erfolg noch immer suspekt.

Dennoch habe ich in der Zwischenzeit heimlich nachgeschaut, was ein Flug nach Baku kostet. Nur zur Sicherheit. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass dieser mich überfordernde Höhenflug einfach nicht enden wird.

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