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DFB-Team: Löws Jagd nach dem Maulwurf

Seit 2006 besteht für die Nationalspieler eine Schweigepflicht über Interna. Nun gibt es wieder undichte Stellen im DFB-Team. Dahinter steckt auch ein Spiel zwischen Medien und Beratern.

Von Klaus Bellstedt, Danzig

Als Lothar Matthäus noch für Deutschland Fußball spielte, war die "Bild" glücklich. Der Rekordnationalspieler lieferte dem Boulevardblatt zuverlässig Informationen. Matthäus war der "Stecker". So nennen Journalisten gerne ihre Quellen. Er steckte seinem Haus-und-Hof-Blatt vor wichtigen Länderspielen zum Beispiel die Aufstellung. Aber das war längst nicht alles. Auch Trainer der Nationalmannschaft, allen voran Franz Beckenbauer, waren mit der "Bild" verbandelt. Das Treiben störte beim DFB so richtig niemanden. Schließlich hatte es eine gewisse Tradition.

Erst als Jürgen Klinsmann das Team übernahm, änderte sich etwas. Er führte intern das Prinzip der totalen Diskretion ein – mitgetragen von seinem damaligen Assistenten Joachim Löw. Dem Coach gelang es so, eine Wagenburgmentalität aufzubauen. Das Wir-Gefühl der Gruppe wurde auch dadurch ausgeformt, es entstand eine neue Art des Zusammengehörigkeitsgefühls. Bis auf wenige Ausnahmen gab es seit 2006 keine undichten Stellen mehr in der Mannschaft. Die Zeit der "Stecker" schien vorüber zu sein.

Doch dann kam die EM 2012. Bei diesem Turnier gibt es wieder ein Leck im Team. Die Aufstellung der Nationalmannschaft für das Spiel gegen Griechenland gelangte an die Öffentlichkeit - weit vor der offiziellen Bekanntgabe. Eine alte Baustelle, die längst geschlossen schien, ist wieder offen. Und das zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in den für die Konzentration und den Zusammenhalt im Team so wichtigen Tagen vor dem Halbfinale.

Löw ist verärgert über das lästige Nebenthema. Schon nach der Partie gegen die Griechen sagte er: "Ich kann mir auch nicht genau erklären, woher das kommt. Es ist nicht in meinem Sinne, die Karten so frühzeitig auf den Tisch zu legen." Der Coach geht es bei der heiklen Angelegenheit nicht so sehr ums Sportliche. Dass seine Überraschungsaufstellung für den Gegner keine Überraschung mehr darstellte, war unglücklich. Mehr nicht. Was den Bundestrainer viel mehr stört, ist die Verletzung des Korpsgeists. Einer ist aus der Gruppe ausgebrochen. Das untergräbt auch die Autorität des Trainers. Löw will selber entscheiden, wann was bekannt gegeben wird. Das hat für ihn höchste Priorität.

Angewiesen auf die heißen News

Der sportliche Lenker der Mannschaft informiert seine Spieler manchmal am Vorabend in Einzelgesprächen über ihre Einsätze, manchmal aber auch erst am Spieltag selbst. Marco Reus erfuhr beispielsweise erst kurz vor der Teambesprechung am Mittag, dass er spielen würde. André Schürrle wurde von Löw nach dem Frühstück am Freitag die frohe Botschaft übermittelt. Etwa neun Stunden vor dem Anpfiff in Danzig veröffentlichte der DFB die Aufstellung.

Und es war kein Zufall, dass ausgerechnet "Bild", "Sportbild" und "Kicker" exklusiv und ohne Quellenangaben auf ihren Onlineseiten genau darüber berichteten. Die "Sportbild" erscheint nur einmal die Woche, der "Kicker" zweimal. Der Konkurrenzkampf ist hart - auch oder gerade bei den Onlineausgaben . Es geht um Auflage, Klickzahlen – und Exklusivität. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass alle drei Titel in Kaderstärke bei der EM in Polen und der Ukraine angetreten sind. Mehr als alle anderen sind sie darauf angewiesen, die wirklich heißen News von der Nationalmannschaft zu verbreiten und schneller als die Kollegen zu sein.

Seither rätstelt nicht nur Löw: Über welche Kanäle gerät die Aufstellung nach draußen? Jetzt kommen die Berater der Löw-Boys ins Spiel. Das Geschäft zwischen Spielerberater und Journalisten funktioniert nach dem Prinzip Geben und Nehmen. Im konkreten Fall bedeutet das: Spieler x informiert seinen Agenten, dass er gegen Griechenland in der Startelf steht. Der wiederum pflegt ein über die Jahre gewachsenes Vertrauensverhältnis zu Reporter y. Dieser freut sich über die Exklusivinformation. Wie die Gegenleistung des Journalisten ausfällt, liegt auf der Hand. Eine schöne Geschichte, eine gute Note bei der Bewertung des Spiels. So läuft das Business. Für den Boulevard sowieso. Aber auch für die Fachpresse. Das Joachim Löw darauf keinen Einfluss hat, ist kein Geheimnis.

Fortsetzung folgt vielleicht am Donnerstag

Der Bundestrainer vermutet die Berater der Spieler als Quelle der Indiskretion. Diese seien möglicherweise von ihren Klienten informiert worden, "sei es aus Freude, dass sie spielen, sei es aus Enttäuschung. Danach lässt es sich nicht mehr weiterverfolgen", sagte Löw nach dem Griechenland-Spiel. Die Nationalspieler wissen von nichts. "Das ist sehr unglücklich. Irgendwo muss da wohl ein Leck sein. Aber in der Mannschaft ist es nicht zu finden, denke ich", sagte André Schürrle am Samstag. "Ich weiß nicht, wo der Maulwurf ist", wunderte sich auch Marco Reus. Das kann man den beiden durchaus abnehmen.

Und doch reicht, wie Löw es vermutet, der eine Anruf beim Berater, beim Freund oder der Freundin, um (ungewollt) die Informationsmaschinerie im Gang zu setzen. Auf der Jagd nach Exklusivität ist es insbesondere für Boulevardjournalisten beispielsweise ein übliches Mittel, Spielerfrauen oder gute Bekannte zu kontaktieren. Auch so könnte es also gelaufen sein.

Natürlich könne jeder mit seiner Gattin, Freundin oder seinem Berater sprechen. Aber interne Sachen? "Das bleibt in den vier Wänden bei uns", fordert Philipp Lahm. Jedem sollte bewusst sein, was auf dem Spiel steht, wenn er Informationen weitergibt, betonte der Kapitän streng. Sonst habe er "den Sport nicht ganz verstanden, wie so etwas abläuft". Das Ganze sei nicht das "Problem der Mannschaft. Eher hat der ein Problem, der etwas preisgibt", sagte Lahm. Fortsetzung: nächsten Donnerstag. Wetten, dass?

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