EM 2008 Die drei Fragezeichen


Bastian Schweinsteiger. Lukas Podolski. Phillip Lahm. Sie waren die Entdeckungen der WM 2006. Doch das Sommermärchen ist vorbei, bei der EM erleben die Hoffnungsträger eine neue Drucksituation. Können sie diese meistern? stern.de beschreibt die Stärken und Schwächen der drei Nationalspieler.
Von Martin Sonnleitner

Gestern feierte Nationalstürmer Lukas Podolski seinen 23. Geburtstag. "Happy Birthday", intonierten die Kollegen auf dem Trainingsplatz der Nationalmannschaft im schweizerischen Tenero. Wie groß die Akzeptanz des nicht mehr ganz jungen Spundes im schmusigen Kreis der Seinigen ist, sickerte indes nicht durch.

Ihm, dem gleichaltrigen Bastian Schweinsteiger und dem um ein Jahr älteren Philipp Lahm gehört die Zukunft des deutschen Fußballs. Die Frage ist, wie weit sie wirklich sind, und ob sie dem Druck der EM - abseits der WM-Euphorie im eigenen Land - standhalten können.

Schon mit 20 oben angekommen

Schweinsteiger und Lahm sind so etwas wie Zöglinge von Werner Kern, der der Kaderschmiede des FC Bayern München an der Säbener Straße vorsteht. Lahm kam als 11-Jähriger, Schweinsteiger als 14-Jähriger zum deutschen Rekordmeister. "Philipp war ein Instinktfußballer, der wegen seiner körperlichen Unterlegenheit geschützt werden musste", berichtet Kern gegenüber stern.de. Zu Schweinsteiger fällt ihm ein: "Er war bei Wind und Wetter auf den Trainingsplätzen, trotz großer Fähigkeiten, extrem fleißig."

Beiden wurde also in jungen Jahren ein außergewöhnliches Talent geschenkt, dessen Hege und Pflege aber viel Eigenverantwortung und frühes Erwachsenwerden bedurfte. "Fußballer reifen schneller", berichtet Jürgen Lohr, der als Mentalcoach für den Hamburger SV und Borussia Dortmund tätig war. "In der Jugend und Adoleszenz entspricht ein Fußballerjahr ungefähr drei normalen."

Da muss es kritische Beobachter doch erstaunen, dass die drei Profis, die schon mit knapp 20 Jahren als vollwertige Mitglieder ihrer Teams reüssierten, phasenweise in ihrer Entwicklung stehen geblieben scheinen.

Michael Henke, Bayerns gerade geschiedener Co-Trainer unter Erfolgscoach Ottmar Hitzfeld, hält jedoch fest: "Bastian und Philipp haben eine gute Entwicklung genommen." Sie hätten laut Henke allerdings Luft nach oben, es sei ein Reifeprozess. "Beide sind immer noch jung, in zwei Jahren haben sie noch mehr Erfahrung."

Sommermärchen ein Bluff?

Doch diese Worte entlarven das so genannte Sommermärchen der Weltmeisterschaft 2006, bei dem Schweinsteiger, Lahm und Poldiski zu Stars hoch gejazzt wurden, auch als Bluff. Immerhin wurde Deutschland Dritter, kann da von den Leistungsträgern nicht konstant gute Leistung und Leadership in Verein und Nationalelf verlangt werden? Oder dauert es bis zum nächsten großen Turnier, der EURO nun, dass aus den, mit wilder Euphorie der Fans und Medien ("Poldi-Schweini"), befeuerten Jungmännern, endlich ernsthaft verantwortungsbewusste Erwachsene werden? Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß wetterte nur ein halbes Jahr nach der WM, man habe Schweinsteiger "zu viel Puderzucker in den Hintern geblasen".

Immerhin muss relativiert werden, dass sowohl Schweinsteiger als auch Lahm in den zurückliegenden beiden Jahren zum Teil unter hartnäckigen Verletzungen zu leiden hatten. Bei Podolski ist die Sache etwas anders gestrickt. Während seine zwei Kollegen beim FCB und in der Nationalmannschaft im Verein Stammspieler sind, musste sich der gebürtige Pole, der erst 2006 vom 1. FC Köln an die Isar wechselte, stets mächtiger Konkurrenz im Bayern-Angriff erwehren. Aktuell hat er im Sturm Luca Toni und Miroslav Klose vor sich, im Mittelfeld gar einen Franck Ribéry.

Nicht nur Ehre, auch Belastung

Trotzdem scheint Podolski der Unbekümmerteste von den Dreien. Auch wenn er kundtut, Bayern verlassen zu wollen, falls sich nichts ändere, rennt er nach wie vor mit dieser jugendlichen Leichtigkeit herum, die Kritiker stets als fehlenden Ehrgeiz interpretieren. Schweinsteigers Launen und emotionale Schwankungen scheinen derweil häufig mit seinen wechselhaften Leistungen auf dem Rasen zu korrespondieren.

Am weitesten als Führungsfigur scheint indes Lahm, der bei den jüngsten Vertragsverhandlungen mit Bayern selbst ausgebuffte Profis wie Hoeneß mit selbstbewussten Forderungen in puncto Mitbestimmung des künftigen Vereinskurses überraschte.

"Ich traue allen Dreien den Sprung nach ganz oben zu", sagt Henke zu stern.de, schließlich hätten viele Experten Ballack vor vier Jahren auch noch kritisch gesehen. "Eine Entwicklung zeigt nie stringent nach oben." Doch Sportpsychologe Lohr hebt warnend den Finger: "Sie stehen im Rampenlicht, sind fast Popstars, das ist nicht nur Ehre, auch Belastung." So oder so, es bleiben drei Fragezeichen.


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