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EM-Check: Niederlande: Wenn nicht jetzt, wann dann?!

Nach dem beeindruckenden Durchmarsch in der EM-Qualifikation will die Elftal jetzt auch bei der Endrunde auftrumpfen. Ihre Sturmreihe ist weltklasse und auch die tradtionelle Wackel-Abwehr gibt es nicht mehr. Der Weg ist frei für den Titel.

Von Cord Sauer

Die EM-Qualifikation hat bei den Niederländern große Erwartungen geweckt. Mit neun Siegen aus zehn Spielen wurde das Team von Bondscoach Bert van Marwijk überlegen Gruppenerster und führte die guten WM-Leistungen aus 2010 fort. Seit dem Amtsantritt des Trainers vor vier Jahren hat sich Oranje kontinuierlich in die Weltspitze vorgespielt und belegte im vergangenen Jahr erstmals überhaupt den ersten Platz der Fifa-Weltrangliste. Allein es fehlt ein Titel. Nach dem letzten und bisher einzigen EM-Triumph 1988 scheiterten die Holländer regelmäßig im Viertel- oder Halbfinale.

Bei den Wettanbietern rangieren die Niederländer übrigens hinter Spanien und Deutschland auf dem dritten Platz der Titelfavoriten. Warum eigentlich? Besonders die Defensive verspricht sehr viel mehr Sicherheit. Der selten überzeugende Khalid Boularouz hat seinen Platz ebenso verloren, wie auch die Zwischenlösung Andre Ooijer. Dafür ruhen die Hoffnungen in der Abwehr nun auf Gregory van der Wiel, Erik Pieters und Jetro Willems, die dem erfahrenen Defensiv-Block um Heitinga, Brouma und Mathijsen Beine machen sollen.

Hup Holland, hup

Auch in diesem Jahr werden die Oranje-Fans wieder inbrünstig ihr beliebtes Fußball-Lied „Hup Holland, hup“ in den Stadien zum Besten geben. Der Textinhalt des traditionellen Liedguts passt dabei so gut, wie selten zuvor: „Want de leeuw op voetbalschoenen durft de hele wereld aan”, was soviel bedeutet wie: „Weil der Löwe in Fußballschuhen sich traut, gegen die ganze Welt anzutreten.“ Der Löwe in Fußballschuhen ist - wer hätte es gedacht - das holländische Nationalteam, das mit völlig neu gewonnenem Selbstvertrauen in den Osten Europas reist.

Sie sind auch deshalb so zuversichtlich, weil das Team langfristig zusammen bleiben kann. Einzig der Rudelführer Mark van Bommel spielt bei der Euro 2012 sein letztes großes Turnier. Von einem Generationswechsel will der ehemalige Bayern-Profi deshalb nichts wissen: „Ich bin der Einzige, der Mitte 30 ist. Die anderen sind doch alle erst Ende 20. Und dazu kommen junge Spieler ins Team.“ Die orange-farbenen Löwen stehen an der Fußschwelle zu einer goldenen Ära. Doch um diese endgültig einzuläuten, muss der erste Titel her.


Die Stars:

Robben, Huntelaar, van Persie, Sneijder


Stärken:

Gemeinsam mit dem Abwehr-Update, dem brillanten Mittelfeld und der exzellenten Sturmreihe haben die Niederländer sich völlig zu Recht in der Gruppe der Topfavoriten gespielt. Robin van Persie ist in Bestform und verdrängt sogar einen Weltklassestürmer wie Klaas-Jan Huntelaar aus der Startelf. Das kreative Mittelfeld um Sneijder und Robben steht ebenfalls für Extraklasse.


Schwächen:

Man muss schon ganz genau hinschauen, um tatsächliche Negativfaktoren im Team von van Marwijk zu finden. In der abgelaufenen Saison hatten speziell Rafael van der Vaart, Dirk Kuyt und Wesley Sneijder mit Formkrisen und Verletzungen zu kämpfen. Neben diesem Restrisiko könnte eine weitere Schwächung von Arjen Robben ausgehen, der dafür verantwortlich war, dass seine Bayern zwei Titel verpassten. Hat der Niederländer zudem noch die Pfiffe der Fans im Kopf, die er bei seinem letzten Auftritt in München über sich ergehen lassen musste, besteht hier zumindest Blockaden-Potential.


Besonderheit:

Nur die wenigsten Spieler haben in einem sehr gut besetzten Kader in dieser Saison einen Titel geholt. Von 23 Spielern gewannen zwei die Meisterschaft (Nigel de Jong/Manchester City, Gregory van der Wiel/Ajax) und vier den Landespokal (Wilfred Bouma, Jetro Willems, Kevin Stootmann/alle Eindhoven, Ibrahim Affelay/Barcelona). Stars wie Arjen Robben, Robin van Persie, Wesley Sneijder, Johnny Heitinga gingen alle leer aus. Es fehlt das Sieger-Gen.


Gruppengegner:

Dänemark, Deutschland, Portugal


Wahrscheinliche Stamm-Elf:

Stekelenburg – Brouma, Vlaar, Heitinga, van der Wiel – van Bommel, N. de Jong, Sneijder, Robben – van Persie


Prognose:

In bester Tradition ist im Viertel- oder Halbfinale Schluss für die Niederländer. Das Team ist spitzenklasse, aber so recht vermag sich im Kopf kein Bild einer jubelnden Hollandtruppe einstellen. Ernsthafte Titelchancen haben die Niederländer vermutlich erst bei der WM 2014, wenn auch die Jungnationalspieler wie Jetro Willems, Kevin Strootmann oder Luuk de Jong sich in der Nationalmannschaft akklimatisiert haben.

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