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Joachim Löw: Langes Leiden mit Tribünenplatz

Es war die 41. Minute der Partie zwischen Deutschland und Österreich, als Bundestrainer Joachim Löw eine neue Perspektive verordnet bekam. Löw erhielt zusammen mit Österreich-Coach Joseph Hickersberger die Rote Karte und wurde auf die Tribüne verbannt. Jetzt droht eine Sperre.

Nach dem Feldverweis spendete Kanzlerin Angela Merkel Joachim Löw den ersten Trost - doch für die Erlösung des Bundestrainers sorgte erst Michael Ballack. Beim Stand von 0:0 wurde Löw beim EM-Gruppenfinale um den Einzug ins Viertelfinale in der 41. Minute gemeinsam mit Österreichs Coach Josef Hickersberger auf die Tribüne verbannt. Acht Minuten später durfte er in den Armen von Bastian Schweinsteiger aus ungewohnter Ferne, aber umso überschwänglicher über das so wichtige 1:0 durch den Freistoß seines Kapitäns jubeln. Zwar hatte das Spiel gegen Österreich durch das 1:0 (0:0) letztlich ein glückliches Ende für Löw, aber lange Leiden wie die mehr als 45 Minuten im Ehrengast-Bereich hätte sich der 48- Jährige in seinem 25. Länderspiel als Chef gerne erspart.

Erhitzt hatten sich die Gemüter der beiden als besonnen bekannten Trainer im Wiener Ernst-Happel-Stadion kurz vor der Pause nach einem Foul an Per Mertesacker im deutschen Strafraum. Schiedsrichter Manuel Enrique Mejuto Gonzales fühlte sich durch die beiden gestört, die beiden Trainer ihrerseits sahen sich in der Ausübung ihrer Arbeit als Coach behindert. "Wir sind Trainer und haben das Recht, Anweisungen zu geben. Wir müssen in unserer Coaching-Zone arbeiten können. Ich habe die Coaching-Zone nicht verlassen", sagte Löw, dem nach Auskunft eines UEFA-Offiziellen eine Sperre droht.

Vermeintliches Schicksalsspiel

Alle Diskussionen mit dem Spanier und Damir Skomina aus Slowenien als viertem Offiziellen halfen nichts - beide Trainer mussten zum ersten Mal in ihrer Nationalmannschafts-Karriere auf die ungeliebten Sitzplätze hinter der Bank. Nach dem Feldverweis schnappte sich Löw sein Sakko, eine Plastikflasche segelte noch über den Rasen, dann geleitete ihn Teammanager Oliver Bierhoff auf die Tribüne, wo Löw beim 1:0 auch von Boris Becker abgeklatscht wurde.

Löw war bereits vor dem Anpfiff die Wichtigkeit des Spiels, das er selbst zur nationalen Verpflichtung für sich und die Mannschaft erklärt hatte, ins Gesicht geschrieben. Spätestens als sich die Fotografenschar vor ihm aufbaute, dürfte dem Freiburger noch einmal klar geworden sein, dass es an diesem Abend nicht nur um den Einzug beider Teams ins Viertelfinale ging. Es ging ein Stück auch um die eigene Zukunft, das gesamte Unternehmen Löw stand auf der Kippe - das zumindest ist nun ausgeräumt. Den Schleudersitz hat der 48-Jährige verlassen. Dass er die Trainerbank allerdings an diesem Abend mit einem Tribünenplatz tauschen musste, hätte er nicht gedacht.

Für seinen Chef übernahm Hansi Flick an der Linie das Kommando; zu Löws Glück mit Erfolg. Denn insgesamt dreimal war das DFB-Team bisher in EM-Vorrunden gescheitert, für Jupp Derwall (1984), Erich Ribbeck (2000) und zuletzt Rudi Völler (2004) war danach jeweils Schluss. Das Aus auf der Ehrentribüne blieb Löw, der noch einen Vertrag bis zur WM 2010 beim DFB hat, erspart.

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