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EM-Experten im Check Tempodribbler Scholl schlägt Klon-Kahn


Auf die Frage, wovor er Angst habe, sagte Mehmet Scholl einmal: "Vor Krieg und Oliver Kahn." Doch Scholls Angst vor dem Ex-Towart-Titan ist völlig unbegründet, wie unser EM-Expertencheck zeigt.
Von Mark Stöhr

Der eine steht am "ZDF-Fußballstrand" auf Usedom und hat die Ostsee im Rücken. Der andere steht für die ARD mitten im Stadion und hat die Fans im Rücken. Der eine trägt meist einen teuren Sommeranzug, der andere eine legere Baumwolljacke. Der eine verengt die Augen zu Schlitzen beim Sprechen, der andere macht sie weit auf. Der Welttorhüter Oliver Kahn und der Instinktfußballer Mehmet Scholl sind zwei sehr unterschiedliche TV-Experten.

Ausstrahlung

Oliver Kahn hat Bücher geschrieben ("Nummer eins") und hält Vorträge ("Die Philosophie der Nummer 1"). Darin geht es eigentlich immer um dasselbe: Wie werde ich so wie ich, also Nummer eins? Kahn war schon als Referent beim Wirtschaftsforum in Davos. Das ist sein Platz, hier ist er Erster unter Ersten. Und das strahlt er auch am Heringsdorfer Strand aus: Wie der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Unternehmens erklärt er den Rentnern in ihren Badeschlappen, wie die Welt funktioniert. Nachfragen der Kleinaktionärin Müller-Hohenstein quittiert er meist mit einem nachsichtigen Lächeln. Eigentlich ist die Ostsee zu klein für einen Kahn.

Mehmet Scholl hat noch kein Buch geschrieben und wird hoffentlich auch keines schreiben. Dafür gründete er vergangenes Jahr gemeinsam mit zwei Bekannten ein Musiklabel für Indie-Bands. Er trainierte nach seiner Spielerkarriere die zweite Mannschaft des FC Bayern und wird das ab Juli wieder tun. Scholl spricht immer, als habe er noch ein Stück Rasen unterm Schuh. Er kokettiert gerne mit seinem Alter (41), weil er weiß, dass ihn alle für seinen jungenhaften Charme lieben. Er gibt sich gerne normal, weil er weiß, dass das nicht normal ist.

Teamplay

Eigentlich ist Kahn wie Gomez: Er steht vorne rum und wartet auf Zuspiele. Ein Kahn geht nie über die Außen, ein Kahn ist immer im Zentrum. Katrin Müller-Hohenstein ist nicht zu beneiden. Sie gibt Kahn den Ball ("Wir müssen kurz über Mario Gomez sprechen") und bekommt ihn nicht wieder. Nur einmal platzte ihr der Kragen: "Das waren jetzt fünf Antworten auf vier Fragen, die ich gar nicht gestellt habe." Was sie dabei übersah: Ein Kahn braucht keine Fragen, er braucht nur einen Anlass zu sprechen.

Scholl hat einen großen Vorteil: Sein Talkpartner Beckmann unterhält sich sonst nur mit Helmut Schmidt. Da erscheint jede noch so lahme Replik als Tempodribbling. Scholl lauert wie ein Fuchs auf Pointen, auch wenn ihm Beckmann wieder mal eine ungenaue Flanke serviert ("Mehmet, lass uns über die fantastischen Russen reden!"). Wenn gar nichts kommt, holt er sich selbst den Ball ("Was mir noch auffällt, Reinhold."). Auf das Konto der Beiden geht die bislang beste Kombination des Turniers: Beckmann auf Mehmet ("Sag uns doch mal, wie du Mario Gomez gesehen hast?"), Mehmet im Eins-gegen-Eins ("Er tut zu wenig für die Mannschaft."), Tor ("Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wund gelegen hat und man ihn wenden muss.").

Emotionalität

Bei Kahn fragt man sich: Der soll mal einem gegnerischen Spieler in den Hals gebissen haben? Der Ex-Titan wirkt wie umgekrempelt. Was Medientraining und mentales Coaching alles anrichten können! Keine "Äh"s und "Ich-sag-mal"s strukturieren mehr seine Rede, stattdessen leitet er jeden zweiten Satz mit "Ich hab's schon angedeutet" oder "Wie ich schon sagte" ein. Seine einst gefürchteten Torwartpranken führt er beim Reden in genau austarierten Bewegungen durch die Luft. Eine unbedachte Äußerung? Nicht von Klon-Kahn. Neuerdings macht er sogar Wortspiele ("Die Iren ihrerseits") und lacht darüber!

Scholl redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nicht selten ohne Rücksicht auf Verluste – siehe Gomez. Bei ihm sitzen der Analytiker und der Heißsporn in einem Körper ("Mehr will ich über Ronaldo nicht sagen, sonst komm ich ins Schimpfen."). Das macht ihn so populär. Manchmal erinnert er in seiner Impulsivität an Uli Hoeneß, dessen Hund er ja bekanntlich im nächsten Leben sein will. Scholls größte Gefahr daher: zum Erregungsclown zu werden wie der Bayern-Präsident.

Nervfaktor

Bei Kahn: hoch. Alles an ihm wirkt antrainiert, sein Sprechen, seine Gesten, seine Freundlichkeit. Während seiner Lindwurmsätze und minutenlangen Erklärungen steigt man als Fernsehzuschauer regelmäßig aus und stellt sich stattdessen zum Beispiel die Frage: Sind die schwarzen Dinger, die hinter ihm aus dem Wasser ragen, eigentlich Holzstümpfe oder Seehunde?

Bei Scholl: gleich null. An ihm nervt eigentlich nur, dass er nicht mehr Fußball spielt.


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