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stern.de-Interview Helmer: "Würde Gomez wieder spielen lassen"


Er gewann 1996 mit der deutschen Nationalmannschaft zum letzten Mal einen Titel: Thomas Helmer. Im Interview mit stern.de spricht der Europameister über Mario Gomez, die Notwendigkeit von Führungsspielern - und seine Zweifel an der mentalen Stärke des DFB-Teams.

Er weiß genau, wie es geht. Thomas Helmer ist mit Deutschland 1996 Europameister geworden und holte den bisher letzten großen Titel für die DFB-Elf. Mittlerweile hat Helmer die Seiten gewechselt und steht unter anderem als TV-Experte vor der Kamera. stern.de-Redakteur Klaus Bellstedt hat mit Helmer gesprochen und unter anderem erfahren, worauf die DFB-Auswahl vor ihrem Duell gegen die Niederländer achten muss.

Gomez oder Klose, wer soll gegen Holland im Angriff spielen? Und warum?

Thomas Helmer:

Ich würde die Mannschaft nicht verändern und genauso wie gegen Portugal beginnen – also mit Gomez. Die Diskussion darüber, wer nun der bessere Stürmer ist, verstehe ich sowieso nicht. Das ist ein Luxusproblem. Auch wenn Klose auflaufen würde, wäre das kein Risiko. Trotzdem, für Löw gibt es keinen Grund, zu wechseln.

Haben Sie die Kritik von Mehmet Scholl an Gomez nachvollziehen können?


Nein, ich habe sie als zu hart empfunden. Ich habe mir Gomez oft in München im Stadion angeschaut und festgestellt: Er bewegt sich als Stürmer sehr viel. Auch sonst muss man über seine Klasse gar keine vielen Worte verlieren.

Steckt hinter der Scholl-Attacke möglicherweise doch mehr dahinter, als alle vermuten? Stichwort: Bayern-Connection mit Uli Hoeneß?


Nein, das glaube ich nicht. Das wäre ja Wahnsinn, wenn sie ihn so aus München vertreiben wollten. Gomez schießt so viele Tore. Außerdem hat er doch gerade seinen Vertrag bis 2016 verlängert. Ich kenne Mehmet gut, er ist ein sehr direkter Typ, der auch mal einen raushaut.

Wie hat Ihnen Bastian Schweinsteiger gegen Portugal gefallen?


Das war in Ordnung, aber er kann es besser machen. Trotzdem ist es wichtig, dass Schweinsteiger auf dem Platz steht. Auch wenn ihm noch ein paar Prozent fehlen. Übrigens: Die Reihe vor ihm kann auch mehr.

Und die Teamleistung als Ganzes?


Wir müssen uns alle von dem Gedanken lösen, dass diese Mannschaft möglichst in sechs Spielen inklusive des Finales alles in Grund und Boden spielt. Was die Geschlossenheit betrifft, hat mir das gut gefallen.

Wo sehen Sie am ehesten Steigerungsbedarf?


Die Mannschaft muss sich mehr Torchancen erarbeiten, sie muss schneller spielen. Das Team hat gegen Portugal nicht frisch gewirkt. Besonders die Offensive. Die Defensivleistung war dagegen prima.

Die erste Runde ist vorbei. Bis jetzt dominieren die Defensivreihen. Ist das der neue Trend?


Es gab bis jetzt mehr Überraschungen, als ich vermutet hatte. Die Russen machen einen starken Eindruck, die Holländer haben mich enttäuscht, von den Favoriten hat nur Deutschland gewonnen. Und die Spiele sind alle eng. So ist das bei einer EM. Der Sicherheitsgedanke hat in den ersten Partien dominiert. Aber ob sich das zu einem Trend entwickeln wird, kann man noch nicht sagen. Ein Trend ist übrigens auf keinen Fall, dass Teams ohne Stürmer antreten. Die Spanier haben mich schon verwundert. Das ist eher rückläufig.

Sie haben 1996 den letzten Titel für Deutschland geholt. Mit Typen wie Ihnen, Dieter Eilts und Steffen Freund. Da waren keine Özils dabei. Andersrum gefragt: Fehlen jetzt die Arbeiter im Team?


Özils vielleicht nicht, aber wir hatten mit Möller, Scholl und Häßler auch spielstarke Typen im Kader. Und dann waren da Dieter Eilts, Steffen Freund und auch ich, die Kampfschweine. Ja, die Zeit hat sich geändert, aber es braucht immer noch Spieler, die die Kommandos geben. Wer das in der Nationalmannschaft macht, weiß ich nicht. Jürgen Klopp sagt immer, dass das Gerede vom Führungsspieler nicht mehr zeitgemäß sei. Aber es muss Spieler geben, die vorangehen. Wir hatten diese Spieler damals 1996 im Team. Um Titel zu holen, braucht man genau diese Charaktere. Sie holen die entscheidenden zehn Prozent mehr aus einer Gruppe heraus. Dass die jetzige Mannschaft auch die mentale Stärke hat, Europameister zu werden, muss sie erst noch beweisen.

Deutschland trifft nun auf Holland. Da ist immer viel Rivalität dabei. Es geht auch ums Prestige. Worauf kommt es in diesem Duell, abgesehen vom Spielerischen, auch an?


Geduld haben, selbstbewusst sein, cool bleiben. Aber vor allem: nicht provozieren lassen. Zum Spiel: Die Holländer haben Probleme in der Defensive, wenn die deutsche Mannschaft in der Offensive zulegen kann, gewinnt sie die Partie.

Wenn Sie Trainer der Holländer wären, würden Sie Arjen Robben gegen Deutschland in der 90. Minute beim Stand von 0:0 einen Elfmeter schießen lassen?


Warum nicht? Das kommt auch darauf an, wie er sich bis dahin präsentiert hat. So ticken doch Trainer. Falls es ein schlechter Auftritt war, würde ich es mir aber noch mal überlegen (lacht).

Von Klaus Bellstedt

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