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Nordirland - Deutschland Endlich war Wucht im Spiel - auch dank eines Supertalents

Joshua Kimmich hat im Spiel Nordirland gegen Deutschland ein sehr gelungenes Debüt bei der EM 2016 gefeiert
Joshua Kimmich hat im Spiel Nordirland gegen Deutschland ein sehr gelungenes Debüt bei der EM 2016 gefeiert
© Arne Dedert/DPA
Beim 1:0 gegen Irland zeigt sich Deutschland gegen zweitklassige Konkurrenz zumindest in der Spielanlage verbessert. Dass Löw sein Problem auf der rechten Außenverteidigerposition gelöst zu haben scheint,  verdankt er dem Gewinner des Abends: Joshua Kimmich. 

Nach der Partie zog er es vor, zu schweigen, zumindest als er durch die Mixed Zone schlurfte. Joshua Kimmich, 21, mochte die Aufregung um seine Person nicht unnötig befeuern. Es wurde ja auch so schon genug über ihn geredet, so kurz nach diesem 1:0 der deutschen Nationalmannschaft gegen Nordirland, das auch seine Handschrift trug, was nicht selbstverständlich war. Die Plätze schienen ja schon vergeben in der deutschen Viererkette nach den ersten beiden Partien. Für den tapferen Recken Benedikt Höwedes hatte sich Löw zunächst als rechten Aushilfsverteidiger entschieden. Eine sehr realpolitische Lösung, ohne die ganz große Fantasie. Höwedes verfügt unbestreitbar über Stärken in der Innenverteidigung, ein profunder Flügelläufer wird er in diesem Leben eher nicht mehr. Er stand deshalb für die Malaise in der deutschen Offensive, denn die Flügel, sie blieben mit ihm an der Linie meist unbesetzt.

Bis Kimmich kam.

Er ist ja selbst ein gelernter Mittelfeldspieler, doch seit Guardiola ihn in dieser Saison so ziemlich alles außer Torwart hat spielen lassen, trauen sie ihm auch beim DFB zu, dass er sich schnell in die neue Materie einarbeitet. "Er hat gespielt, was ich erwartet habe und ich habe viel erwartet", lobte sogleich Thomas Müller. Immer wieder stieß Kimmich über die Außenbahn in die Spitze vor, eine weitere Anspielstation bot sich dadurch vor allem für die Ballverteiler Özil und Kroos. Dass Löw im Zentrum ebenfalls noch einmal scharf in die Mannschaft schnitt, indem er den eher schnörkellosen Gomez für den kleinteiligen Götze ins Zentrum stellte, gab dem deutschen Spiel überdies eine andere Statik. Und mehr Wucht.


Deutschland in der Einzelkritik

Löws Wechsel gehen auf

Durfte man nach dem 0:0 gegen Polen noch glauben, dass diese Nationalelf bis zur Auslöschung der Zivilisation nie mehr auf ein fremdes Tor würde schießen können, wenn man die Diskussion rund um diese Elf verfolgte, so hatten Löws Wechsel den gewünschten Effekt. Was allerdings auch an einer erheblich größeren Bereitschaft lag, in der Spitze durch Sprints für Konfusion zu sorgen. Nachdem Müller in den ersten beiden Spielen nicht ein Torschuss gelungen war, durfte er diesmal aus allen Richtungen aus der Nahdistanz sein Glück versuchen, was für sich betrachtet schon einmal eine gute Nachricht war.

Wenn das Ergebnis nur ein wenig erbaulicher gewesen wäre.

Nur Gomez traf, von Müller immerhin in Szene gesetzt. Müller selbst schien die Kunst des Fehlschusses an diesem Abend perfektionieren zu wollen. "Ich bin zu mehr Torchancen gekommen als in den letzten acht Spielen zusammen", erklärte Müller selbstkritisch. Ein "bisschen Unvermögen" sei schon dabei gewesen, aber natürlich mochte auch er sich viel lieber mit den ermutigenden Erkenntnissen der Vorrunden-Trilogie aufhalten. "Die Basis stimmt, um auch in den großen Spielen zu bestehen."

Nordirland technisch hoffnungslos unterlegen

Tatsächlich bewiesen die Deutschen, dass sie zumindest diese tapferen, aber technisch hoffnungslos unterlegenen Nordiren standesgemäß zu sezieren wussten. Dass sie nach zwei Spielen der Dürre vor des Gegners Tor diesmal allzu verschwenderisch vorgingen, gibt zumindest leichten Anlass zur Beunruhigung. Immerhin, Löw dürfte in der Architektur seiner Elf einen großen Schritt weiter gekommen sein, zumindest was die Abwehr anbelangt. Die Viererkette darf als vollendet betrachtet werden, was eine schlechte Nachricht für Höwedes bedeutet. In der Offensive erscheinen Kroos, Khedira und davor Özil in der Zentrale ebenso gesetzt wie Müller.

Bleiben Gomez und Götze, der diesmal für Draxler auf die linke Seite ins Mittelfeld rückte. Zumindest Gomez darf sich als Gewinner fühlen, schon seines Treffers wegen. "Wir brauchten da einen Spieler", lobte Löw. Er klang nicht, als habe er Gomez nur temporär berufen. Enger wird es für Götze, der sich allerdings höchster Löwscher Wertschätzung erfreut. Sollte Löw seinen Kapitän Bastian Schweinsteiger in der K.o-Runde noch in die Elf integrieren wollen, um die notorische Kontergefahr zu bannen, könnte es eng werden für Götze. Auch Özil weiß seine Positon zu spielen, sollte Kroos nach vorn auf die Özil-Position rücken.

Deutschland steht also im Achtelfinale. Als Tabellen-Erster. Und doch ist es ein eigenartiges Turnier, das diese deutsche Nationalmannschaft da spielt. Auch nach drei Spielen lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen, wie gut diese Elf wirklich ist. Sie müht sich, das schon. Doch eine Partie ohne gravierende Mängel durchzuspielen ist ihr bislang nicht gelungen. Man wird bis auf weiteres auf das Urteil der Beteiligten vertrauen müssen, wenn man zu dieser Mannschaft hält. Die klingen weiter, als sei für jede Form von Zweifel kein Anlass. "Jetzt beginnt das Turnier erst, mit dieser Mannschaft ist alles möglich", verkündete Mario Gomez, bevor er frohgemut dem Ausgang entgegenstrebte.

Es wird ernst.

Endlich.  


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