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EM 2021 Die rassistische Hetze gegen Rashford und Co. offenbart die Verlogenheit des Fußballs

Jadon Sancho (l.) und Marcus Rashford haben beide ihren Elfmeter im EM-Finale verschossen
Jadon Sancho (l.) und Marcus Rashford haben beide ihren Elfmeter im EM-Finale verschossen
© Laurence Griffiths / Getty Images
Es ist eine schlimme Diskrepanz: Läuft es auf dem Fußballfeld gut, sind alle Helden und werden akzeptiert. Doch wehe, ein Spiel geht verloren, dann brechen sich Hetze und Rassismus rasch Bahn. Gegen diese Verlogenheit muss der Fußball mehr tun.

Erinnern Sie sich noch? Es ist mittlerweile schon fünf Jahre her, da sagte AfD-Co-Fraktionschef Alexander Gauland einen unheilvollen Satz, für den er sich später entschuldigen musste: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben." Mit dem gebürtigen Berliner und Fußball-Weltmeister Jerome Boateng, der einen ghanaischen Vater hat, solidarisierten sich damals Gott sei Dank und völlig zu Recht unzählige Menschen. Doch eines lässt sich leider nicht leugnen: Die üble Verlogenheit, die aus diesen Worten spricht, den erfolgreichen Sportler zu feiern, denselben Sportler aber – vor allem nach einer Niederlage – als Menschen auszugrenzen und/oder gegen ihn oder sie rassistisch zu hetzen, ist im Profi-Fußball und in der Gesellschaft fest verankert.

Die TV-Doku "Schwarze Adler" hat dies jüngst auf beeindruckende Weise dokumentiert. Und in England belegt dies aktuell die schlimme Hetze, die die jungen Nationalspieler Marcus Rashford, Bukayo Saka und der als BVB-Spieler auch hierzulande bestens bekannte Jadon Sancho erdulden und erleiden müssen. Ihr Vergehen: Sie haben im EM-Finale am Sonntag jeweils einen Elfmeter verschossen. Auch sie wurden gefeiert und bejubelt, so lange sie ihren Clubs und der Nationalmannschaft zum Sieg verhalfen. Auch sie werden nun vor allem in den sogenannten sozialen Medien mit rassistischen Angriffen überzogen. Wie man diese verlogene und widersprüchliche Haltung vor sich selber rechtfertigen kann, bleibt das Geheimnis dieser Menschen.

Rashford, Mbappé und Co.: Affenlaute, Hetze, Buh-Rufe

Die jüngste EM hat leider etliche Beispiele für Rassismus und Ausgrenzung geliefert. Erwähnt seien vor allem die Affenlaute, denen sich Frankreichs Stürmer Kylian Mbappé in Budapest ausgesetzt sah. Oder der Aufmarsch der "Carpathian Brigade" in München, einer queerfeindlichen, homophoben und rassistischen Hooligan-Organisation, der Leon Goretzka mit seinem "Herz-Jubel" im Spiel gegen Ungarn ein Zeichen entgegensetzte. Und Englands Fans machten vor und während des Turniers eine schlechte Figur, als sie die eigenen Spieler ausbuhten, weil sie sich als Zeichen gegen Rassismus vor jedem Anpfiff hinknieten. Auch die lauten Buh-Rufe während der Nationalhymne anderer Nationen belegt mangelnden Respekt für andere.

Sicherlich ist die Mehrheit der Fans nicht so. Doch die aggressive Minderheit ist laut und verschafft sich so immer wieder Gehör und Wirkung. Im Fall Rashford und Co. sind die englische Football Association und Teamkapitän Harry Kane ihren Spielern und Teamkollegen zur Seite gesprungen. Das ist gut, richtig und wichtig. Doch es zeigt sich auch, dass alle Appelle und selbst große angelegte "Respect"- und "#EqualGame"-Kampagnen mit der Zeit verhallen. Irgendwann verkommen sie zum Ritual.

Fußballorganisationen müssen klar Haltung beziehen

Das zeigt auch: Dem (Profi-)Fußball ist es trotz aller anerkennenswerten Bemühungen von Verbänden, Vereinen und Fanorganisationen bisher nicht gelungen, sich als Bühne für Rassismus und Ausgrenzung unbrauchbar zu machen. Ein wichtiger Grund dürfte in der nicht eindeutigen Haltung der großen Verbände liegen. Wer zwar große Kampagnen pro Integration launcht, im konkreten Fall aber gegen eine Regenbogen-Armbinde ermittelt und das Erleuchten eines Stadions in Regenbogenfarben als Zeichen für Gleichstellung und Menschlichkeit ablehnt, wie es die Uefa während der EM getan hat, der bezieht eben nicht eindeutig Stellung, sondern sendet – gewollt oder nicht – eben doch Zeichen, dass es unter Umständen berechtigt ist, Unterschiede zu machen. Wie groß, wie krass, wie widerlich diese "Unterschiede" sein dürfen, das interpretiert dann jeder wie es ihm gefällt. 

Der Fußball muss solche Hintertüren schließen. Er braucht klare Worte wie die des "Three Lions"-Kapitäns Harry Kane ("Wenn du irgendjemanden in den sozialen Medien beleidigst, bist du kein England-Fan und wir wollen dich nicht"). Und er muss diesen Worten konsequent folgen – gerade dann, wenn es schwierig wird oder dem wirtschaftlichen Erfolg schaden könnte. Rassismus wird sich auch dann sicherlich noch Bahn brechen. Aber es wäre ein weiterer Schritt, ihm die große Bühne Fußball zu entziehen.


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