Fußball-Presseschau Der Fußball wird zum Verlierer


Fast einhellig wird die Sperre von Joachim Löw in den Medien verurteilt. Sogar Erinnerungen werden wach an die WM 2006. Damals war es ein wichtiger Spieler, der vor dem Halbfinale gegen Italien aussetzen musste. stern.de und "indirekter freistoß" blicken in die Gazetten.

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) kritisiert die Uefa: "Sein Auftreten an der Seitenlinie ist seit Jahren vorbildlich. Schon die Entscheidung des spanischen Schiedsrichters Gonzales, Löw und Josef Hickersberger im prestigeträchtigen deutsch-österreichischen Duell ohne Warnung ihres Arbeitsplatzes zu verweisen, war unverhältnismäßig. Der Unwillen der Kontroll- und Disziplinarkommission der Uefa in der Verhandlung von der Möglichkeit einer Begnadigung Gebrauch zu machen, die das Reglement ausdrücklich vorsieht, ist genau das, als was es Oliver Bierhoff bezeichnet: eine Entscheidung gegen den Fußball. Die Nachreichungen des Urteils lesen sich mehr wie der Versuch, eine zweifelhafte Schiedsrichterentscheidung im sportjuristischen Nachgang zu legitimieren, um die Autorität der Unparteiischen zu schützen."

Thomas Kilchenstein (Frankfurter Rundschau) kann es nicht fassen: "Will die alles reglementierende Uefa, die die Akteure immer mehr an die Kandare nimmt, den stummen Fisch auf der Trainerbank, der scheu und schüchtern hinter der Werbebande zurücktritt und sich gefälligst aus dem Spiel herauszuhalten hat? (…) Das Urteil der Uefa ist überzogen und steht in keinem Verhältnis zur Tat."

Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung)

stampft mit dem Fuß auf: "Von Verhältnismäßigkeit kann keine Rede sein, sonst hätten die Richter berücksichtigt, dass nervöse, schreiende und in der Coaching-Zone herumtigernde Trainer nichts Ungewöhnliches sind bei einem EM-Turnier, siehe die bisher nicht belangten Bilic, Scolari oder Terim. Löw und Hickersberger hatten das Pech, dass bei ihnen daraus ein Fall entstand. Für die Uefa zählt aber nicht der Einzelfall, sondern allein die Bestätigung ihrer Obrigkeit und der Autorität der Schiedsrichter. So wird der Fußball vor Gericht zum Verlierer."

Ralf Köttker (Welt)

ergänzt: "Es ist die Entscheidung einiger Funktionäre, denen jegliches Fingerspitzengefühl fehlt. Ein Fußballplatz ist kein Konzertsaal, wo nur geflüstert werden darf. Ein Fußballspiel ist Emotion, Energie, laute Leidenschaft. Es ist dringend Zeit, dass sich die Verbandsverantwortlichen daran erinnern, wo der Sport herkommt und was ihn ausmacht. Funktionäre, die sich mit spektakulären Entscheidungen wie im Fall Löw in den Vordergrund spielen wollen sind ebenso fehl am Platz wie Regeln, die all das verbieten, was den Fußball so faszinierend macht."

Andreas Lesch (Financial Times Deutschland) hingegen sieht den Fehler bei Löw: "Die Aussagen erinnern verdächtig an die WM 2006. Damals zeigten sich die DFB-Verantwortlichen schwer beleidigt, nachdem Torsten Frings wegen einer Tätlichkeit nach dem Viertelfinale gegen Argentinien gesperrt worden war. Die Deutschen fühlten sich von der Fifa zu Unrecht verfolgt. Nun stellen sie die Uefa als alleinigen Bösewicht dar - und machen es sich damit recht einfach. Die Sperre als Strafe für Löws vergleichsweise harmloses Vergehen mag streng sein. Den entscheidenden Fehler aber hat der Bundestrainer selbst zu verantworten. Er hatte seine Nerven nicht im Griff. Er hätte die Anweisungen des vierten Offiziellen, auch wenn sie kleinkariert waren, befolgen können, getreu der Weisheit, die jede Oma kennt: Der Klügere gibt nach."

Auch Horeni erinnert an den Fall Frings, kommt aber zu einem anderen Schluss:

"Damit haben die Deutschen nun schon zum zweiten Mal in zwei Jahren bei einem großen Turnier unter verbandsrechtlichen Entscheidungen zu leiden, denen es an innerer Logik und Konsequenz mangelt. Auch die nachträgliche Sperre von Frings hinterließ einen bitteren Beigeschmack angesichts der vielen anderen ungesühnten Handgreiflichkeiten nach dem Viertelfinalsieg gegen Argentinien. Auch wenn beide Fälle nicht direkt miteinander zu vergleichen sind, eine Parallele weisen sie auf: Die beiden großen Verbände haben sich bei ihren Kampf nach einem sauberen Fußball die falschen Fälle ausgesucht."

Christian Eichler (Frankfurter Allgemeine Zeitung) beleuchtet beeindruckt alle Facetten Cristiano Ronaldos: "Nach vielen Jahren, in denen man entweder zu introvertierte Ballgenies hatte, wie Zidane, oder Stars, bei denen irgendwann die Bildverwertung besser war als die Ballverwertung, wie Beckham, hat der Fußball endlich einen, der beides bietet: sportliches Spektakel und die Lust, im Rampenlicht zu sein. Er lächelt, er strahlt, er lässt sich bewundern, er wird gern fotografiert. Manche werfen ihm das als Eitelkeit, als Selbstverliebtheit vor. In Wirklichkeit ist es aber ein Glück für eine bildersüchtige Welt. Ronaldo hat noch nicht den hasserfüllten Papparazzi-Blick, die abwehrende Körpersprache, die verächtliche Haltung des gejagten Stars gegenüber denen, die ein Stück von seinem Leben wollen. Ronaldo ist ein Lieferant großartiger Bilder. Sein Spiel ist es. Sein Körper ist es. Ronaldo liefert allen guten Stoff. Aber vor allem ist er Fußballer, mehr noch: eine Fortentwicklung dessen, was man bisher unter einem Fußballer verstand. Er ist der Prototyp für den neuen Typ Angriffsfußball, wie ihn Manchester United vorführt - in dem sich die Grenzen zwischen Mittelfeldspieler, Flügelmann, Mittelstürmer auflösen. Ronaldo ist alles zusammen."

Ronald Reng (Süddeutsche Zeitung)

macht uns allen Mut, indem er auf die Schwächen Portugals pocht: "Portugal spielt mit Pausen und einer für die heutige Zeit ungewöhnlich lockeren defensiven Ordnung. Zwar scheint das erste Problem der deutschen Elf momentan sie selbst zu sein, doch falls sie halbwegs wieder zu ihrem Spiel findet, ist Portugal keineswegs so favorisiert, wie es Decos Pässe oder Ronaldos Dribblings vorgaukeln. Portugal lässt seine Defensivleute oft alleine. Petit etwa, ein ordentlicher, aber auf EM-Niveau gewöhnlicher Mittelfeldspieler, steht oft verlassen im Grenzland zwischen Abwehr und Mittelfeld, hier fänden deutsche Weitschützen wie Michael Ballack und Thomas Hitzlsperger Platz zum Austoben. Im Grunde ist es der beste Fußball der achtziger Jahre auf dem höchsten Tempo, mit der exquisiten technischen Klasse der Gegenwart. Während andere großartige Mannschaften wie Italien oder Spanien heute quasi durchgehend von Automatismen gesteuert agieren, vertraut Portugal wie die großen Teams vor zwanzig Jahren auf spontane, unwiderstehliche Eingebungen in einem einigermaßen geordneten Spielsystem."

Lesen Sie auf der nächsten Seite die Pressestimmen Teil 2

Der Süddeutschen Zeitung fallen die neuen Russen auf: "Aha aha, dieses Russland mit Andrej Arschawin ist ein ganz anderes als das Russland ohne ihn. Frecher. Gefährlicher. Zielstrebiger. Arschawin dribbelte, Arschawin flankte, Arschawin schoss. Seine Mitspieler ließen sich mitreißen, Russland zeigte ein schnelles, kombinationssicheres Spiel, die Schweden waren zu Beginn überwiegend mit Verteidigen beschäftigt. Eine eindrucksvolle Leistung."

Spiegel Online

staunt: "Schnellere und genauere Angriffszüge gab es bei der EM bisher kaum zu bewundern: Mit brillantem Kurzpassspiel zerlegt Russland die Abwehr Schwedens."

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung

pflichtet bei: "Schwedische Disziplin hatte keine Chance gegen russischen Tempofußball. Das einzige Manko, das diese Russen offenbarten, war ihre fahrlässige Chancenverwertung. Das sollten sie im Viertelfinale gegen Holland schnellstens abstellen."

Ronny Blaschke (tageszeitung)

spekuliert über die Zukunft Russlands und seines Trainers: "Die Russen träumen von einer Rückkehr in die Weltspitze und von Erfolgen, wie sie frühere Generationen erspielt haben: 1960 gewann die UdSSR die EM, dreimal wurde sie Zweiter. Wieder scheint Guus Hiddink eine seiner großen Stärken genutzt zu haben: die Motivation. Systematisch hat er alternde Spieler durch Talente ersetzt, doch viele Alternativen besitzt er nicht. Sein Konzept wird gekennzeichnet von Effektivität. Vielleicht wird nun auch die Debatte um die Fortführung seiner Arbeit verstummen. Der Vertrag wurde bis 2010 verlängert, ob Hiddink bleibt, ist nicht sicher. So fordern Verbandsobere, dass er seinen Hauptwohnsitz nach Russland verlegt, um Jugendfußball und Rahmenbedingungen besser kennen zu lernen. Die Kritik der Offiziellen ist verhalten, schließlich hat Hiddink das bessere Argument: Erfolg. Doch kann ein Trainer, der die Niederlande bei der WM 1998 ins Halbfinale führte, und Spitzenklubs wie Real Madrid, den FC Valencia oder Fenerbahce Istanbul betreute, dauerhaft in Russland glücklich werden? Einem Land mit komplexen Funktionärsstrukturen, in dem viele über den Sport bestimmen wollen?"

Boris Herrmann (Berliner Zeitung)

gibt sich irritiert über den französischen Trainer: "Raymond Domenech erinnert in seiner öffentlich zur Schau gestellten Verblendung stark an jenen Gerhard Schröder aus der Nacht seiner Abwahl 2005. Er will nicht einsehen, dass er gescheitert ist, er klammert sich mit letzter Kraft an seinem Job fest. Und wenn er danach gefragt wird, warum er nicht einfach aufgibt, verliert er die Selbstkontrolle. Man kann diese Selbstkontrolle auf verschiedene Arten verlieren. Schröder giftete damals seine unausweichliche Nachfolgerin Angela Merkel an. Domenech trat unmittelbar nach der Niederlage vor die TV-Kameras und machte seiner Freundin Estelle Denis einen Heiratsantrag. Die Grande Nation hatte wenige Minuten nach dem Vorrunden-Aus ganz andere Sorgen: Wie geht es Franck Ribéry? Warum spielte die französische Mannschaft in allen drei Turnierspielen währen der EM so gehemmt, so uninspiriert?"

Christian Eichler (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

schildert den Verfall Frankreichs: "Domenech setzte ganz auf die Vergangenheit. Sein größter Coup war, Zinedine Zidane vor der WM 2006 zur Rückkehr zu bewegen. Doch bei anderen hat das Modell ‚Zurück in die Zukunft' nicht funktioniert. Es sind starke junge Spieler da, Domenech behandelte sie wie Spielbälle. Domenech hatte die Jugend, aber er traute ihr nicht. Die Reformen, die den Fußball der Nationalteams in den letzten Jahren auf die Spuren der Champions League gebracht haben - Tempo, Beweglichkeit, flexible taktische Muster, absolute Fitness -, sind an den Franzosen vorbeigegangen und an ihrer Selbsteinschätzung als Maßstab des europäischen Fußballs, der sie einmal waren. Sie definierten den Sicherheitsfußball der späten neunziger Jahre, mit der vielleicht besten Viererkette, die es je gab und die nie auch nur ein Spiel verlor: Lizarazu, Blanc, Desailly, Thuram; und mit dem unübertroffenen defensiven Mittelfeld Vieira und Makelele. Doch mit neuen, offensiven Ideen ist der Kontrollfußball überholt worden. Das zeigt diese EM. Große Fußballnationen brauchen Totalschäden, um Neuanfänge zu wagen - so wie Deutschland nach der letzten EM."

Daniel Theweleit (Süddeutsche Zeitung)

wirft den Rumänen vor, die Stunde nicht genutzt zu haben: "Rumäniens Spieler bleiben ein Rätsel. Da hatten sie sich eine Ausgangsposition erspielt, die ihnen vor dem Turnier keiner zugetraut hatte, hätten aus eigener Kraft das Viertelfinale erreichen können, doch statt mit Optimismus Fußball zu spielen, produzierten sie ein großes Nichts. Fast gleichgültig haben sie ihr entscheidendes Spiel gegen Holland verwaltet, und als sie diese Enttäuschung dann kommentieren sollten, zuckten die Herren aus den Karpaten allenthalben die Schultern. Es gab keinen Moment des Aufbäumens, keine Phase, in der sie ernsthaft auf ein Tor drängten, dieser rumänische Abschied war geprägt von einem tiefen Fatalismus. Offenbar waren die Rumänen in ihren Herzen damit zufrieden, in der starken Gruppe C nicht untergegangen zu sein. Die rumänische Nationalmannschaft erlag einem Reflex, der nicht selten ist im Fußball: Sie basteln an einer großen Zukunft und haben darüber die Chancen der Gegenwart vergessen. Dabei war die Gelegenheit günstig wie nie."


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