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Nationalelf vor EM-Start: Klose - der Gomez-Alptraum

Miroslav Klose ist der älteste Spieler im deutschen EM-Kader. Und er war lange verletzt. Trotzdem ist sein Platz im DFB-Angriff zementiert. Sturm-Kontrahent Mario Gomez konnte dieses Rennen nie gewinnen.

Von Klaus Bellstedt, Danzig

So ist der Klose, ein Schleicher. Er pirscht sich auch abseits des Platzes gern von der Seite heran - und ist dann zum richtigen Zeitpunkt sehr präsent. Auf der ersten DFB-Pressekonferenz der deutschen Nationalmannschaft auf polnischem Boden in einem riesigen weißen Zelt ganz in der Nähe des DFB-Quartiers "Dwor Oliwski" hatten Präsident Wolfgang Niersbach und Manager Oliver Bierhoff noch gar nicht das Podium geräumt, als Klose irgendwie unbemerkt von allen mit leisen Schritten die drei Treppenstufen hinauf die Bühne betreten hatte. Der Angreifer kommt gerade vom Training. Das Haar ist noch nass. Sein Gesicht ist eingecremt, der Angreifer sieht ein bisschen blass aus, aber das tut Klose immer. Und er ist so wahnsinnig gelassen. "Jetzt muss hier bei uns im Lager nur noch die Sonne herauskommen. Dann wird das richtig nett." Um diesen Mann muss sich wirklich keiner Sorgen machen. Das ist auch gut so, denn die Erwartungen an ihn sind mal wieder besonders hoch.

Für Klose ist das Turnier in Polen ein halbes Heimspiel. Er wurde in Oppeln geboren und verlebte seine Kindheit in Oberschlesien. "Ich liebe diese Land", sagt er. Und es klingt nicht so, als würde er sich damit bei den Polen einschleimen wollen. Schon beim Showtraining am Montag kurz nach der Ankunft der deutschen Mannschaft in Danzig feierten ihn die Fans. Ihn und Lukas Podolski, der sich aufgrund seiner Wurzeln ebenfalls stark mit dem EM-Gastgeberland verbunden fühlt. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass Podolski von der linken Außenbahn aus den Mittelstürmer Klose wieder mit Vorlagen füttern wird. Beide stehen so gut wie sicher in der Startelf. Vor allem Kloses Platz ist zementiert. Weil Joachim Löw sein größter Fan ist.

Löw hat Klose nie abgeschrieben

Der Bundestrainer weiß genau: Wann immer sein Stürmer Nummer eins das Trikot mit dem Adler auf der Brust überstreift, erfindet er sich neu. Ob in Testspielen oder bei Europa- oder Weltmeisterschaften, es scheint so, als würde vom Anpfiff weg ein anderer Klose auf dem Platz stehen. Der 33-Jährige ist der älteste Spieler im EM-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Wegen eines Muskelrisses verpasste er bei Lazio Rom in der Rückrunde in sechs Wochen etliche Spiele. Erst im Mai feierte er sein Comeback. Auch die EM-Vorbereitung verlief nicht optimal. Zuletzt hinderte ihn eine Knöchelverletzung an einem Einsatz von Beginn an im letzten Testspiel gegen Israel. In Leipzig beim 2:0 stand Mario Gomez in der Startaufstellung. Der Bayern-Stürmer erzielte sogar ein Tor. Das war ein Ausrufezeichen. Auch im Hinblick auf die EM. Dachten alle. Nur nicht der Bundestrainer.

Joachim Löw hat Miro Klose nie abgeschrieben. Der Coach lässt keine Gelegenheit aus, seinen Lieblingsschüler zu loben. Der hat schon 116 Länderspiele in seinem Spielerpass stehen. Wird am Tag des deutschen EM-Auftaktspiels gegen Portugal 34. Und trotzdem sagt Löw: "Miro wirkt ja wie ein 25-Jähriger. Er ist schnell, beweglich und fußballerisch stark." Worte, die sich für Mario Gomez (26), nun ja, hart anfühlen müssen. Vermutlich ahnte der Torjäger aus München schon nach dem Israel-Spiel, dass er die EM vor allem auf der Ersatzbank erleben wird. Schlecht gelaunt und wortlos rannte er an den Journalisten vorbei.

Löw: So ein Spieler tut wahnsinnig gut

Die Wahrheit ist: Das Rennen zwischen Klose und Gomez ist gar kein echtes Rennen. So sieht es auch der Platzhirsch. "Nummer 1? Nummer 2? So denke ich nicht. Aus dem Alter bin ich raus", sagt Klose selbstbewusst. Es ist auch die Torquote, die ihn so gelassen macht. 63 Länderspieltore erzielte Klose in seinen 116 Partien. Das macht 0,54 Toren pro Spiel. Für heutige Verhältnisse ist das eine nahezu sensationelle Quote. Fünf Tore fehlen Klose im DFB-Trikot noch, um die 68 Tore von Gerd Müller zu egalisieren. Vor Beginn des Turniers in Polen und der Ukraine hat er im Training mal wieder viele Extraschichten gefahren. Er hat zwei-, dreimal täglich Zusatzlaufeinheiten eingeschoben und vor und nach den Einheiten intensives Streching betrieben. Das ist auch ein Geheimnis seines Erfolges. "Man muss zehn bis 20 Prozent selber aus dem Körper herausholen. Das kann kein Trainer. Diese Mentalität habe ich immer gelebt." Jetzt wirkt er extrem fit. Auch das ist Kloses Stärke: seinen Körper punktgenau auf ein hohes sportliches Ziel einstellen zu können.

"So ein Spieler wie Klose tut uns schon wahnsinnig gut", meinte Joachim Löw vor ein paar Tagen in einem Interview. Und ergänzte: "Vielleicht auch noch für die Zukunft nach dem Turnier." Vier Tage vor dem EM-Start der deutschen Nationalmannschaft machte Klose seinem Trainer im Hinblick auf die WM 2014 sogar selber noch Hoffnung: "Ich schleppe meinen Kadaver noch ein bisschen durch. Noch tragen mich ja meine Beine. Brasilien bleibt ein fernes Ziel." Dann erhob sich Deutschlands Stürmer Nummer eins von seinem Platz und schlurfte cool von dannen. An Mario Gomez hat er in dem Moment im Zweifel nicht gedacht. Warum auch?

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