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Gesänge gegen Deutschland Weltkriegsveteran ermahnt Englands Fans und Fußballverband droht sogar mit Stadionverbot

Englische Fans beim EM-Spiel gegen die Tschechien
Bereiten dem eigenen Fußballverband Sorgen: englische Fans, hier beim EM-Spiel gegen Tschechien
© Justin Tallis / AFP
"Ten German Bombers": Mit diesem Lied über den Abschuss deutscher Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg verhöhnen englische Fußballfans gerne mal die Deutschen. Das sollten sie im Achtelfinale gegen die DFB-Elf besser unterlassen.

Wenn England gegen Deutschland Fußball spielt, geht es in der Regel nicht nur auf dem Platz hoch her. Auch in der britischen Presse und bei so manchem Fan der Three Lions provoziert die Rivalität mit dem ehemaligen Kriegsgegner traditionell so manches fragwürdige Tackling. So bildeten die Boulevardblätter "Mirror", "Daily Mail" und "Sun" deutsche Fußballer früher gerne mal als "Krauts" mit Stahlhelmen und Pickelhauben ab. Und der "Mirror" kündigte im Jahr 1996 das EM-Halbfinale im eigenen Land gegen die DFB-Elf mit der Zeile "Achtung! Surrender (kapituliere)" an.

"Wir müssen das alles jetzt hinter uns lassen"

Walter Nixon hält von solcher Kriegsrhetorik überhaupt nichts. Der 98 Jahre alte, fußballbegeisterte Brite kämpfte im Zweiten Weltkrieg noch selbst gegen die Nazis und hat vor dem Achtelfinalspiel gegen Deutschland am Dienstag um 18 Uhr im Wembley-Stadion die englischen Fans und Medien aufgefordert, den Ball flach zu halten.

Er sei wirklich enttäuscht von den Leuten, wenn sie auf die Kriegszeiten anspielten, erzählte er dem britischen Sender Sky News. "Das war vor etwa 80 Jahren und die Zeit marschiert weiter und wir müssen das alles jetzt hinter uns lassen."

Nixon hatte sich 1941 als 19-Jähriger zum Kriegsdienst gemeldet, zunächst in Nordafrika gekämpft und dann geholfen, Italien von den deutschen Truppen zu befreien. Doch von der damaligen Feindschaft ist nichts geblieben. "Ich fühle keine Feindseligkeit gegenüber den Deutschen. So kann man nicht zurückblicken", sagte er. Es ärgere ihn, dass manche Menschen immer noch im Namen des Sports in Kriegsnostalgie schwelgten. "Diese Leute tun mir leid. Ich bin mir sicher, dass sie nicht am Krieg teilgenommen haben [...] Wir haben das alles hinter uns gelassen und leben im Hier und Jetzt."

Dass Nixons Appell bei den Fans auf offene Ohren stößt, ist allerdings alles andere als sicher. Schon vor dem ersten Euro-2020-Spiel der Engländer gegen Kroatien hatten die Anhänger der Elf von Trainer Gareth Southgate das Lied "Ten German Bombers" angestimmt. Darin geht es um die Verluste deutscher Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg. In den sozialen Medien wurde der Gesang in den vergangenen Tagen häufig geteilt – als Einstimmung auf die Partie gegen Deutschland.

Der englische Fußballverband FA sah sich deshalb genötigt, die heimischen Fans bereits im Vorfeld zu ermahnen, auf diskriminierende Gesänge gegen Deutschland zu verzichten und kündigte sogar an, diejenigen, die sich nicht daran halten, aus dem Stadion zu werfen, wie das Sportportal "Ran" berichtet.

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"Wir werden jedes diskriminierende oder respektlose Verhalten im Wembley-Stadion aufs Schärfste verurteilen und werden gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass alle Spiele in England ein sicheres und angenehmes Erlebnis werden", schrieb die FA demnach in einer Ankündigung vor dem Spiel.

Boulevardblätter geben sich friedlich

In der britischen Presse scheinen die Zeiten der kriegerischen Schlagzeilen dagegen vorbei zu sein. Schon vor dem WM-Achtelfinale 2010 gegen Deutschland verzichteten die Boulevardblätter weitgehend auf derartiges Getöse. "Herr we go again", schrieb damals zum Beispiel die "Sun" in dicken Balken. Das Wortspiel mit dem deutschen Begriff "Herr" statt "Here" bedeutet so viel wie: "Es ist mal wieder so weit". Und der "Mirror" titelte friedlich: "Jermainia!", ein Jubelschrei, der Germania und den Vornamen des Torjägers Jermain Defoe verschmolz.

Und auch jetzt zeigen sich die Zeitungen eher zahm: "Komm schon England, hau' Deutschland heute Abend weg", forderte die "Daily Mail" am Dienstag und lieferte damit bereits die deftigste Schlagzeile in Hinblick auf die Deutschen. Die "Sun" entschied sich für ein Wortspiel mit dem kürzlich zurückgetretenen Gesundheitsminister Matt Hancock. Dieser hatte eine Mitarbeiterin geküsst und damit die Corona-Regeln gebrochen. "Auf geht's Harry – Selbst Hancock hat einen rein gemacht", hieß es auf der Titelseite an den Stürmerstar Harry Kane gerichtet.

Ebenfalls ohne Anspielung auf Deutschland kam der "Mirror" aus. "Eine Nacht für Helden" prognostizierte das Blatt und zeigte dazu großformatige Bilder von England-Coach Gareth Southgate und den Nationalspielen Harry Kane und Raheem Sterling.

Und falls den britischen Fans der Appell von Walter Nixon und die Drohung der FA nicht Motivation genug sind, um der Presse auf ihrem friedlichen Weg zu folgen, hilft vielleicht die Erinnerung an den Erfolg des Kriegsgeheuls von 1996: Deutschland besiegte England damals nach Elfmeterschießen mit  6:5 und wurde Europameister. Den entscheidenden Elfer vergab damals übrigens: Gareth Southgate.

Quellen: Sky News, "Ran", "Tagesspiegel", DPA
 

mad

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