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Supertalent: Die späte Ankunft des Julian D.

Beim 3:0 gegen die Slowakei ragte der Wolfsburger Julian Draxler deutlich heraus. Seine Leistungsexplosion demonstrierte, warum Joachim Löw in der Vergangenheit so viel Geduld mit dem Ausnahmekönner hatte.

Von Mathias Schneider, Lille

Bundestrainer Joachim Löw gratuliert Julian Draxler zu dessen Leistung gegen die Slowakei

Wertschätzung: Joachim Löw (r.) wartete geduldig auf eine Leistungsexplosion Julian Draxlers. Gegen die Slowakei zahlte sich das Warten nun aus.

Julian Draxler war auch dabei, vor zwei Jahren, als in einer schwülheißen Nacht diese Nationalmannschaft sich in Rio de Janeiro zum Weltmeister kürte. Es gibt Dokumente, die das eindeutig belegen. Im Bildband des Photographen Paul Ripke finden sich Abzüge, die Draxler in der Kabine zeigen, er trägt die Kluft der Nationalmannschaft, ein junger Mann, der aussieht, als befinde er sich auf einer Bildungsreise unter lauter Berufsfußballern. Außerdem wurde er beim sagenumwobenen 7:1 gegen Brasilien für Sami Khedira eingewechselt. Man hat das allerdings nachschlagen müssen. Auf dem Feld hinterließ er damals keine Spuren mehr.

Es ist schon damals eine knappe Entscheidung gewesen, ob Draxler es überhaupt in den WM-Kader schaffen würde. Sie waren im Trainerteam damals nicht glücklich mit seiner Entwicklung. Schwerfällig wirkte Draxler, als trage er Mühlsteine umher, wo ihn die Leichtigkeit des Spiels tragen sollte. Am Ende haben sie ihn, das Supertalent, dann doch mitgenommen. Mehr als die Rolle einer belanglosen Randfigur sollte ihm nicht beschieden sein.

Wolfsburg ist für Julian Draxler eine Nummer zu klein

22 Jahre alt ist dieser Draxler erst, man kann das kaum glauben, er ist ja gefühlt schon genauso lang dabei wie Boateng, Hummels oder Müller. Von seinem Heimatklub Schalke 04 ist er vor einem Jahr nach Wolfsburg gewechselt, was man als wenig ambitioniert bezeichnen kann, sieht man vom finanziellen Aspekt ab. Tatsächlich hat er das gebraucht, weniger in sportlicher Hinsicht. In Schalke erzählen sie, nicht die Erwartungen der Fans hätten Draxler vertrieben, sondern die Sehnsucht nach mehr Distanz zum Elternhaus. Ein paar ordentliche Auftritte hat Draxler dann am neuen Arbeitsplatz  zu verzeichnen gehabt, aber er will schon wieder weg, wenn man seinen Aussagen im "Spiegel" zuletzt glauben darf. Als sei Wolfsburg in jeder Hinsicht eine Nummer zu klein für ihn, so ließ er sich zeichnen. Ein junger Mann, der sich auf den Weg gemacht hat, niemals anzukommen, das war dieser Draxler vor dieser Europameisterschaft.

Man kann nicht behaupten, dass ein Auftritt wie jener gegen die Slowakei in der Luft lag.

Es war ja nicht weniger als eine sanfte Überraschung, dass der Bundestrainer Draxler gleich gegen die Ukraine und gegen Polen in der Vorrunde aufgeboten hatte. Er wartet auf diesen Draxler. In den ersten beiden Partien zahlte Draxler nur mit Schwarzbrot-Fußball zurück. Bemüht, nix Dolles. Nun saß dieser Draxler also im Pressekonferenzraum des Stade Pierre Mauroy, er war eben zum Man of the Match der Partie ausgezeichnet worden und sagte leise: "Der Bundestrainer hat mir Selbstvertrauen gegeben." Er klang wie ein Junge nach überstandener Abiturprüfung.


Zwei Aktionen, die nur wenige zu Stande bringen

Man muss ja vorsichtig  sein bei einem Mann seines Naturells mit vorschnellen Belobigungen. Die wahren Gegner kommen erst noch. Der Widerstand wird dann größer.

Doch erstmals zeigte dieser Draxler, warum sich alle so schrecklich viel Mühe mit ihm geben. Warum Klubs wie Arsenal London oder Juventus Turin sich überlegen, für einen milchgesichtigen Jungen Beträge im mittleren zweistelligen Millionenbereich auf den Tisch zu legen.

Denn Draxler besitzt eine Fähigkeit, die selten ist im internationalen Fußball. In Löws Kader, bespickt mit Weltklassekräften, besitzt er gar ein Alleinstellungsmerkmal, auch deshalb wartete Löw mit nicht versiegender Geduld auf eine Leistungsexplosion. Zwar verfügt Löw über eine Vielzahl an passsicheren Kräften, doch allein Draxler vermag mit einem einzigen Dribbling einen ganzen Abwehrwall zu sprengen. Mit einer fulminanten Finte durchbrach er gegen die Slowakei noch in der ersten Halbzeit den Riegel. Den zentimetergenauen Pass konnte Mario Gomez am kurzen Pfosten nicht verfehlen. Im zweiten Abschnitt hieb er dann mit einem Seitfallzieher den Ball in den Winkel. Es waren zwei Aktionen, wie sie nur wenige Akteure in einem Spiel in dieser Abfolge zu Stande bringen. Nicht nur in Deutschland.

Draxler als letzter Mosaikstein, der noch fehlte

Draxlers Auftritt muss sich für die Kollegen angefühlt haben wie die unerwartete Neuverpflichtung eines trickreichen Flügelstürmers. Der Stürmer Gomez attestierte ihm nach der Partie "Zauberfüßchen". Andre Schürrle, immerhin in direkter Konkurrenz zu Draxler auf der linken Seite, schwärmte: "Der Junge ist Wahnsinn, er kann mit dem Ball alles machen. Schön, dass er es gezeigt hat."

Draxler mag vor vier Jahren sein erstes Länderspiel absolviert haben, angekommen in dieser Elf ist er erst am Sonntag in Lille. Hält er sein Niveau, könnte er der letzte Mosaikstein sein, der dieser Elf noch fehlte. 

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