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EM-Qualifikation gegen Schottland: Selbst die Schildkröte bringt das DFB-Team nicht aus der Ruhe

Nach einem kuriosen 3:2 gegen Schottland halten sich die deutschen Spieler nicht mit der Analyse auf, sondern schwärmen von der Atmosphäre im Hampden Park - und wundern sich über die Kriegslist der Schotten.

Von Mathias Schneider, Glasgow

Can im Spiel gegen Schottland

Dauerlösung in der Viererkette? Wird Emre Can wohl eher nicht passieren

Ein Schatten huschte durch die riesige Halle des Hampden Parks. Er verschwand hinter dem Teambus, auf der Suche nach einem kurzen Moment der Einkehr, das Spiel war noch keine zehn Minuten beendet.

Oder wollte da doch einer nur mal kurz eine schmauchen, bevor der Marathon aus Interviews und Kameras anstand? Wie dem auch sei, als Joachim Löw nach zwei Minuten wieder auftauchte, begleitet von jenem Gleichmut, der ihn seit jener Weltmeisterschaft unerschütterlich zu begleiten scheint, da wunderte einen nicht mehr, dass diese Deutschen im Herbst des Jahres 2015 nichts mehr aus der Ruhe zu bringen scheint.

Die DFB-Elf in der Einzelkritik
Manuel Neuer

Machte eine unglückliche Figur bei beiden Schotten-Toren. Morrison stand zwar vor ihm - aber seine Maßstäbe sind andere.

Emre Can

Der Länderspiel-Frischling zahlte kräftig Lehrgeld. Verursachte Freistoß und Ecke vor den Gegentoren. Stand oft falsch.

Jérôme Boateng

Über weite Strecken in seinem Kerngeschäft wenig gefordert. Bei den Gegentoren hatte er keine Aktie. Sicherte dann den Sieg ab.

Mats Hummels

Energisch gegen Fletscher, aber einige Unkonzentriertheiten. Unglücklich beim ersten Eigentor im DFB-Trikot.

Jonas Hector

Der Kölner ist nach vorn eine Bereicherung. Wird immer mehr eingebunden. In der Defensive auf seiner Seite kaum Probleme.

Bastian Schweinsteiger

Wie gegen Polen ohne große Aktionen, mehr Mitläufer als Antreiber. Brachte keine entscheidende Idee nach vorn.

Toni Kroos

Eher der unauffällige Ballverteiler, großer Aktionsradius. Vermied das letzte Risiko, machte aber auch kaum Fehler.

Thomas Müller

Wieder einmal der Mann des Abends: Markierte seine Quali-Tore Nummer sieben und acht. Und auch am Siegtreffer beteiligt.

Ilkay Gündogan

Nicht so auffällig wie gegen Polen. Aber klasse der Doppelpass mit Müller und sein 3:2. Einige exzellente Szenen.

Mesut Özil

Der Zauberer spielte sehr mannschaftsdienlich. Doch die linke Seite wird nicht mehr seine Wunschposition. Ihm fehlte der Biss.

Mario Götze

Traf wieder zweimal - aber aus Abseitsposition. Bewegte sich viel, immer anspielbereit. Die Tor-Belohnung fehlt dieses Mal.

André Schürrle

Durfte noch fünf Minuten mitmachen, um vielleicht den beruhigenden Konter zu setzen.

Christoph Kramer

Kam für Özil. Taktische Einwechslung in der Nachspielzeit.

Dabei kann niemand behaupten, dass sich diese Schotten nicht bemüht hätten, an der weltmeisterlichen inneren und äußeren Balance zumindest zu rütteln. Aus vollem Hals brüllten rund 45.000 die Nationalhymne vor dem Spiel, man hatte eine vergleichbare Stimmung bislang nur vor dem Halbfinale der Weltmeisterschaft in Brasilien erlebt. "Sensationell war das, vielleicht das Beste, was ich je erlebt habe", bilanzierte der Verteidiger Mats Hummels anerkennend. "Ich hatte tatsächlich Gänsehaut bei der schottischen Nationalhymne."

Auch Präsident Wolfang Niersbach schien noch regelrecht ergriffen von so viel gelebter Leidenschaft. "Wie die Fans hinter ihrer Mannschaft stehen, dieser Nationalstolz, obwohl Schottland gar keine eigenständige Nation ist, beeindruckend", diktierte Niersbach frohgemut in die Mikrophone. Man hätte glauben können, die Deutschen hätten eben ein Schwergewicht des europäischen Fußballs aus dem Feld geschlagen.

So viel Kriegslist

Tatsächlich tat der gesamte germanische Tross gut daran, sich nicht von jener 0:1 Niederlage des Gastgebers am Freitag gegen Georgien in Sicherheit wiegen zu lassen. Zwar rechneten selbst einheimische Reporter mit einer schlimmen Abreibung gegen den Weltmeister, allein bei allen technischen Unzulänglichkeiten, ohne großen Kampf verlässt der Schotte nicht den heimischen Hampden Park. Und tatsächlich rieben sich die Deutschen dann auch schnell die Augen bei soviel Kriegslist, die ihr da entgegen schlug.

Sechs Verteidiger auf einer Linie, davor noch einmal drei Abfangjäger und ein einziger Stürmer auf weiter Flur, das moderne Tatkikbuch sieht derlei eigentlich nicht vor. Wie die berühmte Schildkröte sah das bisweilen aus, jene Kriegsformation des römischen Heeres, in dem die Streiter eng beeinander stehen und mit ihren Schildern die Reihen schließen. Ein enger Block bewegte sich da also behände am Strafraum von links nach rechts, während die Deutschen beharrlich nach der undichten Stellen fahndeten.

"Denke, wir haben ein tolles Spiel gemacht"

Oft drangen sie nicht durch den Wall, aber oft genug, da war man sich hernach einig. "Wir haben auch unsere Probleme gehabt, unsere Chancen herauszuspielen", erklärte der Torwart Manuel Neuer, nicht ohne sogleich hinzuzuführen: "Aber wir haben auch drei Tore erzielt. Das ist nicht so einfach, das muss erst einmal jemand in Schottland schaffen." Man spiele schließlich nicht alle Tage gegen eine sogenannte Sechserkette, die "wie eine Handballmannschaft" agiere. "Ich denke, dass wir ein tolles Spiel gemacht haben", schloss Neuer deshalb zufrieden und schritt kurz darauf mit dem federnden Gang eines Mannes zum Bus, den Zweifel an einer vorzeiten EM-Qualifikation nie beschlichen haben können.

Tatsächlich offenbarte er, wie schwer es ist, diese Elf spätestens seit dem WM-Sieg aus der Ruhe zu bringen. Weder Slapstick-Tore auf beiden Seiten, noch der der 2:2-Ausgleich kurz vor der Halbzeit sowie ein rasendes Publikum trieben Unordnung in die deutschen Reihen. "Wir sind uns unserer Stärken bewusst", erklärte Hummels. "Wir wussten, wenn wir das Spiel wieder unter Kontrolle bekommen, durch unseren Ballbesitz, dann bekommen wir unsere Chancen. Dann machen wir noch mindestens eins". So sollte es kommen.

Can - überdreht und hektisch

Die Weltmeister Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger ließen den Ball vor dem Schotten-Riegel nach links und rechts zirkulieren, Müller und Götze irrlichterten im Bollwerk umher und versuchten Unfrieden zu stiften. Dazwischen trieb der emsige Gündogan an, schneller, als man ihn seit Jahren gesehen hat. Lediglich der reichlich hektische und defensiv etwas überdrehte Can sowie ein unsichtbarer Mesut Özil fielen in einer soliden Gesamtvorstellung ab. Schwer vorstellbar, dass Löw vor allem den ohnehin nur umgeschulten Can auf dem Weg zur Dauerlösung in der Viererkette wähnt.

Der Rest darf sich als Gewinner fühlen. Die Qualifikation ist so gut wie geschafft. Die deutsche Elf, sie nimmt nach einem Jahr der aktiven Erholung langsam wieder Fahrt auf. Schottland wird wieder einmal ein großes Turnier verpassen. Beinahe konnte man den Eindruck gewinnen, dass dies ihre Gäste am Montagabend mindestens so sehr bedauerten wie sie selbst. 

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