HOME

EM 2012: Die drei Fragen zum EM-Spieltag - Englische Essgewohnheiten und Rooneys Rückkehr

Frei nach Helge Schneider gibt es Reis, äh Pudding, bei den Engländern und der scheint ihnen Kraft zu verleihen, wie einst der Zaubertrank den Galliern. Die wiederum wollen in die Herzen der Landsleute zurück - mit Gourmet-Fußball. Außerdem in den drei Fragen: vom Saulus zu Wayne Rooney. Ein reuiger Comebacker.

Die sportlichen Vorzeichen vor dem letzten Spieltag der Gruppe D sind klar: England und Frankreich sind mit jeweils vier Punkten im Vorteil, die Ukraine kann noch die Ehre der Gastgeber retten und Schweden sich letztlich hoch erhobenen Hauptes von der EM verabschieden. Doch das Sportliche soll ja bei den drei Fragen zum Spieltag nur die schöne Nebensache sein.

Also geht es heute im wahrsten Sinne des Wortes ums Eingemachte, nämlich um das Essen. "Essen muss der Mensch, das weiß ein jeder, und was er isst, fließt ein auf all sein Wesen. Esst Fastenkost, und ihr seid schwachen Sinns; esst Braten, und ihr fühlet Kraft und Mut", wusste schon Franz Grillparzer.

Und anscheinend auch Roy Hodgson, der nicht nur Taktikfuchs, sondern auch ein Ernährungsspezialist zu sein scheint. Seine taktischen Fähigkeiten sind dagegen bei der Wiedereingliederung Wayne Rooneys gefragt. Und zuletzt geht es darum, ob die Franzosen wieder die Herzen ihre Landsleute zurückerobern können. Nicht durch Gourmet-Speisen, sondern Gourmet-Fußball.

Wie viele Köche braucht England für die Vorspeise? Oder: Rice-Pudding vs. Pampushki

Der englischen Küche eilt ein – sagen wir es mal freundlich – nicht so guter Ruf voraus. Und trotzdem glaub zumindest das englische Boulevardblatt Sun an ihre belebende Wirkung. So soll es nach einem Bericht des Blattes guter, alter Reis-Pudding gewesen sein, der den Nationalspielern in der Partie gegen Schweden die Kraft für einen Kraftakt verlieh.

Das traditionell mit Marmelade verspeiste Gericht soll nach einem von der Sun zitierten Insider weggegangen sein, wie die berühmten warmen Semmeln: "Die Jungs haben es geliebt und es hatte ja den gewünschten Effekt", zitierte thesun.co.uk den Unbekannten. Aufgegessen haben die englischen Spieler anscheinend auch, war doch das Wetter in Kiew am Freitag gegen Schweden viel besser als am zweiten Spielort in Donetsk, an dem das Spiel wegen Gewitters unterbrochen werden musste.

Vielleicht hat ja Englands nächster Gegner, Co-Gastgeber Ukraine, einen Anteil daran. Abgesehen davon, dass es das Unwetter im eigenen Land war: Haben die Blokhin-Jungs etwa ihre Vorspeise nicht aufgegessen? Zu verdenken wäre es ihnen angesichts der in der Vorbereitung erlittenen Lebensmittelvergiftung nicht.

Schuldiger war nicht etwa die Lachsschaumspeise oder eine angeblich vergiftete Lasagne, wie im Jahre 2006 bei Tottenham Hotspur, das danach die Champions League-Qualifikation an den Erzrivalen Arsenal verlor, sondern das deutsche Essen im Trainingslager. Wurde zumindest behauptet. Die Sun weiß jedoch auch, dass zumindest vor dem Frankreichspiel von Seiten der Ukraine auf Nummer sicher gegangen wurde und statt Sauerkraut eines der Nationalgerichte namens Pampushki serviert wurde. Diese Knoblauchkartoffeln dürften dabei ähnlich gehaltvoll sein, wie der englische Pudding. Doch nur der sorgte für einen Sieg.

Übrigens, Jogi: Unter thesun.co.uk gibt es das Rezept für den Reis-Pudding zum nachkochen. Vielleicht hilft es ja in einem kraftraubenden Spiel gegen die Griechen.

Rooney: Who's your Daddy?

Neben dem Reispudding gilt übrigens Wayne Rooney als die eierlegende Wollmilchsau der Engländer. Zur Erinnerung: Der Stürmer hat seit 2004, als er im zarten Alter von 18 Jahren gegen die Schweiz und Kroatien traf, kein Tor mehr bei einem großen Turnier verzeichnet. Und doch gilt er nach Ablauf seiner Sperre im letzten Gruppenspiel als der Heilsbringer, der England endgültig in das Viertelfinale bringen soll.

Rooney selbst weiß das auch, so erklärte er gegenüber der Nachrichtenagentur AP: "Ich kann doch die EM nicht alleine gewinnen." Schön, dass er so denkt – aber er glaubt gleichzeitig an sein Team und die Möglichkeit des Titelgewinns. Für die englischen Medien natürlich ein willkommenes und gefundenes Fressen. "Wir können gewinnen", titelt dementsprechend die Sun auf der Internetseite und schreibt in der Printausgabe groß "Keine Angst".

"Die Bühne ist bereit für ein Starspiel von Rooney", schreibt Ex-Nationalspieler Graeme Le Saux etwas abgeschwächter im Guardian und freut sich, dass mit Rooney "eine neue Dimension" hinzugekommen ist. Dass er diese Dimension dem englischen Spiel wegnahm, ist Rooney dabei durchaus bewusst. Doch der Stürmer, der 2006 durch einen Gang über Ricardo Carvalhos Weichteile und eben durch das Foul im letzten EM-Qualispiel gegen den Montenegriner Miodrag Džudović im negativen Sinne von sich reden machte, gab auch den reuigen Sünder. Und bedankte sich sogar bei Ex-Coach Fabio Capello, dass sich dieser für ihn eingesetzt hatte und mit dafür sorgte, dass die Sperre auf zwei Pflichtspiele reduziert worden war.

Und was, so fragen Sie sich sicher seit drei Absätzen, hat dies alles mit der obenstehenden Frage zu tun? Ganz einfach: Rooney, der am gestrigen englischen und US-amerikanischen Vatertag einen Ausflug mit Gattin Coleen und Sohn Kai machen durfte, darf im Erfolgsfall sicher einen alten englischsprachigen Trash Talk auspacken. "Who's your Daddy" wird besonders in den USA gerne mal gefragt, wenn man den Gegner in Grund und Boden gerannt hat. Und nach den gefühlten 23 EM-Toren die Rooney laut der hochtrabenden Hoffnungen so mancher Boulevard-Zeitung noch erzielen dürfte ganz Europa Rooney genau diese Frage  stellen.

Sind die Franzosen wieder mindestens elf Freunde? Und mit der Heimat versöhnt?

Mit ganz Europa müssen sich die französischen Kicker gar nicht versöhnen – nur untereinander, mit dem Verband und dem eigenen Land. Wenn man zumindest an die Ereignisse vor und bei der WM 2010 denkt. Dort sorgte die Truppe vom damaligen Trainer Raymond Domenech für Schlagzeilen als sie untereinander und miteinander meuterten und mit einem Tor und einem Punkt nach Hause fuhr.

In diesem Jahr ist alles anders und das liegt vielleicht nicht nur am neuen Coach Laurent Blanc, der nach Domenechs Chaos-Herrschaft wieder eine klare Linie in das Team brachte. Und so etwas wie Spaß und Teamgeist – immerhin auch der Name des Balles mit dem die Bleus 2006 Vizeweltmeister wurden. So wurde am Sonntag in Donetsk erst einmal "schön einer ausgekegelt", wie Bernd Stromberg sagen würde. Bowling statt Meuterei, das scheint die Devise der Wohlfühl-Franzosen.

"Unsere Fans haben uns noch nicht vergeben und das wollen wir ändern", zitierte espnfc.com Samir Nasri. Der Weg zurück in die Herzen der Franzosen scheint dabei kein leichter zu sein – das 2:0 gegen die Ukraine war der erste Sieg bei einem großen Turnier seit dem Halbfinale 2006 und das 23. ungeschlagene Spiel in Folge. Und trotzdem kämpfen Nasri und seine Mitstreiter weiter um Anerkennung der Landsleute. Vielleicht nicht mit dem EM-Titel 2012, aber mit dem WM-Erfolg 2014. "Denn darauf arbeiten wir hin", so Nasri weiter.

Gegen die Schweden soll nun aber erst für "Freude" und "ein spezielles Erlebnis" gesorgt werden, denn das ist laut espnfc.com Nasris Masterplan zurück ins Herz der Franzosen.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

Wissenscommunity