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EM-Finale: Genialität schlägt Simplizität

Anderthalb gute Spiele reichen eben doch nicht aus, um Europameister zu werden. Der deutschen Nationalmannschaft wurden von den Spaniern klar die Grenzen aufgezeigt. Brutal und schonungslos legten Torres und Co. die Schwächen offen. Mehr als das altbewährte Hauen und Stechen kam nicht.

Von Klaus Bellstedt, Wien

Ob nun Hexenzauber, gutes Heilfleisch oder Nebelkerze, völlig egal: Der Mann, um den ganz Fußball-Deutschland vor dem Anpfiff wegen seiner verhärteten Wade gezittert hatte, führte die Nationalmannschaft um Punkt 20.39 Uhr auf das Feld des Wiener Ernst-Happel-Stadions. Ballack war also dabei, und es muss auch für den Kapitän der DFB-Elf ein ergreifender Moment gewesen sein, als wenig später beim Abspielen der Nationalhymne die restlos ausverkaufte Arena in ihren Grundfesten bebte.

Die elektrisierende Atmosphäre bei diesem EM-Finale, sie schien die als Underdog in die Partie gegangene deutsche Mannschaft nicht zu lähmen. Im Gegenteil, Deutschland mit einem anfangs wohl beschwerdefreien Michael Ballack in der Zentrale, spielte zunächst frech auf und schockte damit das Starensemble von Trainer-Guru Luis Aragones. Spanien brauchte etwa 15 Minuten, um sich freizuschwimmen. Bei Iniestas abgefälschtem Schuss musste Jens Lehmann, dieses Mal wieder im schockierenden giftgrünen Jersey, sein ganzes Können aufbringen, um den frühen Rückstand zu verhindern. "La Roja" kam so langsam in Rollen.

Torres legte Schwächen brutal offen

Und hier tat sich in erster Linie ein Akteur hervor, der die deutsche Verteidigung so manches Mal in Verlegenheit brachte und von dem mancher noch lange schlecht träumen dürfte: Liverpools Sturmtank Fernando Torres. Der schnelle Angreifer legte die Schwächen in der Hintermannschaft des DFB-Teams beinahe schon brutal offen. In Sachen Schnelligkeit, Beweglichkeit und Abgeklärtheit steckte Torres die Herren Mertesacker, Metzelder und Co. regelmäßig in den Sack. Die Simplizität und Beschränktheit in der deutschen Hintermannschaft - sicher auch ein Grund für die Finalniederlage.

Es war keine Überraschung, dass es dem spanischen Frauenschwarm auch vorbehalten war, für den Siegtreffer in diesem EM-Finale zu Sorgen. Und wie er dafür sorgte! Wunderbar von der spanischen Antriebsfeder im Mittelfeld, Xavi, in Szene gesetzt, vernaschte Torres Lahm und lupfte dann auch noch in Weltklasse-Manier die Kugel über Jens Lehmann ins Netz (32.). Es war genau diese Leichtigkeit, dieses Unbeschwerte, die der deutschen Mannschaft abging. Und die sie, wenn man ehrlich ist, auch nur in einem von sechs Spielen bei dieser EM an den Tag gelegt hatte - gegen Portugal. Weihnachten und Silvester hätte wohl auf einen Tag fallen müssen, um mit dieser auch spielerischen Limitiertheit an diesem hochsommerlichen Abend in Wien gegen Spanien Europameister zu werden.

Zweifel an Ballack

Das Scheitern darüber hinaus an Michael Ballacks (verständlichem) Starrsinn, trotz seiner Verletzung unbedingt auflaufen zu wollen, festzumachen, wäre sicher nicht ganz gerecht. Aber als sich der Kapitän in der 36. Minute mit schmerzverzerrtem Gesicht an seiner Wade behandeln ließ, kamen doch leise Zweifel an Ballacks eigenem Verantwortungsbewusstsein gegenüber dieser, gegenüber seiner Mannschaft hoch. Vielleicht hätte auch der Bundestrainer sein bestes Pferd im Stall in dessen Eifer bremsen müssen. Wer weiß, was ein völlig gesunder und frischer Mann wie Tim Borowski auf seiner Position auszurichten im Stande gewesen wäre. Im Zweifel stach aber in diesem Fall Ballacks Wort das seines Trainers.

Auch wenn sich das bemitleidenswerte deutsche Ensemble in der zweiten Hälfte für kurze Zeit zu einem kräftezehrenden Zwischenspurt aufraffte und verzweifelt wie ein mit dem Tode ringender Stier versuchte, irgendwie zurück ins Spiel zu kommen, mehr als ein Zucken wurde nicht daraus. Diese ewigen Passkombinationen, diese permanenten Tempowechsel der Mannschaft, die zuhause in Spanien "rote Furie" genannt wird, hatte das phasenweise wie gelähmt auftretende deutsche Team auch gedanklich längst zermürbt. Joachim Löw ließ sich draußen an der Seitenlinie von der aufgezwungenen Passivität anstecken, der Trainer wirkte während der gesamten 90 Minuten seltsam emotionslos. Auch seine drei Wechsel (Jansen für Lahm, Gomez für Klose und Kuranyi für Hitzlsperger) verpufften in der Schwüle der Nacht.

Nach Schlusspfiff sangen Fans Nationalhymne

Nach dem Schlusspfiff sackten die deutschen Spieler in sich zusammen, ausgelaugt von kräftezehrenden drei Wochen und am Ende mit leeren Händen dastehend. Es mutete wie eine Trotzreaktion der fantastischen deutschen Fans an, die es der spanischen Anhängerschaft kurz vor der Übergabe der EM-Trophäe wesentlich gesanglich noch einmal zeigen wollten. Wenn schon nicht die Mannschaft den Spaniern das Wasser reichen konnte, so wollten es wenigstens die Fans versuchen, als sie kurz vor 23 Uhr die deutsche Nationalhymne anstimmten. Ein ergreifender Moment, auf den Rängen wurde die "rote Furie" klar bezwungen. Was übrigens nichts damit zu tun hatte, dass die spanische Hymne lediglich aus einer Melodie besteht und gar keinen Text beinhaltet.

Der deutschen Nationalmannschaft wurden in einem Finale mit vielen Torszenen auch deshalb die Grenzen aufgezeigt, weil sie nicht in der Lage war, ein multizentrales Spiel des Gegners abzufangen und mit Gegenmaßnahmen die über das Altbewährte Hauen und Stechen hinausgehen, zu antworten. Also etwa mit pointiertem Flügelspiel (wie gegen Portugal) und Abdrängen des Gegners auf die Seiten. Und noch etwas: Große Spieler zeigen sich in großen Spielen. Xavi und Torres waren da, Ballack und Klose nicht.

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