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DFB-Team gewinnt EM-Auftakt: Ein Sieg als Warnung

Die Nationalelf hat das Auftaktspiel bei der EM knapp gewonnen. Das Match gegen Portugal erinnerte an eine Partie der Bayern: viel Ballbesitz, wenig Explosivität. Trotzdem gibt es drei Gewinner.

Von Klaus Bellstedt, Lwiw

Lena Gercke, die Verlobte von Nationalspieler Sami Khedira, steckte sich schnell eine Zigarette an. Das Model stand zusammen mit den beiden Freundinnen von Mats Hummels und Mario Gomez in einem kleinen Kreis hinter der Haupttribüne in einem Betongang des nagelneuen EM-Stadions von Lwiw. Die Mädels, selbstverständlich auf High Heels unterwegs, kicherten ein bisschen. Gercke kam so etwas wie ein "Puh" über ihre rotgeschminkten Lippen, danach vernebelte Rauch ihr schönes Gesicht. Fünf Minuten zuvor hatte die deutsche Mannschaft bei dieser Europameisterschaft gegen Portugal ihren ersten Sieg eingefahren. 1:0 hieß es am Ende. Es war ein verdienter Erfolg, aber auch ein glücklicher. Und die Männer der drei "wags", der "wives and girlfriends", wie der weibliche Fußballeranhang in England genannt wird, durften sich zu den wenigen Gewinnern dieser schwül-heißen Nacht in der Ukraine zählen.

"Das ist der Start einer EM. Das ist wie ein Formel-1-Rennen ohne Warm-Up. Es geht sofort in die Vollen“, Joachim Löw wusste, was auf ihn und seine Mannschaft zukommen würde beim Auftakt, der sich ja auch auf die Psyche auswirkt. Ein gutes Resultat nimmt den Druck von den Spielern. "Für den weiteren Verlauf des Turniers ist es von Vorteil, der Musik nicht hinterherzulaufen. Heute hat nur der Sieg gezählt", stellte der Bundestrainer hinterher erleichtert fest. Die Anspannung war groß. Keiner wusste so richtig, wie die Mannschaft wirklich funktionieren würde.

Erfolg der Willensstärke

Gegen Portugal funktionierte vor allem Mats Hummel gut. Der Dortmunder Doublegewinner stand etwas überraschend für Per Mertesacker in der Startaufstellung. Hummels sah man die Nervosität kurz vor dem Anpfiff im Kabinengang gut an. Für ihn ging es nun auch darum, den Kritikern zu beweisen, dass man als Dortmunder sehr wohl Nationalmannschaft kann. Nur zu Beginn zitterte das Füßchen des Innenverteidigers ein bisschen, aber je länger die Partie dauerte, desto souveräner agierte Hummels im Abwehrzentrum. Am Ende war es eine echte Demonstration der Stärke. "Wir haben enorm gut verteidigt und waren viel disziplinierter und kompakter als zuletzt", lobte Löw danach seine Abwehr. Per Mertesacker wird es schwer haben, beim nächsten deutschen EM-Spiel am Mittwoch gegen die Niederlande wieder in die Mannschaft zu kommen.

Die präsentierte sich insgesamt gegen Portugal allerdings noch weit entfernt von ihrer Bestform. Wie die Bayern unter Louis van Gaal oder auch im Champions-League-Endspiel gegen Chelsea agierten Bastian Schweinsteiger und Co: mit viel Ballbesitz, aber ohne zündende Ideen. Für Kreativität im deutschen Spiel steht in erster Linie Mesut Özil. Der wurde zwar hinterher von der Uefa zum "Man oft the Match" gewählt, wusste aber selber nicht, warum: "Auftaktspiele sind immer schwer. Ich habe heute sicher nicht mein stärkstes Spiel gemacht und kann es besser", so Özil. Dessen Mannschaftskollege von Real Madrid, Sami Khedira, erfüllte seine Rolle im defensiven Mittelfeld besser, als der sonst so geniale Regisseur etwas weiter vorne im Zentrum. Khedira lieferte beim 1:0-Erfolg eine grandiose Laufleistung ab, er war, wie Löw es ausrückte, der "Mit-Organisator": "Sami war heute sehr präsent in der Defensive." Es war bezeichnend, dass der Bundestrainer vor allem die Kämpfer im deutschen EM-Team hervorhob. Denn der Sieg über Portugal war vor allem ein Sieg der Willensstärke, des nimmermüden Einsatzes - und auch des Glücks.

Steigerung gegen die Niederlande nötig

Glück hatte Joachim Löw auch mit dem vierten Offiziellen. Ab der 70. Minute hatte der Trainer, wie er später verriet, den Schiedsrichterassistenten darüber informiert, dass er eine Auswechslung vornehmen wollte. "Mario war müde, er hat auch nach hinten viel gearbeitet." Miroslav Klose stand schon länger an der Seitenlinie bereit. Aber der Mann mit der Tafel in der Hand brauchte einfach zu lange. Wie sich zeigen sollte, war das ein Segen für die deutsche Mannschaft. Denn so blieb Gomez noch auf dem Rasen und tatsächlich gelang ihm mit seiner einzigen wirklich gelungenen Aktion per Kopf der Siegtreffer (72.). Bis zu diesem Zeitpunkt war es lediglich ein durchwachsener Auftritt des Bayern-Stürmers. Aber das, was ihn als Angreifer auszeichnet, brachte Löw hinterher auf den Punkt: "Eine Chance, ein Tor, das spricht für ihn." Klar ist: Dieser eine Treffer von Mario Gomez kann für den weiteren Verlauf der EM noch sehr wichtig werden.

Es war weit nach Mitternacht ukrainischer Zeit, als die deutschen Nationalspieler am Mannschaftsbus auf die Abfahrt vom Stadion in Lwiw zum Flughafen warteten. Die Stimmung war eher gedämpft. Von Euphorie war nichts zu spüren. Philipp Lahm telefonierte, Manuel Neuer schrieb auf seinem iPhone SMS und Mats Hummels saß einfach nur müde auf einem Randstein. Es war immer noch schwül und stickig. Einzig Lukas Podolski war zu Scherzen aufgelegt, aber so richtig erwidert wurden seine Späße von den Kollegen nicht. Die Mannschaft hat, so schien es jedenfalls, den Sieg gegen Portugal ziemlich schnell richtig eingeordnet. Sie ist jetzt gewarnt und muss sich steigern. Schon am Mittwoch gegen die Niederlande, die nach der Pleite gegen Dänemark mit dem Rücken zur Wand stehen und voll attackieren müssen, wird so eine Leistung wahrscheinlich nicht ausreichen. Das weiß im Zweifel sogar Lena Gercke. Auch bei der Khedira-Verlobten hatte sich die Anspannung nach dem glücklichen Auftakterfolg der deutschen Mannschaft Stunden später am Flughafen Lwiw offenkundig gelegt. Sie hatte die Zigarette getauscht. Gegen einen Apfel.

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