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Fußball-Presseschau: Propaganda à la DFB

Das offizielle Bild vom Zusammenhalt im DFB-Team war Propaganda. Eine wohl fast handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Michael Ballack und Oliver Bierhoff nach dem Finale ist heute Thema in zwei großen Zeitungen. stern.de und "indirekter Freistoß" werfen einen Blick in den "Blätterwald".

Das offizielle Bild vom Zusammenhalt war Propaganda. Thema heute in den zwei großen Zeitungen: eine wohl fast handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Michael Ballack und Oliver Bierhoff nach dem Finale. Offenbar hat sich der, verständlicherweise, enttäuschte Ballack geweigert, sich mit einem Transparent bei den Fans zu bedanken, wie vom Manager geheißen. Außerdem: über den Irrtum Joachim Löws, aus seit langem formschwachen Spielern starke Turnierspieler machen zu können, die Geldmacherei des DFB und den irren Plan der Uefa, die Teilnehmerzahl der EM aufzustocken.

Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung) enthüllt die leeren, schönen Worte: "So leichtgewichtig war der Vorfall nicht. Er stand stellvertretend für grundsätzliche Misshelligkeiten im DFB-Lager und für die Debatten, die während des Unternehmens EM hinter den verschlossenen Türen geführt wurden. Nach außen suggerierten Bierhoff und der Trainerstab perfekte Harmonie im deutschen Quartier, aber das sorgte nicht nur bei den Reportern hinter den blickdichten Zäunen und bewachten Toren für Zweifel. Auch im Inneren stieß die Wohlfühlpolitik mit inszenierter Klassenfahrtatmosphäre auf Befremden, und tatsächlich war das offizielle Bild vom wunderbaren Mannschaftszusammenhalt zu guten Teilen Propaganda. Ballack bekam bei der Aussprache nach dem Kroatien-Spiel Widerspruch zu hören, und darauf reagierte er heftig und unfreundlich. Nach seinem Verständnis sind solche Reibereien produktiv für ein Fußballteam, Bierhoff und Löw haben eine andere Auffassung. Ballack mag manchmal während dieses Turniers wie ein Tyrann gewirkt haben, doch das Problem bestand eher darin, dass er in dieser braven Mannschaft zu groß war. Was man ihm früher immer vorgeworfen hatte - dass er nicht zum Anführen der Mannschaft fähig sei -, das kehrte sich nun ins Gegenteil."

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) mutmaßt über größere Differenzen zwischen Kapitän und Teamleitung: "Der Kapitän gestikulierte, brüllte und reckte den Arm zornig in Richtung des Managers. Er war so aufgebracht, dass Kevin Kuranyi und Hansi Flick dazwischen gehen mussten. Was war da nur passiert beim Kapitän einer Mannschaft, deren Teamgeist wie ein Mantra beschworen, deren Zusammenhalt bei jeder Gelegenheit betont und ihre besondere Einstellung stets gelobt wurde? Ein solch offensichtlicher Streit nur wegen der Bitte, sich von den Fans zu verabschieden, was für die Spieler gerade nach einem verlorenen Finale eine Selbstverständlichkeit ist? Bekam da der Kapitän vielleicht nur seine Enttäuschung über eine weitere Endspiel-Niederlage nicht mehr unter Kontrolle oder kam da etwas zum Vorschein, was sich angestaut hatte zwischen dem aktuellen und ehemaligen Kapitän der Nationalmannschaft, die eine so unterschiedliche Sprache sprechen?"

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) erläutert am Detail (das Gegentor durch Torres) das ganze Problem der Deutschen: "Wer wissen will, warum die DFB-Elf so seltsam launenhaft auftrat bei diesem Turnier, der könnte bei Ansicht dieses Tores ein bisschen schlauer werden. Dieses Tor zeigt in konzentrierter Form die Grundproblematik: Es steckte von Anfang an ein Wackelkontakt im Spiel. Die Elf war auf ein, zwei, drei Schlüsselpositionen mit Wackelkandidaten besetzt, und es war eben nicht so, dass die Elf die Wackelkandidaten stabilisiert hätte. Es war eher umgekehrt. Die Wackelkandidaten haben die Kollegen ein, zwei entscheidende Male zum Wackeln gebracht. Beim Siegtor sieht man ja nicht nur, wie Lehmanns Herauseilen Lahm irritiert; man sieht auch, dass Lehmann sich zu früh kleinmacht und Lahm/Torres zu Füßen wirft; und vor allem sieht man in der Wiederholung, wie Metzelder nicht zum ersten Mal eine kleine, große Fehlentscheidung trifft. Er hat vor dem Pass eine halbe Drehung in die falsche Richtung gemacht und damit Torres die Flucht ermöglicht, und dann ist er hinterher getrabt, als wäre er gerade beim Auslaufen. Lehmann hat ein ordentliches Turnier und ein gutes Endspiel gespielt, aber beim entscheidenden Tor war er ebenso haftbar zu machen wie Metzelder, der zweite Kandidat, den Löw ohne Spielpraxis auf diese EM losließ. Tief verankert war ja im DFB-Stab der Glaube, sie könnten binnen drei Wochen Patienten in kraftstrotzende Stützen der Gesellschaft verwandeln, aber wer sich das Turnier in der Rückschau besieht, muss feststellen, dass dies ein Irrglaube war. Die Elf war auch deshalb so unberechenbar, weil das Gefüge von Anfang an instabil war - Lehmann strahlte zu wenig Lehmann aus, Metzelder war und blieb ein Risiko, Frings konnte die Elf nach unrunder Saison weniger beschützen als sonst, Klose steckte der Rückrunden-Virus noch im Körper, und irgendwann war dann Mertesacker angesteckt oder auch Lahm, der es in Halbfinale und Finale mit einer ungewohnten Licht-und-Schatten-Mischung zum stellvertretenden Akteur dieser Elf brachte."

Die Nationalmannschaft wird in Berlin von Zigtausenden in einer "Ceremony" empfangen, und

Daniel Meuren (faz.net)

dreht der Veranstaltung seinen Hintern zu: "Der Hype ist kaum noch durch sportliche Leistungen begründet, sondern nur noch die Folge eines reflexhaften, von einer geschickten Marketing-Strategie gelenkten Verhaltens der schwarz-rot-geilen Partygesellschaft, die kaum mehr als fünf Nationalspieler beim Namen nennen kann. Es geht nur noch um das Event statt um Würdigung wirklicher sportlicher Ereignisse oder etwa das Anhimmeln von Vorbildern. Das ist alles schön und gut, untergräbt aber die seriöse Seite des Sports, der nicht nur den ewigen Jubel, sondern eben auch das Gefühl des Scheiterns vermitteln soll. Im Vordergrund, anbiedernd dargeboten von den eigentlich zur Distanz verdonnerten 'Journalisten' Johannes B. Kerner und Monica Lierhaus moderiert, nimmt derweil die Vereinnahmung der Fan-Kultur ihren Lauf. Der DFB-Ausrüster klaut den beliebten Fan-Slogan 'So gehen die Deutschen', mit denen die Fans seit geraumer Zeit ihre Spieler nach Siegen im Stadion zu feiern pflegen, aus den Boxen dröhnt der White-Stripes-Hit 'Seven Nation Army', die ehemalige Erkennungsmelodie der Ultrabewegung, die schon bei den Spielen als Einlaufmelodie missbraucht wurde. Natürlich darf der Wirtschaftszweig Fußball sich marktgerecht verkaufen, da es um sehr viel Geld geht, dass der DFB und seine Eliteauswahl Jahr für Jahr einspielen. Auch die Party vom Montag stellte die DFB-Sponsoren sicher wieder zufrieden, weil Bälle mit Unternehmens-Logos ins Publikum flogen und Autofirmen und Sportartikler im Fernsehen Präsenz zeigen konnten. Der Verband sollte unter diesen Umständen wenigstens darauf verzichten, penetrant auf seine Volksnähe zu verweisen."

Andreas Lesch (Berliner Zeitung)

warnt die Uefa davor, die Teilnehmerzahl an Europameisterschaften aufzustocken: "Die EM in ihrer Kompaktheit zeigt: Klasse schlägt Masse. Wird die Europameisterschaft künftig mit 24 Teams ausgespielt, verliert sie ihre Identität. Sie ist dann eine Art WM, nur ohne den Glanz der Argentinier und Brasilianer und ohne die Exotik, die Mannschaften wie Trinidad & Tobago einbringen. Die Exoten, die Europa zu bieten hat, heißen im Zweifelsfall Schottland, Albanien und Lettland und sind vergleichsweise gewöhnlich. Ihre Teilnahme führte dazu, dass in der Vorrunde täglich drei statt zwei Spiele ausgetragen werden - eine Menge, die kaum zu konsumieren ist. Auch der Modus geriete zum Problem: Es gäbe sechs Vorrundengruppen mit je vier Teams; die Ersten und Zweiten kämen ins Achtelfinale, dazu die vier besten Gruppendritten. Welch spannungsfreie Farce die erste Turnierphase dadurch wird, haben andere Ballsportarten schon leidvoll erfahren. (…) Die EM muss bleiben, wie sie ist."

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