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Perspektiven der deutschen Elf: Löw muss aus Lust Überzeugung machen

Nach der EM gibt es keinen Grund, der Nationalelf grundsätzlich die Fähigkeit zu siegen abzusprechen. Die Perspektiven des Teams sind weiterhin gut.

Von Mathias Schneider, Kiew

Nach dem furiosen 4:0 im EM-Finale gegen Italien ist die zwischenzeitliche Kritik am Tiki-Taka-Kombinationsfußball der spanischen Mannschaft jäh verstummt. Die "Furia roja" hat in der Nacht von Kiew bewiesen, dass sie ihre herausragenden technischen und taktischen Qualitäten in wunderschöne Tore münden lassen kann - und nicht nur den Gegner am Mitspielen hindert. Zum Gesamtkunstwerk der spanischen Mannschaft gehört aber auch, ihre Energie im Kollektiv auf den Punkt zu zentrieren. Und dies dürfte der größte Unterschied zur deutschen Mannschaft, die sich nach der Enttäuschung von Warschau wieder auf der Suche befindet.

Die Spieler in schwarz-weiß und ihr Trainer Jogi Löw wähnten sich zusammen schon auf dem Weg zur spektakulären Wachablösung, um bereits im Halbfinale von der eigenen Verwundbarkeit gegen Italien überrascht zu werden. Als Löws Team dort in Rückstand geriet, schien es förmlich in eine Art Schockstarre zu verfallen, als habe man Rückstände und erbitterten Widerstand in den Strategiesitzungen schlicht nicht thematisiert. Tatsächlich offenbart diese deutsche Mannschaft wieder einmal ein Mentalitätsproblem, wenn die Entscheidung in einem Turnier ansteht.

"Führungsspieler"-Diskussion geht am Punkt vorbei

Prompt wird in einem Land, das den Begriff "Führungsspieler" liebt, wieder nach kantigen Typen geschrien, die "dazwischen hauen", andere "mitreißen", "mal unbequem" sind. Tatsächlich könnte die Diskussion, von ehemaligen Führungsspielern befeuert, nicht weiter am Kern des Problems vorbeigehen. Denn dass Deutschland mit all seinen Talenten wieder an der Schwelle zu großen Titeln steht, verdankt es nicht zuletzt der Tatsache, dass es sich von jener retardierten Diskussion löste und endlich auf die reine Kraft des Spiels setzte, Technik und Taktik. Wie erklärt sich denn Spaniens Erfolg, erzielt von Akteuren, die in ihrer stillen, bescheidenen Art nicht weniger dem Klischee vom deutschen Führungsspieler entsprechen könnten?

Was der Generation Schweinsteiger allerdings noch fehlt, ist bei allem Behauptungswillen eine innere Härte, die auf finale Herausforderungen nicht mit Verzagtheit reagiert. In Löws so herrlich hochqualifiziertem Kader verkörpert neben Manuel Neuer noch am ehesten Thomas Müller die Lust, an Widerständen zu wachsen. Gegen Italien ließ Löw ihn zuschauen, schon bei der Niederlage vor zwei Jahren im Halbfinale gegen Spanien musste Müller pausieren, damals wegen einer gelben Karte.

Aus der Lust Überzeugung machen

Joachim Löw wird in den kommenden Jahren weitere Talente integrieren, er hat das bereits angekündigt. Gut so! Vor allem Marco Reus und Mario Götze dürfen sich Hoffnungen machen. Beide besitzen noch einen Glauben an sich, der keine Grenzen kennt. In der Nationalmannschaft werden sie nun auf Teamfähigkeit getrimmt, um die Geschlossenheit nicht zu gefährden.

Doch nur wenn Löw bei seinen Schleifarbeiten nicht den rohen inneren Kern der Jungen verletzt, werden sie in entscheidenden Momenten, wenn ihr großes Talent sie nicht mehr weiter trägt, nach neuen Wegen suchen und nicht das Haupt senken. Nur wenn Löw ihnen und dem Rest die Angst vor dem Versagen nimmt und ihnen allen eine Taktik mit aufs Feld gib, die in der Stunde der Not Halt verleiht, wird diese Elf aufhören zu zweifeln, wenn es wirklich zählt. Nur dann wird aus der Lust nach Titeln Überzeugung. Spanische Überzeugung.

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