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EM 2012: Drei Fragen zum zweiten Spieltag der Gruppe C

Mario Balotelli ist extrem von sich überzeugt. "Ich glaube, ich bin ein Genie", sagte Italiens Angreifer jüngst in einem Interview. Da in der Vorschau auf die Gruppe C die Stürmer im Mittelpunkt stehen sollen, kommen wir an dem Genius auch nicht vorbei. Und wir wollen wissen, ob Spanien ohne Mittelstürmer den Titel holen kann.

In der Vorschau auf die zweiten Turnierauftritte von Spanien und Italien stehen die Stürmer im Mittelpunkt. Während die Spanier ohne echten Mittelstürmer in der Startelf den Titel verteidigen wollen, hat die Squadra Azzurra zwei Angreifer im Kader, die gerne mal für Schlagzeilen sorgen. Wir schauen, welches Euro-Sorgenkind eher mit den sportlichen Problemen umgehen kann.

Kann man ohne Stürmer Europameister werden?

Viel Beachtung und in der Heimat noch mehr Kritik erntete Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque für seine Entscheidung, gegen Italien auf einen echten Stürmer zu verzichten. Stattdessen wählte er ein System, das auch beim FC Barcelona praktiziert wird: Mit Andres Iniesta, David Silva und dem "falschen Neuner" Cesc Fabregas spielten drei Mittelfeldspieler im Sturm, die den Weg in die Spitze suchen sollten.

Für Real-Trainer José Mourinho ist eine Aufstellung ohne echten Angreifer undenkbar: "Ohne Mittelstürmer wirkte die Mannschaft steril." Und auch für del Bosques Vorgänger Luis Aragonés stand fest: "Ich hätte mit einem Mittelstürmer gespielt." Drei Neuner hat del Bosque im Kader, doch das Vertrauen in Fernando Llorente, Alvaro Negredo und Fernando Torres ist derzeit nicht sehr groß. Torres wurde gegen Italien eingewechselt und bewies mit zwei vergebenen Torchancen, warum del Bosque ihn auf die Bank setzt.

Derzeit sieht es nicht so aus, als würde del Bosque von seiner Idee abrücken. "Cesc hat in dieser Saison bei Barça schon häufig als Stürmer gespielt", erwiderte der Trainer seinen Kritikern. Trotzdem mehren sich die Zweifel, ob Spanien so den Titel verteidigen kann. Bei Vorbild Barcelona funktioniert das System in erster Linie, weil mit Lionel Messi ein "falscher Neuner" im Team steht, der trotzdem für 50 Saisontore gut war.

Doch selbst mit Messi war Barcelona nicht in der Lage, das Bollwerk des FC Chelsea im Halbfinale der Champions League zu knacken. Das Spiel der Katalanen war zu eindimensional und genau dieses Schicksal droht nun auch den Spaniern. Rückt del Bosque in den entscheidenden Spielen nicht von seiner Entscheidung ab, wird Spanien die historische Titelchance verpassen. Um die irische Abwehr machen wir uns trotzdem große Sorgen.

Zeigt Balotelli sein Genie und lässt den Wahnsinn zu Hause?

Mit einer unbedachten Aussage zu Homosexuellen im Fußball hat Antonio Cassano, selbst schon für einige Skandale im italienischen Fußball verantwortlich, seinen Sturmpartner Mario Balotelli als "Liebling" der Gazetten abgelöst. Zumindest kurzfristig.

Denn beim 1:1 gegen Spanien hätten Genie und Wahnsinn innerhalb kürzester Zeit nicht näher beieinander liegen können. In der ersten Halbzeit holte Balotelli einen zu langen Pass von Daniele de Rossi spektakulär mit der nach hinten ausgestrecken Hacke herunter. Seine Torchance im zweiten Durchgang vergab er, als er in bemerkenswerter Langsamkeit zu vergessen schien, dass überhaupt Gegenspieler auf dem Platz stehen.

Trotz des Tores von Joker di Natale dürfte Balotelli erneut in der Startelf stehen, auch wenn La Repubblica es gerne anders sehen würde: "Balotelli spielt wie ein Youngster, der am Morgen aus der Diskothek kommt, während di Natale so hellwach ist wie der Vater eines solchen Jungen."

Für Balotelli selbst ist es ohnehin keine Frage, wer spielen muss. "Ich glaube, ich bin ein Genie", erzählte er kürzlich der Zeitschrift France Football. "Ich denke, dass ich intelligenter bin als der Durchschnitt." Um dann noch einen draufzusetzen: "Es gibt nur wenige Menschen mit einem solchen Talent, daher gibt es auch nur wenige, die beurteilen können, was ich tue."

Größenwahn und Genialität gehen ja gerne Hand in Hand und auch seine Mitspieler wissen, was Balotelli leisten kann. "Mario regt mich oft auf, und nicht nur mich", sagte Teamkollege Thiago Motta laut rp-online.de, nicht ohne folgendes zu ergänzen: "Mit ihm können wir einen Qualitätssprung machen."

Wie schlägt sich Kroatien gegen Italiens Fünferkette?

Die Squadra Azzurra wurde zurecht für den Auftritt gegen Titelverteidiger Spanien gelobt. "Taktische Meisterleistung", "Abkehr vom Catenaccio" oder "Die Renaissance des Fußballs in Italien" lauteten stellvertretend die Schlagzeilen nach dem 1:1 gegen den Topfavoriten. Und auch wir würdigten die Leistung des zuvor vom Wettskandal gebeutelten Mitfavoriten.

Ein besonderes Lob bekam Trainer Cesare Prandelli für seine Idee, Mittelfeldspieler Daniele de Rossi als zentralen Mann in die Abwehr-Dreierkette zu ziehen. De Rossi agierte, wenn auch auf gleicher Linie agierend, zeitweise wie ein Libero. Ohne feste Zuteilung stopfte der Römer Lücken, war stark im Zweikampf und zeigte ein überragendes Stellungsspiel.

Dabei darf die Tatsache nicht vergessen werden, dass die Dreierkette der Italiener bei Angriffen des Gegner zu einer Fünferkette wird. Die Außen Christian Maggio und Emanuele Giaccherini rückten nach hinten und machten die Räume für die Spanier sehr eng, von Catenaccio kann trotzdem keine Rede sein.

Angst hat der zweite Gegner Kroatien ohnehin nicht. "Das zweite Gruppenspiel ist bei einem großen Turnier traditionell unser stärkstes", sagte Nationalkeeper Stipe Pletikosa. Bei der WM 2002 hatten die Kroaten im zweiten Vorrundenspiel schon einmal gegen die Squadra Azzurra gewonnen, vor vier Jahren war im zweiten EM-Match Deutschland das Opfer.

In der Zentrale bieten die Italiener also ein Bollwerk auf, somit werden insbesondere die kroatischen Außen gefordert sein, soll das gute Omen eines zweiten Turnierspiels beibehalten werden. Dabei könnte dem Dortmunder Ivan Perisic eine Schlüsselrolle zufallen, der Linksfuß überzeugte schon im ersten Match gegen Irland und wird es mit Maggio zu tun haben.

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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